Stand: 15.03.2016 15:12 Uhr

Mein erstes Auto: Der Audi 60 L

von Jörg Holzapfel

Das Jahr 1972 - in der Mode war man auf einem Farbniveau angelangt, das man heute als Fehltritt im LSD-Rausch bezeichnen würde. Wer als Mann etwas auf sich hielt, trug weite Schlaghosen und holte mit dem Auto seine Bella ab, die in ein orange-braunes Feinstrick-Kleid gehüllt war. Im Autoradio lief Musik von Daliah Lavi oder T-Rex. Vielleicht auch im Autoradio von Ulrich Niendieker, Besitzer eines nevada-beigefarbenen Audi 60 L aus eben diesem Jahr. Beim Thema Farbe sagt Niendieker, heute lachend: "Für mich ist das Hornhaut-Umbra."

Ein Mann lehnt an einem Audi 60 L auf einer Landstraße. © NDR Fotograf: Jörg Holzapfel

Schicker Flitzer mit "Alarmanlage à la Onkel Kurt"

Ulrich Niendieker fährt einen Audi 60 L, der seit Jahrzehnten im Familienbesitz ist. Tante und Onkel haben den Oldtimer gepflegt - und mit einem ungewöhnlichen Extra ausgestattet.

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Audi 60 L - 1972 purer Luxus

Den Wagen hatte 1972 seine Tante Anni in Berlin gekauft und er ist seit dieser Zeit im Familienbesitz. "Ich kann mich noch gut daran erinnern, als sie mich damals als Jugendlicher am Flughafen Berlin-Tempelhof zum ersten Mal damit abgeholt hat", sagt der Versicherungskaufmann. Er sei schwer beeindruckt gewesen von der schieren Größe des Autos und der für damalige Verhältnisse luxuriösen Ausstattung. Dafür steht schließlich das L in der Typenbezeichnung. Vor rund fünf Jahren hieß es dann schnell handeln, erzählt Niendieker. Denn seine mittlerweile betagte Tante Anni stellte ihn vor die Wahl: "Entweder du holst den Wagen oder ich verschenke ihn." Nur kurze Zeit später verstarb sie im Alter von 89 Jahren.

Originalzustand - Schutzfolie auf dem Chrom

Dass die Tante den Wagen geliebt und gepflegt hat, sieht man. Er glänzt im Originallack, auf der Chromleiste der Heizung klebt sogar noch die blaue Schutzfolie und Onkel Kurt hat als Diebstahlschutz extra eine selbst gebastelte Alarmanlage eingebaut. Ein unscheinbarer Knopf im Handschuhfach, der die Zündung verhindert. Einmal habe er aus Neugier den Knopf gedrückt und konnte nicht mehr fahren, erinnert sich Niendieker. Sein zur Hilfe gerufener Schrauber-Kumpel Olaf habe schallend gelacht.

An der Chromleiste klebt noch die Schutzfolie

Leichtes Spiel dank innovativer Technik

Der Schlüssel, der aussieht als würde er zu einem Fahrradschloss passen, findet fast automatisch den Weg ins Schlüsselloch. Kurzes Umdrehen, schon schnurrt der 54-PS-Motor. Aus heutiger Sicht nicht viel Leistung, aber bei einem Leergewicht von 960 Kilogramm hat der Audi leichtes Spiel und ist mit einer Spitzengeschwindigkeit von 137 Kilometern pro Stunde auch recht zügig unterwegs.

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Sportlicher Motor

Der Motor stand bei seiner Entwicklung unter einem "guten Stern": Mercedes Benz hat ihn schließlich mit entwickelt, ursprünglich für den Militäreinsatz. Eingesetzt wurde er aber im ersten Nachkriegs-Audi, in der von 1965 bis 1972 gebauten Modellreihe F 103. Die Besonderheit an der Maschine: Es handelt sich um einen sogenannten Mitteldruckmotor. Bedeutet, durch die Arbeitsweise und den hohen Druck bei der Verbrennung ist eine ausgewogene, fast schon sportliche Gangart möglich. Dafür braucht der Motor auch Super-Plus-Benzin. 

Cruisen statt rasen

Auch heute hat Ulrich Niendieker großen Spaß mit dem Auto. Anstatt mit Höchstgeschwindigkeit über die Autobahn zu düsen, fährt er lieber durch die Gegend am Flughafen Atter bei Osnabrück. Mit den Holzarmaturen und der soften Federung ist er auch eher ein Reise- als ein Rennwagen. Über dem Wagen zieht eine einmotorige Cessna ihre Kreise, während Niendieker ihn gefühlvoll in eine Kurve lenkt. "Das ist eben noch echtes Fahren", schwärmt er.

Der Audi 60L in Zahlen

Motor: Vierzylinder
Hubraum: 1496 cm³
Leistung: 40 kW (54PS)
Antrieb: Frontantrieb
Schaltung: Viergang
Gewicht: 960 Kilogramm
Verbrauch: 9,0 Liter Super Plus
Neupreis 1972: rund 6.800 Mark
Bauzeit: 1968-1972 (nur Audi 60 L) Baureihe F103 -1965-1972

 

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