Stand: 03.01.2017 14:34 Uhr

Vom Priester missbraucht - Opfer bricht Schweigen

von Carsten Ehrbar
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Das Opfer ist inzwischen 41 Jahre alt, kann aber nicht vergessen, was geschehen ist.

2010 hatte ein Missbrauchsskandal das Bistum Osnabrück beschäftigt: Ein katholischer Priester gestand bei Vernehmungen, Jahrzehnte zuvor Sex mit einer Jugendlichen gehabt zu haben. Zu einem öffentlichen Prozess kam es aber nie. Der Priester wurde 2013 vom Kirchengericht schuldig gesprochen und versetzt. Er darf seitdem weder leitende Aufgaben übernehmen noch in der Kinder-und Jugendseelsorge tätig werden. Nun bricht das Opfer sein Schweigen und es wird klar: Es gab damals, in den 90er-Jahren, Versäumnisse des Bistums.

Nicht nur ein Mal, sondern immer wieder

Claudia Meyer* ist damals eine Jugendliche, fast noch ein Kind, mit ihren 13, 14 Jahren. Zierlich, mit hellen leuchtenden Augen. Die dunklen Haare kurz wie ein Junge. Sie hat ein Grübchen, wenn sie lächelt. Im Jahr 1990 - sie kann sich nicht mehr erinnern, wann genau - hat in der Harener Kaplanei ein Priester Sex mit ihr. Nicht ein Mal, sondern immer wieder. Das geht über Jahre so. Wenn sie daran zurückdenkt, spricht sie von sich in der dritten Person. Als wenn sie dadurch das Schlimme, das sie erlitten hat, nur betrachtet, nicht erlebt: "Man war in der Kirche tätig, ist dann mehr oder weniger abhängig geworden und hat sich dann unter Druck setzen lassen, da jeden Tag hinzukommen."

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"Das hätte jemandem auffallen müssen"

Claudia kann sich niemandem anvertrauen. Denn im streng katholischen Emsland redet man nicht schlecht über einen Mann der Kirche. Doch eigentlich hätte jemand bemerken müssen, dass sie fast täglich in der Kaplanei bei Kaplan H. ist: "Mein Fahrrad stand eigentlich jeden Tag vor der Tür, das hätte schon jemanden auffallen müssen. Das war nach der Schule, das war vor Gottesdiensten, das war schon auffällig."

Eine Nonne meldet sexuelle Beziehung des Priesters - zu einer Frau

Erst als Claudia 21 ist, vertraut sie sich einer Nonne an, die damals in der Kaplanei als Haushälterin arbeitet. Sie hätte etwas mitbekommen müssen, meint Claudia, wie ihr oben Gewalt angetan wurde. Der Stein kommt ins Rollen. Die Nonne meldet sich beim Bistum. Doch sie nennt die Dinge offenbar nicht beim Namen. Warum sie nicht deutlicher wurde, wird wohl nie geklärt werden. Auf Anfrage des NDR will sie sich zu dem Fall nicht äußern. Beim Bistum geht man damals aufgrund der Angaben davon aus, der Kaplan habe eine Affäre - mit einer Frau. Dass eine Teenagerin missbraucht wird, ahnt niemand. Bistumssprecher Hermann Haarmann: "Wir sind davon ausgegangen, dass es ist eine erwachsene Frau ist und dass es sich um ein Zölibatsvergehen des Priesters handelt. Das war die Information, die wir damals hatten."

Beliebter Priester bei den Jugendlichen

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Claudia Meyer und Kaplan H. in den 90er-Jahren. Damals begann der Missbrauch.

Kaplan H. halten damals viele für einen jungen, sympathischen Mann. Seine randlose Brille und der etwas unmoderne Kinnbart lassen ihn gelehrig wirken. Er schart junge Leute um sich. Im emsländischen Haren und in Georgsmarienhütte bei Osnabrück hat der Kaplan einen guten Ruf. Denn er kann mit Jugendlichen umgehen, nimmt sie ernst, bindet sie in die kirchliche Jugendarbeit ein. Überzeugt durch sein Charisma. Ein Priester, wie ihn sich die Kirche wünscht.

Angaben der Nonne wurden nicht überprüft

Unerklärlich für Bistumssprecher Hermann Haarmann, warum man damals die Angaben der Nonne nicht ernst genommen und überprüft hat: "Aus heutiger Sicht muss man sagen, das war sicher naiv, das so zu glauben. Wenn wir zugrunde legen, was wir mittlerweile an Erkenntnissen haben, hätte man nachfragen müssen: Wann war diese Beziehung zu der Frau, und wie alt war die Frau damals?"

