Stand: 18.01.2016 21:00 Uhr

"Buschi": Ein Osnabrücker Urgestein

von Josephine Lütke

Etwas behäbig kommt das rötliche Fusseltier durch eine Klappe in sein Gehege. Zielstrebig, aber gemütlich geht es auf allen Vieren auf einen großen Stein zu. Darauf liegt jede Menge Gemüse und Obst. Ein bisschen gekrümmt hockt der Orang-Utan über seinem Frühstück - fast wie an einem Tisch. Mit seinen langen dunklen Fingern schiebt er Paprika- und Orangenstücke in seinen Mund.

"Buschi": 44 Jahre im Zoo Osnabrück

Im Kinderkrankenhaus aufgepäppelt

"Buschi", der eigentlich "Buschmann" heißt, ist im Dezember 2015 44 Jahre alt geworden. Bis zu 50 oder sogar 60 Jahre alt können die Tiere im Zoo werden. Am 21. Dezember 1971 wurde der Mischling aus Sumatra- und Borneo-Orang-Utan als erster Menschenaffe im Zoo Osnabrück geboren. Seine Mutter nahm den kleinen Affen nicht an. Deshalb verbrachte das Tier seine ersten Lebensmonate im Osnabrücker Kinderkrankenhaus. "Er hatte in einem Zimmer seinen Stubenwagen stehen, später bekam er einen Laufstall, wo er auch gerne Klimmzüge machte. Wir fütterten ihn genauso wie einen Säugling. Am Anfang per Fläschchen, später mit dem Löffel. Er war nicht gerne alleine, deswegen kümmerten wir uns viel um ihn", sagte Krankenschwester Edith Manz bei einer Feier zu "Buschis" 40. Geburtstag. Heute gebe es kaum noch Situationen, in denen eine Handaufzucht bei Menschenaffen nötig sei, sagt Michael Böer, Zoodirektor in Osnabrück. Die meisten Elterntiere seien sozialkompetent und aufzuchterfahren. Wenn es doch notwendig sei, gebe es verschiedene Möglichkeiten die kleinen Affen frühzeitig an Artgenossen zu gewöhnen. Dazu gehören beispielsweise Spielgruppen oder die Betreuung älterer Affendamen als "Erzieherinnen", so Böer. Zurück im Zoo lebte auch "Buschi" nach fünf Monaten im Kinderkrankenhaus zunächst zusammen mit zwei Gorilla-Kindern.

Geschicklichkeitsspiele und Malerei

Heute ist "Buschi" ein großes Orang-Utan-Männchen. Dicke Backenwülste umgeben sein Gesicht, ein großer Kehlkopfsack hängt über seinen Bauch. Er wiegt 100 Kilogramm und wenn er seine Arme ausstreckt, beträgt die Spannweite zwei Meter. Tierpfleger Detlef Niebler geht zur Scheibe des Geheges. Sofort kommt der Affe an. Die beiden kennen sich bereits seit 1974. Auch heute hat Niebler das Frühstück für "Buschi" gemacht. Neben dem Füttern gehört die Beschäftigung des Affen zu Nieblers wichtigsten Aufgaben. Geschicklichkeitsspiele kann "Buschi" besonders gut. Mit kleinen Stöckchen kann er sich beispielsweise Angeln bauen, mit denen er Essen aus Behältern pult. "Manchmal beobachtet er auch gerne einfach die Besucher", sagt Niebler. Deutschlandweit bekannt geworden ist "Buschi" durch sein Malen. Das sei zwar keine Beschäftigung, die Affen dringend brauchen, aber es sei eben eine Beschäftigung, sagt Niebler. Die Bilder hat der Zoo verkauft. Der Erlös ging an Artenschutzprojekte.

Der Tierpfleger Erich Kunkel mit dem Orang-Utan "Buschi". © NDR Fotograf: Josephine Lütke

Orang-Utan schneidet besser ab als Studenten

Tierpfleger Detlef Niebler hat den Orang-Utan "Buschi" 1974 im Zoo Osnabrück zum ersten Mal gesehen. Seitdem hat er diverse Intelligenztests mit ihm gemacht.

