Stand: 25.08.2015 15:16 Uhr

Ein Zuhause für minderjährige Flüchtlinge

von Kathrin Hövel

Sabas* Lieblingswort auf Deutsch ist "Dankeschön". Es ist fast schon ein kleines Ritual geworden: Mit strahlenden Augen ruft die 17-Jährige ein fröhliches "Dankeschön" durch die kleine Dachgeschoss-Wohnung. Ihre Mitbewohnerinnen und die deutschen Betreuerinnen antworten ihr, ebenso lauthals: "Bitteschön!" Und alle lachen, immer und immer wieder. Saba ist seit gut zwei Monaten in Deutschland und stolz auf jede neue Vokabel. Diese Freude am Lernen einer Sprache verbindet Saba mit ihren beiden Mitbewohnerinnen, Nebiat und Enbeba. Die drei haben viel gemeinsam: Sie sind 17 Jahre alt, Flüchtlinge aus Eritrea und leben seit zwei Monaten zusammen in Osnabrück - in einer Wohngemeinschaft der Evangelischen Jugendhilfe.

Kein normales Mietshaus

Saba, Nebiat und Enbeba teilen sich eine kleine, schlicht eingerichtete Vier-Zimmer-Wohnung in der Nähe der Osnabrücker Innenstadt. Das Haus, in dem sie wohnen, ist kein normales Mietshaus: Die Evangelische Jugendhilfe betreibt hier mehrere WGs und betreute Wohneinheiten für Mädchen und junge Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr zu Hause beziehungsweise allein wohnen können.

"Alle haben sich gefreut, helfen zu können"

Die Idee, in diesem Haus auch drei Flüchtlingsmädchen unterzubringen, kam ganz spontan, erzählt Sozialpädagogin Zekiye Gattermann: "Im Mai wurde diese Wohnung frei und da haben wir gesagt: 'Lass uns lieber abwarten, wie die noch gebraucht wird, angesichts der vielen Flüchtlinge.'" Nur wenige Wochen später sei alles ganz schnell gegangen. Nachdem sie gehört hatten, dass drei Mädchen aus Eritrea ein neues Zuhause suchen, wurde die Wohnung innerhalb von nur zwei Tagen hergerichtet. Alle hätten mit angepackt, Bewohnerinnen wie Betreuer. "Denn alle waren ganz neugierig und haben sich gefreut, helfen zu können." Der Einzug der drei Jugendlichen sei so aufregend wie Weihnachten gewesen, sagt Gattermann.

Ein Glücksgriff, eine Win-win-Situation

Für die drei afrikanischen Mädchen hat die neue Wohnsituation klare Vorteile. Sie haben einander als Stütze, sind unabhängig und können sich in ihrem Tempo in der neuen Heimat einrichten. Gleichzeitig stehen ihnen die ohnehin schon vorhandenen Sozialpädagogen der kirchlichen Jugendhilfe mit Rat und Tat zur Seite. Aber auch die deutschen Mädchen in den Nachbarwohnungen profitieren von den neuen Mitbewohnerinnen, erzählt die 23-jährige Annika. Sie wohnt zwei Stockwerke tiefer und ist seit einigen Wochen Sabas Integrationspatin. Die beiden gehen zusammen in den Supermarkt oder Eis essen. Die Verständigung läuft mit Händen und Füßen. "Sprachlich ist das schwierig, aber wir verstehen uns trotzdem gut", sagt Annika. Sie habe schon viele Gemeinsamkeiten entdeckt: Beide Mädchen seien schüchtern, würden nur ungern auf fremde Menschen zugehen. "Aber weil ich es selbst auch nicht immer leicht hatte, spüre ich schnell, wenn es ihr nicht gut geht und dann sind wir füreinander da." Saba zu helfen, tue auch ihr gut, sagt Annika. Auch Betreuerin Gattermann ist sich nach zwei Monaten sicher: "Für alle Mädchen hier im Haus war das ein absoluter Glücksgriff, eine richtige Win-win-Situation."

Integration am Küchentisch

Bis die Ferien vorbei sind und sie in eine richtige Schule gehen können, besuchen Saba, Nebiat und Enbeba jeden Vormittag einen Deutschkurs in der Osnabrücker Erstaufnahmeeinrichtung. Und auch nachmittags geht das Lernen weiter. Mit ihren Betreuerinnen und den Mädchen aus den anderen Wohngemeinschaften versammeln sie sich dann um den kleinen Küchentisch und erzählen, was sie gelernt haben: Alltagsvokabeln wie "Mango, Brot, Wasser"  oder auch kurze Sätze, die sie konzentriert aus ihren blauen Heftmappen vorlesen: "Haben Sie Kinder?" "Nein, ich bin ledig."

