Stand: 12.02.2016 20:05 Uhr

Offene Fragen nach tödlichem Unfall in Klinik

von Josephine Lütke
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Laut Klinik wurde das Gerät, eine Gamma-Kamera wie hier im Bild, etwa eine Woche vor dem Unfall gewartet.

Nachdem eine Frau in der Osnabrücker Paracelsus-Klinik durch ein medizinisches Gerät gestorben ist, gibt es noch immer offene Fragen. Klar ist: Es war ein technischer Defekt der nuklearmedizinischen Gamma-Kamera, der den Tod der 77-jährigen Patientin verursacht hat. Das hat ein Gutachten ergeben, das die Versicherung der Klinik in Auftrag gegeben hatte. Doch hätte der technische Fehler schon bei der Wartung erkannt werden müssen oder können? Das ist bislang unklar.

Kein Fehler bei der Bedienung

Das Klinikpersonal trifft laut dem ersten vorliegenden Gutachten keine Schuld. Die Gamma-Kamera wurde demnach richtig bedient. Die Patientin war Ende Januar in die Strahlenklinik des Krankenhauses gekommen. Dort legte sie sich unter das Gerät - es sollte Bilder machen, um die Funktion der Organe darzustellen. Der 300 Kilogramm schwere Kopf der Kamera senkte sich zunächst wie geplant herunter. Dann ließ er sich jedoch nicht mehr stoppen und drückte auf den Körper der Frau. Sie starb drei Tage später an den Folgen.

Zwei technische Fehler

Laut Staatsanwaltschaft, die in diesem Fall wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, hat es zwei technische Fehler gegeben. Ähnlich wie bei einem Fahrrad werde der Kopf der Kamera durch eine Kette angetrieben, die wiederum durch ein Zahnrad bewegt wird, erklärt Alexander Retemeyer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Osnabrück. Das Zahnrad sei jedoch schief gewesen, die Kette habe nicht richtig geführt werden können. Eigentlich gebe es zudem eine Absicherung, die das Zahnrad stoppt, sobald es nicht richtig funktioniert. Auch diese habe versagt. Der Not-Aus-Knopf, den die Klinikmitarbeiter noch drückten, habe den Kamerakopf nicht mehr anhalten können. Der Motor habe keinen Einfluss mehr auf die defekte Mechanik gehabt.

Ein Gutachter, zwei Gutachten

Laut Klinik wurde das Gerät etwa eine Woche vor dem Unfall vom Hersteller gewartet und ohne Beanstandungen freigegeben. Der Hersteller hat sich dem NDR gegenüber trotz mehrfacher Anfragen bisher nicht geäußert. Deutete bei der Wartung etwas auf das schiefe Zahnrad hin? Warum funktionierte die Sicherung nicht, die das Zahnrad hätte stoppen müssen? Ist das ein Fehler, der schlagartig auftritt? Müssen das Zahnrad und die Kette überhaupt gewartet werden? All diese Fragen werde ein zweites Gutachten beantworten, sagt Retemeyer. In Auftrag gegeben wurde es von der Staatsanwaltschaft. Es werde in einigen Wochen vorliegen. Der Gutachter, der dieses zweite Gutachten schreibt, ist derselbe, den auch die Klinik-Versicherung beauftragt hatte. Dass derselbe Gutachter für Klinik und Staatsanwaltschaft arbeitet, ist für Retemeyer nicht ungewöhnlich. Er sei ein vereidigter Sachverständiger, der in den Gutachten zudem unterschiedliche Fragestellungen verfolge.

Bundesinstitut bewertet Risiko des Gerätes

Der Fall wird zudem vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte untersucht. Klinik und Hersteller waren nach dem Unfall verpflichtet, diesen dem Institut zu melden. Das ist geschehen. In einer sogenannten Risikobewertung gibt das Bundesinstitut dem Hersteller schließlich Empfehlungen. Diese können bis zur Rücknahme des Geräts vom Markt reichen. Ob der Hersteller sich daran hält, darf er zunächst selbst entscheiden. Im Zweifel kann sich eine weitere Behörde einschalten. "Für uns ist es ein tragischer, aber ein abgeschlossener Fall", sagt die Sprecherin der Paracelsus-Klinik. Ob es an anderen Stellen Menschen gab, die Fehler gemacht haben, sollen die folgenden Gutachten zeigen.

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