Das Bistum zeigt den eigenen Priester an

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In der Harener Kaplanei war Claudia Meyer fast täglich. "Das hätte jemandem auffallen müssen", sagt sie.

Die Angaben der Nonne bleiben folgenlos. Der Priester wird zwar auf die "Beziehung" angesprochen, er räumt sie ein, doch die Kirche verhängt keine Sanktionen. Der Fall wird zu den Akten gelegt. 2010, als das Thema sexueller Missbrauch bundesweit Schlagzeilen macht und Claudia sich an den Missbrauchsbeauftragten wendet, reagiert das Bistum sofort, unmissverständlich: "Wir haben erst 2010 von dem Missbrauch erfahren, als das Opfer sich direkt bei uns gemeldet hat. Daraufhin haben wir den Priester einbestellt und mit ihm gesprochen. Er hat das auch zugegeben, und wir haben ihn verpflichtet, dass er sich selbst anzeigt. Das hat er nicht gemacht. Daraufhin hat das Bistum die Protokolle und die Notizen über die Gespräche, die wir mit ihm geführt haben, an die Staatsanwaltschaft gegeben und ihn quasi dadurch angezeigt."

Strafprozess platzt

Die Staatsanwaltschaft ermittelt und klagt den Priester an. Dieser leitet inzwischen eine eigene Pfarrei im emsländischen Spelle. Doch zu einem öffentlichen Prozess kommt es nie. Die Jugendkammer des Landgerichts Osnabrück lehnt die Eröffnung eines Hauptverfahrens ab. Denn es lasse sich nicht aufklären, ob der Priester beim Sex Gewalt angewendet habe. Nur im Falle einer Gewaltanwendung sei der Missbrauch nicht verjährt gewesen. Es stehe Aussage gegen Aussage. Der Priester hatte in Vernehmungen ausgesagt, der Sex mit dem damals jugendlichen Mädchen sei einvernehmlich gewesen. Das vom Bistum Osnabrück eingeschaltete Kirchengericht entscheidet anders. Es hält den Priester für schuldig. Er wird versetzt, darf keine leitenden Aufgaben übernehmen, außerdem nicht in der Kinder-und Jugendseelsorge tätig werden.

"Bischof hat keine Möglichkeit, Gehalt zu kürzen"

Seit 2014 arbeitet der heute 56-Jährige in Köln für einen Geschichtsprofessor in Diensten der Kirche. Der Historiker forscht über Priester im Nationalsozialismus. Dafür wird er weiter von der Kirche bezahlt. Bistumssprecher Haarmann: "Der Pfarrer bekommt ein gekürztes Priestergehalt. Was für die Betroffenen häufig sehr schwierig nachzuvollziehen ist. Das kann ich persönlich auch verstehen, dass sich die Opfer damit schwer tun, dass jemand, der sie missbraucht hat, immer noch finanziell recht gut da steht."

"Einmal Opfer - immer Opfer"

Seit 2010 hat sich der Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen deutlich verändert, sagt Haarmann. Man sei sensibler geworden, biete den Opfern Hilfe an, unternehme Besuche, bleibe im Gespräch. Dass ein Opfer wie Claudia 13 Jahre lang damit leben musste, nicht ernst genommen zu werden - diese Zeiten sind wohl vorbei. Doch für Claudia Meyer ist auch klar: "Einmal Opfer - immer Opfer." Sie wird immer wieder an die Taten erinnert. Allein schon, wenn jemand "so" sagt, reagiert sie empfindlich. Denn er habe immer "so" gesagt, wenn er mit ihr fertig war.

"Werde ihm nie verzeihen können"

Inzwischen ist sie 41 Jahre alt, hat drei Kinder. Manchmal fragt sie sich, was aus ihrem Leben geworden wäre, wenn das damals nicht passiert wäre. "Man versucht immer, das zu verdrängen, aber dann gibt es Situationen oder Tage bestimmten Datums, wo es einfach wieder hochkommt. Man muss lernen, damit zu leben. Das ist nicht so einfach. Es ist schwierig, damit umzugehen, man wird's auch nie vergessen. Ich werde ihm auch nie verzeihen können, dass er mir das angetan hat."

*Name von der Redaktion geändert

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 03.01.2017 | 17:00 Uhr

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