Stand: 17.05.2017 15:26 Uhr

Tödliche Dosis: Verfahren teilweise eingestellt

von Josephine Lütke
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Nur eine von 20 Pillen nahm die 54-Jährige - bereits diese Dosis war tödlich. (Archivbild)

Am ersten Prozesstag ist am Mittwoch vor dem Osnabrücker Amtsgericht das Verfahren gegen drei Ärzte und einen Apotheker in drei Fällen eingestellt worden. Sie müssen lediglich Geldauflagen zwischen 7.500 und 10.000 Euro zahlen. Der Prozess gegen einen der Ärzte läuft dagegen noch weiter. Die Anwälte und auch die Richterin sind sich einig: Der Fall ist eine "Verkettung unglücklicher Umstände". Eine falsche Dosierungsangabe in einem Arztbrief führte an zwei weiteren Ärzten und einem Apotheker vorbei zu dem Tod der damals 54-jährigen Frau aus Wersen.

Hundertfache Dosis verschrieben

Die notierte und später auch ausgehändigte Dosis des Medikamentes Cholchicin sei das Hundertfache von dem gewesen, was er sonst verschreibe, so der beschuldigte Chefarzt der Kardiologie. Er ist auch der Arzt, der sich weiter verantworten muss: Wegen möglicher arbeitsrechtlicher Konsequenzen war er mit einer Einstellung des Verfahrens gegen Auflagenzahlung nicht einverstanden. Ein Sohn der Verstorbenen erklärte nach dem Beschluss, es gebe in diesem Fall wohl keine Gerechtigkeit mehr. Er und seine drei Geschwister waren als Nebenkläger aufgetreten und hatten gehofft, nach sechs Jahren endlich mit dem Tod der Mutter abschließen zu können.

Schuldfrage kaum zu klären

Rückblick: Es ist der 22. August 2011, als eine damals 54-jährige Frau aus Wersen bei Osnabrück eine Tablette nimmt, die ihr bei einer Herzerkrankung helfen soll. Doch die Pille tötet die Frau, denn sie enthält eine viel zu hohe Dosis des Medikaments Colchicin. Die Frau stirbt am darauffolgenden Tag an einer Vergiftung. Vor dem Osnabrücker Amtsgericht mussten sich deshalb seit Mittwoch drei Ärzte und ein Apotheker wegen fahrlässiger Tötung verantworten.

Bekam die Frau die 50-fache Menge?

Andere Behandlungen hatten bei der Patientin nicht angeschlagen. Daher soll einer der angeklagten Ärzte geraten haben, es mit Colchicin zu versuchen. Laut Akten sei das eine anerkannte Behandlung gewesen, sagt Thomas Ketterer, Sprecher des Amtsgerichts Osnabrück. Der Arzt soll zunächst ein Empfehlungsschreiben verfasst haben, in dem er auch schon die Dosierung vorgegeben haben soll. 25 Milligramm pro Tablette. Das ist laut eines Gutachtens das 50-fache der normalen Menge. Zwölf, 15 oder 20 Milligramm pro Pille: Es gibt unterschiedliche Angaben, ab welcher Dosis Colchicin tödlich ist. Ein zweiter Arzt soll dieses Schreiben unterzeichnet haben. Der Hausarzt habe schließlich das Rezept ausgestellt, so der Gerichtssprecher. Alle drei saßen in Osnabrück auf der Anklagebank.

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Auf Grundlage des Rezeptes soll ein Apotheker schließlich insgesamt 20 Tabletten mit der vorgegebenen Dosis Colchicin hergestellt haben. Laut dem Gerichtssprecher hat sich der Apotheker bei dem Hausarzt noch einmal erkundigt, ob es tatsächlich diese Dosierung sein soll. Der Hausarzt habe ihm daraufhin eine Durchschrift des Arztbriefes übersandt. Der Apotheker gab der Frau die tödlichen Pillen. "Somit ist an vier Stellen niemand darüber gestolpert, dass das Medikament in dieser Dosierung nie hätte hergestellt werden dürfen", sagt Henning Pohl, der Sohn der Verstorbenen.

Arzt diagnostiziert Magen-Darm-Erkrankung

Nachdem die Frau die erste Tablette genommen hatte, litt sie an Magenbeschwerden. Also ging sie noch am gleichen Tag zu ihrem Hausarzt, der auch das Rezept ausgestellt hatte. "Er diagnostizierte eine Magen-Darm-Erkrankung", so der Gerichtssprecher. Am folgenden Tag starb die Frau im Klinikum Osnabrück. Eine Notärztin habe sofort die Polizei verständigt, sagt Pohl. Die Obduktion ergab, dass die Patientin an einer Überdosis Colchicin verstarb. Im Prozess konnte sich der beschuldigte Chefarzt der Kardiologie nicht erklären, wie die falsche Menge auf das Empfehlungsschreiben für den Hausarzt gelangt ist. Er hatte den Brief diktiert und eine Sekretärin das besprochene Band abgetippt. Wo der Fehler liege, sei nicht mehr nachzuweisen, so die Richterin.

Sechs Jahre bis zum Prozess

Jahrelang hatten die Angehörigen der Frau darum gekämpft, dass es zu einem Prozess kommt. Immer wieder gab es Rückschläge. "Seit sechs Jahren können wir mit dem Tod unserer Mutter nicht abschließen", sagt Henning Pohl. Zwar nahm die Staatsanwaltschaft Osnabrück nach dem Tod von Pohls Mutter die Ermittlungen auf, doch sie stellte das Verfahren etwa ein Jahr später ein. Damals sei unklar gewesen, wie viele Tabletten die Frau eingenommen hatte, so Alexander Retemeyer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück. "Die Einstellung des Verfahrens war für uns überhaupt nicht nachvollziehbar", sagt Pohl. Die Angehörigen reichten daraufhin über ihren Anwalt Beschwerde ein. Die Ermittlungen und ein Gutachten ergaben schließlich, dass die Frau nur eine der 20 Tabletten des Medikaments Colchicin genommen hatte - in einer tödlichen Überdosis.

Angehörige lehnen Gesprächsangebot ab

Einer der Angeklagten habe den Angehörigen sein Beileid ausgedrückt und ein Gespräch angeboten, sagt Henning Pohl. "Dies geschah allerdings erst nach Zustellung der Anklageschrift. Und deshalb hatten wir das Gefühl, dass es nur um das Ausloten eines Stimmungsbildes für eine Absprache im Rahmen einer Verständigung im Strafverfahren ging." Die Angehörigen lehnten das Gespräch und auch ein Geldangebot ab. "So ein Fall soll nicht unter den Teppich gekehrt werden", sagt Pohl.

Weitere Informationen

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Das Amtsgericht Lehrte hat gegen Geldauflagen ein Verfahren gegen vier Mediziner eingestellt, die ein Medikament für einen Mann zu hoch dosiert hatten. Der Patient starb wenig später. (24.01.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 15.05.2017 | 17:00 Uhr

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