Stand: 01.02.2016 13:00 Uhr

Arbeitsagentur erwartet "Flüchtlingseffekt"

von Constantin Gill, Patrick Baab, Eike Lüthje

Die wichtigsten deutschen Sätze, die sie bei der Arbeit braucht, hat sie schnell gelernt. "Was soll bei Ihnen gemacht werden? Wann haben Sie Zeit?", fragt Mahboubeh Ghahremani, wenn das Telefon im Friseursalon klingelt. Im Hintergrund brummt ein Lockenstab. Jemand bekommt die Augenbrauen gezupft. Eine ältere Dame lässt sich gerade beraten.

Mahboubeh Ghahremanis Weg auf den Arbeitsmarkt

Praktikum sicherte den Einstieg

Die 32-jährige Ghahremani macht in dem Kieler Friseursalon eine Ausbildung. Vor drei Jahren kam sie aus dem Iran nach Deutschland. Am Anfang war die Sprache die größte Hürde. Doch Friseurmeisterin Sieglinde Hug wollte die Iranerin in ihrem Team haben. "Wir haben uns gesehen und wussten, dass es funktioniert. Sie hat zwei Wochen Praktikum gemacht. Und so, wie sie gearbeitet hat, passte sie in unser Team."

Deutsch lernen als Voraussetzung

Nach dem Praktikum war der Weg frei für eine Ausbildung. Die läuft mittlerweile seit eineinhalb Jahren. Gleichzeitig absolviert Ghahremani einen Deutschkurs bei einer Friseurmeisterin, die ihr Begriffe aus dem Berufsalltag beibringt. Dazu kommt noch einmal allgemeine Deutsch-Nachhilfe, die von der Arbeitsagentur gefördert wird.

Ghahremani hat also den Schritt auf den Arbeitsmarkt geschafft. Selbstverständlich ist das nicht. Laut Margit Haupt-Koopmann, die Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, ist die Zahl der arbeitslosen Migranten gestiegen - um 19,5 Prozent im Vergleich zum Januar 2015.

Wer einen Aufenthaltstitel bekommt, kann sich arbeitslos melden. Immer mehr Flüchtlinge kommen so auf den Arbeitsmarkt. In diesem Jahr dürfte sich das auch auf die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen insgesamt auswirken.

Der "Flüchtlingseffekt" kommt

Am Dienstag konnte die Arbeitsagentur zwar den besten Januar-Wert seit 1993 vorweisen. 105.000 Menschen waren in dem Monat in Schleswig-Holstein ohne Job. Aber Haupt-Koopmann erwartet einen "Flüchtlingseffekt": Die Jahresprognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sagt einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen für 2016 voraus. Danach liegt der Jahresdurchschnitt mit 101.000 Arbeitslosen über dem von 2015.

Von einer Trendwende will Haupt-Koopmann nicht sprechen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt sei weiterhin "absolut stabil". Aber: Es müsse schnell gehandelt werden. "Wir dürfen keine Zeit verlieren", sagt sie.

Qualifizieren, qualifizieren, qualifizieren

Der Chefin der Regionaldirektion Nord ist es wichtig, dass die vielen Flüchtlinge, die nach Schleswig-Holstein kommen, nicht reihenweise im Niedriglohnbereich untergebracht werden, sondern anständig qualifiziert werden. "Wir brauchen einen langen Atem," sagt sie. "Von heute auf morgen wird es nicht gelingen."

Was unbedingt verhindert werden soll: ein Verdrängungswettbewerb auf dem Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte. "Da steuern wir zweigleisig gegen", sagt Haupt-Koopmann. Man setze bei einheimischen Arbeitslosen alles daran, möglichst viele zu qualifizieren. Dafür nehme man sehr viel Geld in die Hand. Und das wolle man auch bei Flüchtlingen mit einer Bleibeperspektive machen.

Handwerkskammer vermittelte Auszubildende

Und so hat Ghahremani den Sprung in den Arbeitsmarkt geschafft. Chefin Hug fragte bei der Handwerkskammer nach, die ihr die Bewerberin vermittelte. Die Arbeitsagentur zahlte für eine Einstiegsqualifizierung. "Das heißt, ich habe ein Jahr lang keine Kosten", sagt Hug.

Ghahremani hat gerade ihrer Kundin die Haare gewaschen, jetzt kommt die Schere zum Einsatz. In zwei Wochen hat die Iranerin ihre Zwischenprüfung. Wenn sie mit ihrer Ausbildung fertig ist, will sie weitermachen. Am liebsten will Mahboubeh Ghahremani selbst Meisterin werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 02.02.2016 | 10:00 Uhr