Stand: 27.02.2016 15:35 Uhr

700 Kurzhaarschnitte für die Schafe, bitte!

von Rebekka Merholz

Ein metallisches Surren erfüllt den etwa 5000 Quadratmeter großen Stall von Landwirt Jan Siebels. Zwischendurch hört man Schafe durcheinanderblöken. Die Tiere sind aufgeregt, denn sie ahnen, dass heute kein normaler Tag ist. Einmal im Jahr müssen alle 700 Schafe geschoren werden. Drei Schermeister kommen dazu in Siebels' Stall.

Wolle ab: Pro Schaf zwei Minuten

Mit routiniertem Griff fixiert

Einer von ihnen ist Jens Gerbert. Er steht vornübergebeugt auf einer etwa einen Quadratmeter großen Holzplatte. Um seinen Bauch hat er einen weichen Gurt gebunden, in den er sich reinhängen kann. Oben wird er von einem Metallgestell gehalten. "Das entlastet meinen Rücken", erklärt der Schermeister. Zwischen seinen Oberschenkeln fixiert er das rechte Vorderbein eines Schafes. Das linke klemmt er zwischen seinen Oberarm und seinen Oberschenkel. "So kann das Tier nicht weg", sagt Jens Gerbert und setzt seine Schermaschine an, die aussieht wie ein übergroßer Rasierapparat beim Friseur.

"Das ist einfach Berufung"

Die ersten Wollstücke fallen zu Boden. "Ich schere die Schafe nach der neuseeländischen Methode", erzählt der Schermeister. "Zuerst nehme ich die schmutzige Bauchwolle, das Fell an den Beinen und am Kopfe weg. Erst danach fange ich mit der guten Wolle, dem sogenannten Fleece, auf dem Rücken an." Rund zwei Minuten braucht der erfahrene "Friseur" pro Tier. Seit zwanzig Jahren macht er seinen Job nun und liebt ihn noch immer: "Das ist einfach eine Berufung. Man ist sein eigener Boss, reist viel rum und ist jeden Tag woanders." Im Sommer, wenn die Schafe in Deutschland alle fertiggeschoren sind, geht es für Jens Gerbert nach Schottland. Viel Zeit, die Natur dort zu genießen, hat er allerdings nicht. "Man sieht nur das, was rechts und links von der Autobahn ist", erzählt Gerbert lachend. Für mehr bleibe einfach keine Zeit.

700 Schafe - und ein böser Wolf

Landwirt Jan Siebels lässt seine Herde jedes Jahr Ende Februar scheren. "Im April kommen die ersten Lämmer, und wenig später kommen die Schafe auf die Weide. Da ist es gut, wenn das Fell dann schon wieder ein bisschen gewachsen ist", erklärt der Schäfer. An den April vergangenen Jahres hat er keine guten Erinnerungen. Seine Schafe standen mit ihren nur wenige Tage alten Lämmern auf der Weide, als sie von einem Wolf angegriffen wurden. Mehr als 20 Muttertiere verendeten damals qualvoll, weitere 30 Schafe und Lämmer mussten wegen ihrer schweren Verletzungen eingeschläfert werden. Die Bilder von damals wird der erfahrene Schäfer nie vergessen. Sie haben ihn geprägt: "Wenn der Wolf dauerhaft zurück nach Schleswig-Holstein kommt, muss ich darüber nachdenken, mir einen anderen Beruf zu suchen." Schon jetzt macht er sich regelmäßig Sorgen, dass seinen Schafen wieder ein solcher Angriff widerfahren könnte. Bisher sei zum Glück nichts passiert. Aber Siebels hat gehört, dass momentan wieder ein Wolf unterwegs sein soll. Besser schützen kann er seine Herde nach eigener Aussage nicht: "Ich habe einfach zu viel Weidefläche, um sie wirkungsvoll einzuzäunen."

Ist der Schermeister entspannt, sind es die Schafe auch

Die Schafe blöken unterdessen fleißig weiter. Manchmal wehren sie sich auch gegen die bevorstehende Schur. Doch ihre Chancen, mit Fell davonzukommen, sind gleich Null. "Hier kommt kein Schaf ungeschoren raus", ruft Schermeister Gerbert, während er ein ausgebüxtes Tier zurück auf die Scherbank zieht. Sein Job ist nicht immer ungefährlich: "Ich habe mir schonmal drei Rippen und das Schlüsselbein gebrochen, weil Schafe ausgekeilt haben. Aber das gehört dazu. Es sind halt Tiere." Dass die Schafe sich nicht darum reißen, ihr Fell zu verlieren, kann Gerbert verstehen. Deshalb versucht er immer, es den Tieren so angenehm wie möglich zu machen. "Das Wichtigste ist, dass man selbst entspannt ist und keinen Stress verbreitet." Wie das geht? "Nur mit Erfahrung." Und tatsächlich: Die meisten Schafe lassen die Prozedur relativ ruhig über sich ergehen, wenn sie einmal auf der Scherbank sind. Aber auch dafür hat der Schermeister eine einfache Erklärung: "Ein Schaf ist wie eine Schildkröte. Wenn es die Beine in der Luft hat, kann es nicht mehr viel machen." 

Die Wolle muss regelmäßig ab

Für die Schafe ist eine regelmäßige Schur überlebenswichtig. "Wenn die nicht geschoren werden, dann wird die Wolle viel zu schwer, die Tiere schwitzen und können sich nicht mehr richtig entwickeln", erzählt Gerbert. Gerade in Neuseeland, Australien und Schottland komme es schon mal vor, dass sich Schafe verirren und nicht mehr zur Herde zurückfinden. "Die werden dann ein paar Jahre nicht geschoren, ehe sie dann gefunden werden. Das ist echt schlimm für die Tiere. Ich hatte auch mal so ein Exemplar. Da habe ich bestimmt 20 Kilogramm Wolle runter geholt. Das war echt extrem", erinnert sich der Schermeister an seinen schwierigsten Fall. Dieses Schicksal droht keinem von Jan Siebels Schafen. Nach zwei Tagen Frisierarbeit im Akkord sind alle Tiere mit modischen 3 Millimeter-Kurzhaarfrisuren ausgestattet und der Frühling kann kommen.