Stand: 20.06.2017 13:11 Uhr

Studie: Zu viele Neubauten auf dem Land

Wer in der Stadt keine Wohnung bekommt, weicht aufs Land aus. Doch dort werden mehr neue Häuser gebaut als nötig. Insbesondere im Emsland ist das so, wie die Autoren einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln herausgefunden haben. Demnach wurden im Emsland zwischen 2011 und 2015 rund 1.060 Wohnungen mehr gebaut, als eigentlich sinnvoll gewesen wäre. Die Experten haben bei ihren Berechnungen die Bevölkerungsentwicklung und leer stehende Häuser berücksichtigt. Demnach ist der Bedarf im Emsland zu 206 Prozent gedeckt.

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In den Ballungszentren fehlt Wohnraum

So gesehen übersteigt in meisten Landkreisen in Niedersachsen die Bautätigkeit den Bedarf. Nur in Braunschweig (Bedarf zu 45 Prozent gedeckt), Wolfsburg (52 Prozent), Wilhelmshaven (56 Prozent), Oldenburg (66 Prozent), im Landkreis Göttingen und in der Region Hannover (je 75 Prozent) fehlt es demnach noch an Wohnraum. Prozentualer Ausreißer in der Studie ist der Landkreis Hameln-Pyrmont. Er hat den Bedarf zu mehr als 1.700 Prozent gedeckt. 136 fertiggestellte Wohnungen stehen hier dem Bedarf von nur zehn Wohnungen gegenüber.

IW befürchtet Preisverfall und verödete Dorfzentren

"Wir stellen mit Schrecken fest, dass in ländlichen Regionen immer noch sehr viele Einfamilienhäuser gebaut werden", sagte der IW-Immobilienexperte Michael Voigtländer. Er befürchtet eine verstärkte Zersiedelung. Weil die Bevölkerung im ländlichen Bereich schwinde und damit die Nachfrage nachlasse, würden die Preise der Häuser sinken und viele Immobilien leer stehen. Voigtländer sieht daher Dorfzentren weiter veröden, während in den Ballungszentren Wohnungen fehlen.

Kommunen sollen keine Baugebiete mehr ausweisen

Auch die niedrigen Zinsen seien mit verantwortlich, heißt es vom IW. Viele Familien bauten jedoch mit ihrem Kredit lieber etwas Neues, statt eine gebrauchte Immobilien zu sanieren. "Das ist verständlich, aber man müsste gleichzeitig leer stehende alte Häuser abreißen. Sinnvoll wäre eine Fokussierung auf den Bestand", meint Voigtländer. Der IW empfiehlt Kommunen daher, keine neuen Baugebiete auszuweisen, Neubauten an den Abriss von alten Häusern zu koppeln und die Ortskerne attraktiver zu machen.

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Studie "Am Bedarf vorbei gebaut"

In vielen ländlichen Regionen wird zuviel gebaut: Link zur Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. extern

Kommunen: Nachfrage spricht für Bedarf

Widerspruch kommt vom Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund (NSGB). "Wenn Bauland in Anspruch genommen wird, zeigt das doch, dass Bedarf vorhanden ist", sagte NSGB-Experte Meinhard Abel. Auf dem Land rund um große Städte und in Flächenlandkreisen wie Cloppenburg wachse die Bevölkerung. Dort seien dringend Neubauten nötig. So würden die Städte entlastet, die selbst nicht ausreichend Bauland zur Verfügung stellten.

Widerspruch auch aus dem Emsland

Auch der kritisierte Landkreis Emsland verteidigt die Bautätigkeit in der Region. Das Emsland sei eine wirtschaftlich starke Region, in der nahezu Vollbeschäftigung herrsche, erklärt Kreisbaurat Dirk Kopmeyer (CDU). Daher wachse die Region, es gebe einen starken Zuzug. Deshalb sei auch Wohnraum notwendig. Kopmeyer sagte im Gespräch mit NDR 1 Niedersachsen: "Ich denke, die Bautätigkeit ist angemessen. Und man wird sicherlich in Zukunft gucken müssen, was man wo und wie noch steuert. Aber grundsätzlich bestätige ich diese Aussage der Studie nicht." Natürlich gebe es hier und da Leerstand oder Wohnungen, die eigentlich viel zu groß sind für die Bewohner seien, räumt Kopmeyer ein. "Aber ich halte es noch nicht für so kritisch, dass hier ungeordnete Zustände entstehen".

Weitere Informationen

Auch auf dem Land fehlen Sozialwohnungen

Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt ruft private Investoren zum Bau preiswerter Wohnungen auf. Auch in ländlichen Gebieten fehlt inzwischen günstiger Wohnraum. (06.03.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 19.06.2017 | 14:30 Uhr