Stand: 20.03.2016 13:01 Uhr

11 statt 500: Balkanroute dicht, Erstaufnahme leer

von Claus Halstrup

Die umstrittene Schließung der Balkanroute für Flüchtlinge greift. Das sieht man auch in Niedersachsen. Denn vor allem die Notunterkünfte vieler Landkreise sind leer, gähnend leer. Die Anne-Frank-Schule in Nordhorn etwa ist eine solche Unterkunft, die der Landkreis Grafschaft Bentheim für das Land Niedersachsen als Pufferunterkunft für Erstankömmlinge vorhalten muss. Seit Februar werden die Schüler der Förderschule in den Räumen eines Nordhorner Gymnasiums unterrichtet. Dafür sollen in ihrem ehemaligen Schulgebäude Flüchtlinge leben: Ein Amtshilfeabkommen regelt, dass hier 500 gerade eingetroffene Flüchtlinge Platz haben, bevor sie auf die Landkreise weiter verteilt werden. Die Infrastruktur ist perfekt: Jeder Schlafraum für die überschaubare Zahl von acht Personen hat eine Toilette, neue Duschen wurden eingebaut, es gibt Platz für gemeinsame Aktivitäten wie Fußball oder Tischtennis und einen Kickertisch. Sogar eine große Bühne existiert, auf der schon ein großes Bingo-Turnier in vier Sprachen stattgefunden hat.

Gähnende Leere in Nordhorns Notunterkunft

Manche Mitarbeiter feiern jetzt die Überstunden ab

Doch in diesen Tagen leben gerade einmal elf Männer in dem ganzen Gebäude. Umsorgt werden sie von gut 20 hauptamtlichen Helfern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Rüdiger Dove vom DRK ist der zuständige Koordinator, quasi der Leiter der Flüchtlingsnotunterkunft. "Wäre es hier so leer, weil sich die politische Situation in den nah-östlichen Kriegsgebieten stabilisiert hätte, wären wir alle glücklich. Die Situation, wo und wie die Flüchtlinge zurzeit leben und nicht den Weg zu uns schaffen, ist für uns aber schwer zu ertragen", sagt Dove, der wie andere DRK-Mitglieder ehrenamtlich hilft. Die gut 20 hauptamtlichen Stellen hat das DRK eigens für die erst im Februar eröffnete Unterkunft in der Anne-Frank-Schule geschaffen - neben Vollzeitstellen auch Teilzeit- und 450-Euro-Kräfte. Oft sind jetzt mehr Helfer vor Ort als Flüchtlinge. Andere feiern ihre Überstunden ab. Bezahlt wird alles vom Land Niedersachsen.

Ein Ärgernis: Zwei Kilometer weiter leben 100 Männer in einer Turnhalle

Es ist aber nicht die finanzielle Seite, die Landrat Friedrich Kethorn (CDU) stört. Es ist die nicht genutzte, hervorragende Infrastruktur. "Wir müssen diese Räume freihalten für einen eventuell neuen Flüchtlingsstrom. Doch keiner weiß, ob und wann dieser kommt", erklärt der Landrat. Gerne würde man den Kollegen aus der Stadt unter die Arme greifen, so Kethorn. Denn die Stadt Nordhorn hat das Problem, nicht genügend dezentrale Wohnungen für die schon registrierten Flüchtlinge anbieten zu können. So leben diese weiterhin in einer Turnhalle, 100 Männer, auf engem Raum. Die Stadt versucht alles, sie anders unterzubringen - bisher aber ohne Erfolg. Die leeren Räume, nur zwei Kilometer entfernt, muten dagegen wie reiner Luxus an. Bis die nächste große Flüchtlingsgruppe ankommt, wird das wohl so bleiben.

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Hallo Niedersachsen | 20.03.2016 | 19:30 Uhr