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Die Mitbewohner

Damit der Affe nicht vereinsamt oder nur Menschen um sich hat, vereinten die Zoomitarbeiter "Buschi" in den 1980er-Jahren wieder mit seiner Mutter. Sie starb 1991. Danach leistete Orang-Utan-Dame "Suma" dem Männchen Gesellschaft. Im Jahr 2006 starb sie mit 53 Jahren. Seit 2007 lebt "Buschi" nun mit Orang-Utan-Weibchen "Astrid" zusammen. Ihr Außengehege teilen die beiden außerdem seit einiger Zeit mit den Gibbons. "Je mehr Tiere in einer Anlage leben, desto weniger Langeweile haben sie", sagt Tierpfleger Niebler. "Buschi" habe mit Gibbon-Weibchen "Lenchen" eine innige Freundschaft. "Und 'Astrid', die mit ihren eigenen Kindern nicht gerade nett umgegangen ist, hat angefangen, die jungen Gibbons herumzutragen", so Niebler. Das sei ein gutes Zeichen für eine geglückte Vergesellschaftung.

Kritik an "Buschis" Haltung

Der Autor und Tierrechtler Colin Goldner hat in seinem Buch "Lebenslänglich hinter Gittern", das 2014 erschienen ist, massive Kritik an der Haltung von "Buschi" und "Astrid" geübt. Das Gehege sei zu klein und zu düster, so das Fazit des Autors. "Leider hat Herr Goldner nicht mit uns gesprochen. Dann hätten wir ihm sagen können, dass zwei Erweiterungsumbauten geplant sind - der erste war kurz nach seinem Besuch bereits umgesetzt, der zweite Umbau wird in diesem Sommer fertig sein", sagt Zoodirektor Michael Böer. Das Außen- und Innengehege der Orang-Utans werde so vergrößert, dass der Zoo dann theoretisch sechs erwachsene Orang-Utans mit Jungtieren halten dürfte, so Böer. "Man kann Gehege nie groß genug bauen, aber es gibt mehr als nur den Raum, um Tiere zufrieden zu stellen", sagt Tierpfleger Niebler. Beschäftigung und nicht allein zu sein, gehöre beispielsweise dazu. Zu dunkel sei das Gehege nicht, so Zoodirektor Böer. "Innen gibt es seit jeher ein Beleuchtungssystem, das sich unter anderem aus Tageslichtröhren mit UV-Anteil zusammensetzt", sagt Böer. Von März bis Oktober verbrächten die Tiere zudem die meiste Zeit im Außenbereich.

"Buschi" bleibt

"Buschi" sei so sehr an sein Leben im Osnabrücker Zoo gewöhnt, dass ein Umzug in einen anderen Zoo oder in die Wildnis großen Stress für ihn bedeuten würde, sagt Böer. "Da er ja bereits ein älterer Herr ist, gilt für ihn das gleiche, wie für uns Menschen auch: Einen alten Baum sollte man nach Möglichkeit nicht verpflanzen", so Böer. Als Mischling aus Borneo- und Sumatra Orang-Utan dürfe sich "Buschi" zudem nicht fortpflanzen. "Deswegen wäre es auch nicht mehr möglich, ein anderes Zuhause für 'Buschi' in einem Zoo zu finden", so Böer. 

Eine bedrohte Art

Eigentlich leben Orang-Utans hoch oben in den Baumwipfeln der Regenwälder Borneos und Sumatras. Doch ihr Lebensraum schwindet. Um immer mehr Ölpalmen auf Plantagen anzupflanzen oder an begehrtes Edelholz zu gelangen, wird der Regenwald durch Brände oder Abholzung gerodet. Tierhändler verkaufen zudem Jungtiere als Haustiere, die Muttertiere werden erschossen. Die "Waldmenschen" - so die Übersetzung des malaiischen Wortes Orang-Utan - sind deshalb vom Aussterben bedroht.

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