Win-win: Osnabrücks WG mit minderjährigen Flüchtlingen

Mehr minderjährige Flüchtlinge erwartet

Dass Kinder und Jugendliche alleine die Flucht aus einem Krisen- oder Kriegsgebiet nach Europa antreten, ist nach Angaben des Diakonischen Werks in Niedersachsen keine Seltenheit. Im Gegenteil: Es komme sogar immer häufiger vor. Das Durchschnittsalter der Flüchtlinge sinke, gut ein Drittel der Hilfesuchenden sei minderjährig. Laut Diakonie wird sogar mit einer Verdreifachung der Zahl der minderjährigen Flüchtlinge ohne Begleitung gerechnet. Bundesweit werden für 2016 rund 20.000 junge Flüchtlinge erwartet, 2.000 sollen gemäß einer neuen Quotenregelung nach Niedersachsen kommen. Bisher nimmt das Land nur drei bis vier Prozent aller unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge auf, vor allem in Städten entlang der großen Bahnrouten wie Hannover oder Göttingen.

Diakonie: Aufbau spezieller Zentren

Das Diakonische Werk spricht sich für eine Einrichtung spezieller Zentren aus, in denen die jungen Menschen nach ihrer häufig monatelangen Flucht betreut werden. Eine flächendeckende Unterbringung sei wegen der noch mangelnden Vorbereitung einiger Kommunen landesweit kaum ratsam, sagten Sprecher der Diakonie in Hannover. "Es gibt Kommunen, denen die Thematik noch völlig fremd ist, in einzelnen Regionen ist man noch gar nicht dran am Thema", so Heiner Dirks, Geschäftsführer der Evangelischen Jugendhilfe Osnabrück. In Hannover, Göttingen und Osnabrück seien dagegen in jahrelanger Vorbereitung entsprechende Fähigkeiten aufgebaut worden. "Es sollte daher fünf oder sechs Kompetenzzentren im Lande geben", so Dirks. Während volljährige Flüchtlinge nach der Ankunft in Erstaufnahmelager kommen, kümmern sich derzeit Jugendämter, Pflegefamilien und Heime um Minderjährige - was deutlich teurer ist. Dirks schätzt die Kosten auf 4.000 bis 6.000 Euro pro Monat und Flüchtling.

Weitere Informationen
mit Video

Vom Heim ins Zuhause: Ahmeds WG in Lüneburg

Als in der Lüneburger WG von Eva und Lena ein Zimmer frei wird, entscheiden sie sich dafür, Ahmed einziehen zu lassen. Der palästinensische Flüchtling wohnte vorher im Heim. (19.08.2015) mehr

Kulturelle Kompetenzen vermitteln

In der Osnabrücker WG herrsche das Prinzip "learning by doing", berichtet Sozialpädagogin Caroline Krinner. Vor allem gehe es derzeit darum, den Mädchen Strukturen und Hilfestellungen für den Alltag zu geben. "Wir gehen mit ihnen einkaufen, damit sie sich bei all den deutschen Warenangeboten und der fremden Währung zurechtfinden. Außerdem haben wir anfangs mit ihnen das Busfahren geübt und begleiten sie zu Ärzten und bei Behördengängen", erzählt Krinner. Neben der Sprache könnten sie so auch kulturelle Kompetenzen vermitteln. Zum Beispiel: Dass man im Wartezimmer nicht laut telefonieren dürfe - und andere ungeschriebene Gesetze, die viele Asylbewerber sonst nur mühsam lernen.

"Wir schaffen das schon"

"Insgesamt glaube ich, dass hier Integration so läuft, wie es sein sollte", sagt Krinner. Die Mädchen hätten immer jemanden zur Seite, der ihnen Halt gebe. Und auch wenn nicht so viel mit einander gesprochen werden könne, eines würden die drei Mädchen wissen: "Wir schaffen das schon." Und Sabas Antwort auf die Frage, wie es ihr in Osnabrück gefalle? "Gut. Dankeschön!"

*Name von der Redaktion geändert.

Weitere Informationen

Kleines Flüchtlingsbaby namens Angela Merkel

Spielende Kinder statt Patienten: Mehr als 730 Flüchtlinge leben im ehemaligen Oststadtkrankenhaus in Hannover. Eines von ihnen hört auf den Namen Angela Merkel - Angela Merkel Adé. (15.08.2015) mehr

Die große Umverteilung: Flüchtlinge ziehen um

Am Montag sind 320 Flüchtlinge aus Braunschweig anderen Gemeinden zugewiesen worden. Wer genau wohin gezogen ist, wird teilweise geheimgehalten - um die Menschen zu schützen. (12.08.2015) mehr