Stand: 19.05.2017 14:14 Uhr

Erdogan erhält Friedenspreis für Kritik an Erdogan

Sie trägt zwar seinen Namen - aber mehr verbindet Asli Erdogan nicht mit dem türkischen Präsidenten. Im Gegenteil: Die regimekritische Autorin und Journalistin wurde im August 2016 nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei verhaftet und erst einige Monate später wieder entlassen. Auslandsreisen sind Erdogan, die sich immer wieder für die Rechte der Kurden stark gemacht hatte, offiziell verboten. Dabei hätte die 50-Jährige am 22. September guten Grund dazu: Dann soll ihr in Osnabrück der mit 25.000 Euro dotierte Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis verliehen werden. Ob sie den Preis persönlich entgegennehmen kann, ist ungewiss.

Texte über den Schmerz von Unterdrückten

In ihren Texten lasse Erdogan den Leser die Grausamkeiten und Erniedrigungen des Regimes nach dem Putschversuch sowie den Schmerz der Opfer nahezu körperlich spüren, sagte der Jury-Vorsitzende, Universitätspräsident Wolfgang Lücke: "Das Buch ist manchmal schwer zu ertragen". Erdogan werde vor allem für ihr Werk "Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch" geehrt, teilte die Stadt am Freitag mit. Es enthält Essays, deren Veröffentlichung derzeit in der Türkei untersagt ist.

Autorin darf nicht ins Ausland reisen

Nach aktuellem Stand dürfe sie das Land nicht verlassen, sagte Lücke. Er würde sich wünschen und es als einen souveränen Umgang des Regimes mit seiner Kritikerin betrachten, wenn sie die Auszeichnung persönlich in Osnabrück in Empfang nehmen könnte. "Wir werden aber auf jeden Fall einen Weg finden, ihr den Preis in angemessener Weise zukommen zu lassen", sagte er. Es gehe der Jury auch darum, ein Zeichen zu setzen für die Unantastbarkeit der freien Berichterstattung und die Notwendigkeit unzensierter Veröffentlichungen.

Sonderpreis an Europa-Initiative

Den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis bekommt der Verein "Pulse of Europe". Er trete für ein Europa ein, "in dem die Achtung der Menschenwürde, die Rechtsstaatlichkeit, freiheitliches Denken und Handeln, Toleranz und Respekt selbstverständliche Grundlage des Gemeinwesens sind", begründete die Jury. Auf Initiative von "Pulse of Europe" finden seit Februar jeden Sonntag Kundgebungen in vielen Städten Europas statt. Überreicht werden die Auszeichnungen am 22. September. Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erinnert an den Schriftsteller, der mit dem 1929 veröffentlichten Kriegsroman "Im Westen nichts Neues" Weltruhm erlangte.

Weitere Informationen

"Die türkische Kulturszene ist in Schockstarre"

Erdogans Verfassungsreform markiert einen Wendepunkt im politischen System der Türkei. Christian Buttkereit spricht über mögliche Auswirkungen auf die türkische Gesellschaft. (18.04.2017) mehr

05:57

Türkei: Alltag unter Erdogan

21.03.2017 23:30 Uhr
Weltbilder

Yasemin Ergin ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Wurzeln sind in der Türkei. Die Reporterin war wochenlang in Istanbul unterwegs und erlebte ein tief gespaltenes Land. Video (05:57 min)

Wie positioniert sich der Deutsche PEN?

Trumps Einreisepolitik, Erdogans Feldzug gegen die Medien - wie positioniert sich der PEN? Ein Gespräch mit Regula Venske, der Generalsekretärin des PEN-Zentrums Deutschland. (31.01.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 19.05.2017 | 17:00 Uhr