Stand: 01.10.2017 10:14 Uhr

Praxis zu verschenken - und keiner will sie

von Josephine Lütke
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Sein Inventar, etwa die Patientenliege, will der Hausarzt verschenken.

"Herr Doktor, ich wollte Ihnen alles Gute für Ihren Ruhestand wünschen." In der Praxis von Dr. Andreas Meier* in Schüttorf im Landkreis Grafschaft Bentheim steht ein Mann. In der Hand hält er zwei große Blumensträuße. Meier hat am Freitag die letzten Patienten in seiner Hausarztpraxis behandelt. Jetzt ist Schluss. Nach 36 Jahren. Einen Nachfolger hat der 65-Jährige nicht gefunden. Und das, obwohl er sogar versucht hatte, seine Praxis zu verschenken. Mit der Aktion wollte der Allgemeinmediziner auf den Mangel an Hausärzten - besonders auf dem Land - aufmerksam machen. Meier ist einer von acht Hausärzten in Schüttorf. Fünf seiner Kollegen seien ebenso über 60 Jahre alt. In den kommenden Monaten und Jahren werden also noch mehr Hausarzt-Praxen im Ort dicht machen. Und von denen, die es noch gibt, können einige keine Patienten mehr aufnehmen. Viele von Meiers etwa 2.000 Patienten müssen nun in den umliegenden Orten nach einem neuen Hausarzt suchen - zum Beispiel in Bad Bentheim, etwa acht Kilometer entfernt.

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Ein Hausarzt für 1.671 Einwohner

In der Hoffnung, einen Nachfolger zu finden, hatte Meier alle Krankenhäuser in der Umgebung angeschrieben. Er wandte sich an das Grafschafter Ärztenetz, ein Verein der niedergelassenen Ärzte, und an die Kassenärztliche Vereinigung. Vergeblich. Dann inserierte er im Ärzteblatt: "Praxis zu verschenken." Doch niemand hatte Interesse. "Früher bekam man sogar noch etwas, wenn man aufhörte. Heute will die Praxis selbst geschenkt keiner haben", sagt Meier. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) gibt es in der Grafschaft Bentheim einen zusätzlichen Bedarf. Bis zu zehn Hausärzte könnten sich hier noch niederlassen. Eine Unterversorgung gebe es aber bei 79 Hausärzten nicht. Die KVN berechnet den Bedarf anhand eines Schlüssels: Ein Hausarzt soll demnach 1.671 Einwohner versorgen. Noch passt das. Doch wenn weitere Hausärzte in Rente gehen und keinen Nachfolger finden, wird das anders aussehen.

"Haus- und Kinderärzte verdienen am wenigsten"

Doch warum ist es für Hausärzte so schwer, Nachfolger zu finden? "Haus- und Kinderärzte verdienen am wenigsten", sagt Meier. Außerdem sei das sogenannte Regressrisiko am höchsten. Ärzte dürfen nämlich nur gewisse Mengen an Medikamenten pro Patient und Quartal verschreiben. "Wenn man das überschreitet, folgt irgendwann eine Strafzahlung", so Meier. Und Hausärzte würden zum Beispiel wegen der großen Bandbreite an Krankheiten mehr Medikamente als Fachärzte verschreiben. Außerdem müsse das medizinische Wissen sehr breit sein. All das seien Faktoren, die junge Ärzte davon abhielten, eine Hausarztpraxis zu führen. Das Problem trifft die Provinz ganz besonders. Hier spielen laut KVN auch Faktoren außerhalb des Berufes eine große Rolle: Arbeit für den Partner, Angebot an Kindergärten und Schulen oder der öffentliche Nahverkehr sind nur einige Beispiele. Und obwohl sich immer mehr Kommunen engagieren, reichen die Anreize für junge Ärzte oft nicht aus.

Finanzspritze für Allgemeinmediziner, die sich auf dem Land niederlassen wollen

Die KVN hat daher eine ganze Liste an Lösungsansätzen, um gegen den Ärztemangel zu kämpfen. Zum Beispiel sollen insgesamt 26 niedersächsische Hausärzte einen Investitionskostenzuschuss bis zu jeweils 60.000 Euro bekommen. "Die Finanzspritze soll in erster Linie Ärzte aufs Land locken", so ein Sprecher der KVN. Das Geld sei beispielsweise für den Erwerb oder die Ausstattung einer Praxis gedacht. Bezahlt wird es aus einem Fonds, in den die KVN und die Krankenkassen jeweils zur Hälfte einzahlen. "Das ist schon ganz gut", sagt der Schüttorfer Hausarzt Meier. Er habe damals für die Einrichtung und das Inventar etwa 120.000 Mark bezahlt.

Ärztekammer will 1.000 neue Medizinstudienplätze

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Außerdem bietet die KVN unter anderem Umsatzgarantien für Ärzte, die sich niederlassen wollen. Sie veranstaltet Seminare oder vermittelt Patenschaften zwischen Medizinstudenten und niedergelassenen Ärzten. Um die Studenten geht es auch der Ärztekammer Niedersachsen. Sie setzt sich für 1.000 zusätzliche Medizinstudienplätze ein. Etwa 100 sollen es laut eines Sprechers in Niedersachsen sein. 150.000 Euro kostet die Ausbildung pro Student. Zahlen müssten das der Bund und das Land. Die Ärztekammer befürwortet außerdem die Aufweichung des Numerus Clausus für die Zulassung zum Medizinstudium. "Der Zugang zu dem Studium soll leichter werden", so der Sprecher. Faktoren wie zum Beispiel soziale Erfahrungen sollen laut Ärztekammer in das Verfahren einfließen. Genau darüber verhandelt auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am kommenden Mittwoch. Meier findet das grundsätzlich gut. Doch er plädiert auch dafür, die Allgemeinmedizin schon im Studium zu stärken und die Studenten dafür zu motivieren. Denn noch sei es für viele attraktiver, Facharzt zu werden.

Arzt verschenkt sein Inventar

In der Praxis von Meier ist noch viel zu tun, bevor der Hausarzt die Tür das letzte Mal schließt. Ihre Krankenakten haben sich die meisten seiner Patienten schon abgeholt. Doch die Einrichtung steht noch. Um Geld geht es ihm aber nicht. Die Patientenliege und anderes Inventar will Meier verschenken. Er habe Kontakte nach Litauen, da werde das gebraucht. Manches will er Bekannten oder Verwandten geben. Die Garderobe bekommt ein Patient. Der Rest kommt auf den Sperrmüll.

* Name von der Redaktion geändert

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 30.09.2017 | 19:30 Uhr

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