Stand: 01.04.2016 14:00 Uhr

Nach Brand: Erste Leiharbeiter entlassen

Nach dem Großbrand im Wiesenhof-Schlachtbetrieb in Lohne am Ostermontag sind die ersten Mitarbeiter arbeitslos. Am Freitag hätten sich entlassene Leiharbeiter bei der Agentur für Arbeit gemeldet. Dies bestätigte ein Sprecher der Arbeitsagentur in Vechta. Es handele sich um "eine hohe zweistellige Zahl" von bisher bei Wiesenhof beschäftigten Leiharbeitern, die nun auf der Suche nach Arbeit seien. Einige seien bereits weitervermittelt worden, da der Arbeitsmarkt in der Region "sehr aufnahmefähig" sei. "Aber wir werden nicht alle in kurzer Zeit vermitteln können", so der Sprecher. Wiesenhof wollte sich am Freitag nicht zu der konkreten Zahl der Entlassungen äußern. Am kommenden Mittwoch will sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) mit der Führung des Wiesenhof-Mutterkonzerns PHW treffen, um über die Zukunft des Standorts zu reden.

Weil und Lies fahren nach Lohne

Weil werde gemeinsam mit Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) nach Lohne fahren, teilte die Staatskanzlei mit. "Wir werden die Unternehmerseite fragen, was sie vorhat und dabei deutlich machen, dass die Weiterbeschäftigung im Vordergrund stehen muss", sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Lies habe dazu bereits am vergangenen Mittwoch mit PHW-Vorstand Peter Wesjohann telefoniert. Im Anschluss an das nicht-öffentliche Treffen plant Lies Gespräche mit Kommunal- und Personalvertretern. Denn von dem Brand sind auch externe Unternehmen betroffen, wie zum Beispiel landwirtschaftliche Betriebe in der Region, die Zulieferer des Unternehmens sind.

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Doppelter Schock nach Brand bei Wiesenhof

Der Großbrand in einer Wiesenhof-Schlachterei hat die Menschen in Lohne (Landkreis Vechta) unter Schock gesetzt. Die 1.200 Mitarbeiter am Standort fürchten zudem um ihre Jobs. Bildergalerie

NGG will Kündigungsschutzklagen einreichen

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zeigte sich überrascht von den schnellen Entlassungen: "Das ist eine Sauerei", sagte Sekretär Matthias Brümmer. Bislang habe man mit dem Schlachtbetrieb aus gewerkschaftlicher Sicht gute Erfahrungen gemacht, sagte Brümmer im Gespräch mit NDR.de. Er rief die Gewerkschaftsmitglieder unter den Leiharbeitern auf, sich zu melden, damit eine Kündigungsschutzklage eingereicht werden könne. Offenbar habe Wiesenhof den Leiharbeitsfirmen die Verträge gekündigt, obwohl es eine Versicherung gegen den Produktionsausfall gebe, so Brümmer weiter. Über diese könnten die Löhne zunächst weiter gezahlt werden - wie lange und in welcher Höhe sei allerdings unklar. Die Gewerkschaft hatte als Reaktion auf die angekündigten Entlassungen vorgeschlagen, die Beschäftigten in Kurzarbeit zu schicken. Es sollte auch erst über Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften gesprochen werden, bevor überhaupt das Thema Entlassungen zur Sprache komme, meinte Brümmer.

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Hähnchen werden zum Schlachten in andere Betriebe gebracht

Auch externe Unternehmen und Behörden sind nach dem Brand betroffen - und für die Hähnchen dauert die Reise zum Schlachter nun länger: Das Geflügel, das eigentlich zu Wiesenhof gebracht werden sollte, wird teils auf weit entfernte Betriebe verteilt. Das geht aus einer vom Landkreis Vechta veröffentlichten Mitteilung hervor. Demnach wird die Produktion unter anderem von Betrieben im Landkreis Nienburg, aber auch im Jerichower Land in Sachsen-Anhalt und im Spreewald in Brandenburg übernommen. Wiesenhof selbst hatte bislang auch auf Anfrage keine Angaben gemacht, wohin die Schlachtung und Brathähnchen-Produktion verlagert wird.

