Stand: 17.01.2016 12:46 Uhr

"Alte Knacker" nicht erwünscht

von Carsten Janz, Eike Lüthje, Constantin Gill

Einmal sagte es ihm jemand am Telefon ganz direkt: "So alte Knacker wollen wir hier nicht." Dirk Rohde aus Kiel ist 56. Und er will sich nicht aufs Abstellgleis stellen lassen. Die Unternehmen, bei denen er sich beworben hat, wollen ihn nicht einstellen. Mit den unterschiedlichsten Begründungen. Zwischen den Zeilen aber liest er heraus: Es liegt an seinem Alter.

Kein Interesse - trotz Zuschüssen?

Immer wieder bekommt er zu hören, er habe keine Berufserfahrung. Rohde meint aber, man müsse ihm nur die Chance geben, sich einzuarbeiten. "Wenn die Arbeitgeber Fachkräfte suchen, wieso stellen sie dann nicht willige, über 50-Jährige ein, die auf der Suche sind nach Arbeit, die aber noch keine Berufserfahrung haben? Es gibt vom Staat, gerade für die über 50-Jährigen, Zuschüsse, die die Firmen nutzen könnten."

Fortbildungen helfen nicht

Dirk Rohde sitzt auf seiner Couch und blättert durch seinen Lebenslauf. Der ist drei Seiten lang. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung, wurde dann Software-Entwickler, arbeitete bei verschiedenen Unternehmen im Vertrieb, im Einkauf, als Programmierer. Nachdem er 2013 arbeitslos wurde, bildete er sich fort. Noch und nöcher. Vor ihm auf dem Tisch liegen die Englisch-Bücher. Auch mit dem Englisch-Kurs will der 56-Jährige versuchen, sich für die Personalchefs des Landes interessanter zu machen. "Meine Motivation schöpfe ich eigentlich im Grunde genommen daraus, dass ich mich immer weiter fortbilde, dass ich immer wieder neue Wege suche, mich immer wieder neu bewerbe." 50 oder 60 Bewerbungen waren es bisher.

Interview

"Vorurteile können wir uns nicht leisten"

Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, fordert im NDR Interview ein Umdenken bei den Unternehmen. Sie sollten auch älteren Bewerbern Chancen geben. mehr

Schizophrene Unternehmen?

In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen insgesamt gesunken. Bei den Menschen über 55 ist sie dagegen angestiegen. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sollten Unternehmen stärker auf ältere Arbeitnehmer setzen - da sind sich die Experten einig. Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, fordert ein Umdenken: "Gucken Sie sich die Unternehmenschefs an, die meisten sind über 50. Man würde doch nie in Erwägung ziehen, dass sie selbst nicht mehr leistungsfähig, dass sie weniger flexibel sind." Älteren Arbeitnehmern ohne Chefposition wird nach Beobachtung von Haupt-Koopmann jedoch häufig genau das unterstellt. "Das ist eine gewisse Schizophrenie in der Gesellschaft, die ich da feststelle."

Arbeitgeber ohne Konzepte

Auch Meinhard Geiken von der IG Metall Küste sieht die Unternehmen in der Pflicht. "Die Erfahrung und die Qualifikation der Kollegen ist da", meint Geiken. "Aber unsere Betriebsräte stellen auch fest, dass die Arbeitgeber keine Konzepte haben." Für den Gewerkschafter ist es ein Widerspruch: Einerseits zu fordern, dass Arbeitnehmer bis 67 arbeiten sollen. Andererseits nicht die Bedingungen dafür zu schaffen.

Zu hohe Gehaltsvorstellungen?

Der Arbeitgeberverband UV Nord stellt klar: "Es soll niemand zurückgelassen werden." Von den Unternehmen gebe es viele Anreize, ältere Arbeitnehmer einzubeziehen, sagt Geschäftsführer Sebastian Schulze. Der Jugendwahn sei - gerade vor dem Hintergrund der älterwerdenden Gesellschaft - vorbei. Aber: "Wir dürfen auch nicht vergessen, dass eine Neueinstellung für ein Unternehmen eine langfristige Investition ist. Und da will ich nicht verhehlen, dass einige Unternehmen schauen, ob diese Investition auch gerechtfertigt ist - oder ob sich vielleicht parallel ein zehn Jahre jüngerer Kandidat bewirbt."

Bei Langzeitarbeitslosen kommen aus Sicht der Unternehmensverbände manchmal noch andere Probleme hinzu: Psychische Erkrankungen zum Beispiel. Häufig gebe es auch unterschiedliche Gehaltsvorstellungen, sagt Schulze. Viele ältere Arbeitssuchende hätten nach Jahren im Beruf einen höheren Lebensstandard. Das erschwere die Jobsuche, meint der Unternehmervertreter.

Das soziale Umfeld schrumpft

Dirk Rohde dagegen würde sogar als Praktikant anfangen. Um überhaupt wieder zu arbeiten. Um aus dem "Sumpf" herauszukommen, wie er es nennt. Katze "Lilly" streift um seine Beine herum. Der Sozialhilfeempfänger lebt von 780 Euro im Monat. Leisten kann er sich kaum etwas. Das wirkt sich auch auf seine sozialen Kontakte aus. "Wenn die anderen sich in der Bar eine Flasche Wein bestellen, nehme ich ein Glas Mineralwasser. An dem ich mich dann einen Abend lang festhalte."

Wer arbeitslos wird, bekommt auch weniger Rente - es droht Altersarmut. Meinhard Geiken von der IG Metall Küste sagt es ganz deutlich: "Wer mit 50 oder 55 arbeitslos wird und keine Chance mehr auf einen neuen Job hat, für den ist die Altersarmut programmiert."

Arbeitslos über 55: "Man gehört nicht mehr dazu"

Irgendwann kommt die Ernüchterung

Einige seiner Freunde wollen inzwischen nichts mehr von ihm wissen. Dirk Rohde hat zwar zwar Kontakt zu anderen Arbeitslosen. "Der Kreis, in dem man sich bewegt, wird aber immer kleiner. Und man hat dann ja auch das Gefühl, man taugt nichts mehr, man gehört nicht dazu zur Gesellschaft - das ist das Problem an der ganzen Geschichte." Der Sozialverband in Schleswig-Holstein kennt diesen Teufelskreis. "Das ist oftmals das, was den Betroffenen am schwersten fällt. Je länger die Arbeitssuche dann dauert, desto größer ist irgendwann auch die Ernüchterung. Und die Motivation, sich weiter zu bewerben, sinkt."

Zwischen Trotz und Hoffnungslosigkeit

Bei Dirk Rohde noch nicht. Er sitzt gerade wieder an einer Bewerbung. Tippt an seinem kleinen Schreibtisch am Fenster in seinen PC. Katze "Lilly" maunzt. Rohde sagt: "Ich will arbeiten. Und solange ich diesen Willen habe, so lange mache ich auch weiter." Er lacht. Und wird dann wieder ernst. Weitermachen. "Aber immer mit einer Träne im Auge."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 17.01.2016 | 12:00 Uhr