Experte: Wiederaufbau dauert ein bis eineinhalb Jahre

Bis in dem Betrieb in Lohne wieder Hähnchen geschlachtet werden können, wird es noch lange dauern: Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender des Landesverbands der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW), hält es für wahrscheinlich, dass bis dahin "ein bis eineinhalb Jahre" vergehen werden. So lange bräuchte es mindestens für einen Abriss, ein Genehmigungsverfahren und einen Wiederaufbau, erklärte er gegenüber NDR.de. Zum Vergleich: Der Wiesenhof-Schlachtbetrieb im bayerischen Bogen, der Rosenmontag 2015 vollständig ausgebrannt war, wird vermutlich erst im April teilweise wiedereröffnet. Dort wurden 220.000 Tiere täglich geschlachtet, im ausgebrannten Betrieb in Lohne waren es sogar 150.000 Tiere mehr.

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PHW kündigt "Interessenausgleich mit Sozialplan" an

Das Wiesenhof-Mutterunternehmen PHW hatte am Dienstag bereits die Belegschaft darüber informiert, dass ein Teil der Mitarbeiter wegen des Produktionsausfalls nicht weiterbeschäftigt werden könne. In der nächsten Woche könne Wiesenhof verbindlich mitteilen, wie viele Beschäftigte vorübergehend an den anderen Standorten eingesetzt werden könnten, hieß es am Freitag. Für die anderen werde man "einen Interessenausgleich mit Sozialplan erstellen und vereinbaren", sagte eine PHW-Sprecherin auf Anfrage von NDR.de. Bislang arbeiteten am Standort Lohne 1.200 Männer und Frauen. Mit 60 Prozent ist die Stammbelegschaft für einen Schlachtbetrieb vergleichsweise groß, rund 750 Mitarbeiter sind festangestellt. Die übrigen 450 waren je zur Hälfte Leiharbeiter und Werkverträgler aus Osteuropa. Mehr Personal würde die PHW-Gruppe jedoch wieder benötigen, wenn sie die - vor dem Brand - geplante Produktionssteigerung umsetzen will. Sie war erst vor zwei Wochen genehmigt worden.

Wiesenhof in Zahlen

Das Unternehmen PHW um die Marke Wiesenhof ist Marktführer in Sachen Geflügelfleisch. Bundesweit betreibt Wiesenhof elf Verarbeitungsbetriebe, davon sieben Schlachtereien, außerdem noch zwei Logistikzentren.
Wiesenhof beschäftigt 6.619 "vollzeit-äquivalente" Mitarbeiter, davon allein rund 1.200 in Lohne.
Der Absatz von Geflügel-Produkten betrug im letzten Geschäftsjahr 689.609 Tonnen. Der Umsatz des Gesamtkonzerns lag eigenen Angaben zufolge bei 2,38 Milliarden Euro.

Auch Landkreis-Angestellte betroffen

Von dem Brand sind zudem auch rund 30 Angestellte des Landkreises Vechta betroffen. Die Fleischkontrolleure und Tierärzte wurden vom Veterinäramt bislang in dem Betrieb zur Qualitätsprüfung eingesetzt, erklärte ein Sprecher des Landkreises. Diesen Mitarbeitern sollen "möglichst sozialverträgliche Lösungen" zur weiteren Beschäftigung, zum Beispiel an den anderen Schlachthöfen, angeboten werden. Der Landkreis rechnet damit, dass die Produktion in Lohne "auf Dauer" wieder aufgenommen wird. Deshalb wolle man das Personal möglichst halten.

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"Das System Wiesenhof"

Die komplette ARD-Reportage "Das System Wiesenhof - Wie ein Konzern Tiere, Menschen und Umwelt ausbeutet" finden Sie in der ARD Mediathek - nichts für schwache Nerven. (31.08.2011) extern

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 31.03.2016 | 19:30 Uhr