Stand: 08.03.2016 11:56 Uhr

"Geh Deinen Weg!" - als Frau und Flüchtling

von Alexander Nortrup
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Mehr als ein Drittel der Flüchtlinge in Deutschland ist weiblich - und ihre Zahl steigt stetig.

Um für ihre Rechte zu kämpfen, müssen Frauen diese erst einmal kennen. Was banal klingt, ist für Flüchtlinge tatsächlich ein großes Problem: Viele weibliche Migranten stammen aus Ländern und Kulturen, in denen Frauen deutlich weniger Rechte haben als in Deutschland. Um ihnen zu mehr Wissen über ihre neue Situation hier und damit zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen, hat die Gründerin des Portals "Wie kann ich helfen?", Birte Vogel, zum Weltfrauentag eine Broschüre veröffentlicht, die über Grundrechte und Chancen in unserer Gesellschaft aufklären soll. "Jede Frau hat das Recht, über ihr eigenes Leben zu bestimmen, frei zu sprechen, zu handeln und für sich selbst einzutreten. Sie benötigt dafür keinen Mann", heißt es in der Broschüre "Geh Deinen Weg! Deine Rechte als Frau in Deutschland".

Grundrechte und klare Botschaften über Jungfräulichkeit

Die Broschüre beschreibt in sechs Abschnitten, welche Wege Frauen in Deutschland offenstehen: angefangen von den Grundrechten über Schule, Ausbildung und Beruf, Alltag und Freizeit, Beziehung und Ehe bis hin zu Sexualität und Gesundheit. "Die Jungfräulichkeit einer Frau bestimmt weder die Ehre der Familie noch ist sie Voraussetzung für eine Ehe", ist dort etwa zu lesen. "Ihre eigene Jungfräulichkeit geht allein die Frau selbst etwas an." Oder: "Jede Frau hat das Recht, mit jedem Menschen zu sprechen, mit dem sie sprechen möchte. Es ist unerheblich, ob es sich dabei um Mann oder Frau handelt und ob die Person verheiratet ist oder nicht." Und an manchen Punkten ist die Situation von deutschen Frauen und Flüchtlingsfrauen identisch, etwa wenn Vogel schreibt: "Jede Frau hat das Recht auf ein angemessenes Gehalt für ihre Arbeit." 

Die Fehler der Gastarbeiter-Generation nicht wiederholen

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Birte Vogel setzt sich für Flüchtlinge ein - weibliche wie männliche.

Die Idee zu dem Projekt kam Birte Vogel, als ihr mit der steigenden Zahl an Migranten die Parallelen zu den Frauen der Gastarbeiter, die ab den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, auffielen: "Viele von ihnen hatte auch nach Jahren in der neuen Heimat kein Deutsch gelernt, ihre Männer bestimmten über ihr Leben, sie verließen selten das Haus", sagte Vogel im Gespräch mit NDR.de. "Diesen Fehler sollten wir als Gesellschaft nicht wiederholen." Vogel hörte sich um bei Vereinen, Stiftungen und der Bundesregierung. Niemand hatte Vergleichbares anzubieten. Also setzte sie sich selbst hin. "Oft geht es vor allem um Gewaltprävention", sagte sie. "Aber das reichte mir nicht. Ich finde, man muss ihnen mehr anbieten. Schließlich wissen selbst manche deutsche Frauen nicht, dass sie auf einer Ebene mit den Männern stehen."

In vielen Sprachen - aber nur zum Selbstausdrucken

Birte Vogel ist dankbar für viele fleissige Helfer, die die Broschüre aktuell in insgesamt 19 Sprachen übersetzen: Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Französisch, Hausa, Kroatisch, Kurdisch, Mazedonisch, Paschtu, Persisch, Romenes, Russisch, Serbisch, Somali, Tibetisch, Tigrinisch, Tschetschenisch, Ukrainisch und Urdu. Drucken lassen will sie das doppelseitig bedruckte Blatt aber nicht, sagt sie: "Dafür fehlen mir die Ressourcen. Und ich glaube auch, dass jeder Ehrenamtliche, jeder Verein und jede Initiative selbst am besten weiß, in welcher Sprache wie viele Exemplare nötig sind. Außerdem nutzen viele Flüchtlinge Smartphones und können sich die Datei gegenseitig zuschicken."

Ein ehrenamtliches Portal für Ehrenamtliche

Birte Vogel, hauptberuflich freie Journalistin aus der Nähe von Cuxhaven, ist seit anderthalb Jahren ganz vorn dabei in der Flüchtlingshilfe. 2014 hat sie ihre Website "Wie kann ich helfen" gestartet, die inzwischen eine der wichtigsten Anlaufstellen für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer ist. Projekte aus ganz Deutschland werden dort vorgestellt, Ansprechpartner genannt, Ideen weitergetragen. Spenden ermöglichen Gründerin Vogel, ihre Arbeitszeit mehr und mehr dem Projekt zu widmen. Mehrere tausend Zugriffe pro Tag verzeichnet die Seite inzwischen, gerade nach fremdenfeindlichen Anschlägen nehme das Interesse eher zu. "Ich habe es mir inzwischen zur Angewohnheit gemacht, besonders intensiv nach Projekten aus den Orten zu suchen, die bundesweit wegen rechter Gewalt im Fokus stehen", sagt Birte Vogel. Häufig, so habe sie beobachtet, seien dann nämlich die Fremdenfeinde Gegenstand der Berichterstattung. "Und die Freiwilligen, die sich manchmal seit Jahren warmherzig kümmern, bleiben unerwähnt." Das will sie ändern. Unterstützt wird ihr Portal dabei von der Lebensgefährtin des Bundespräsidenten, Daniela Schadt, und von Ex-Fußballer und Facebook-Star Hans Sarpei.

"Vergewaltigungen gab es schon vor der Migrationsdebatte"

Frauen sind der 48-Jährigen ein ganz besonderes Herzensanliegen: "Es geht einfach nie um die Frauen. Dabei nimmt ihre Zahl stetig zu. Bei der Arbeit an meinem Portal habe ich festgestellt, dass es sehr wenige Projekte für sie gibt. Fußballprojekte etwa gibt es inzwischen zuhauf. Immerhin wird auch manchmal angeboten, dass Frauen am Lauftraining teilnehmen dürfen. Aber dass es eigene Gruppen oder Angebote für sie gibt, ist schon immer noch die Ausnahme." Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen bekräftigt im Gespräch mit NDR.de seine Unterstützung für das Projekt: "Wir unterstützen die Broschüre, weil sie richtig und gut ist. Sie kommt nicht belehrend daher, sondern beschreibt Rechte." Problematisch finde er, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Unterdrückung von Frauen zu einem Problem von Zuwanderern gemacht werde: "Vergewaltigungen gab es etwa auch schon vor der Migrationsdebatte. Und deutsche Männer sind mitnichten allesamt fortschrittlicher als manche Flüchtlinge. Die Errungenschaften der geschlechtlichen Emanzipation müssen verteidigt werden, mit oder ohne Flüchtlinge." Nach wie vor gebe es schlechtere Bedingungen für Frauen in den Asylverfahren, kritisiert Weber. Ihnen werde weniger geglaubt. "Frauen haben in unserer Gesellschaft schlechtere Chancen. Das zeigt sich nun eben auch im Flüchtlingsbereich." Webers Forderung: Es brauche dringend getrennte Duschen und Toiletten in den Gemeinschaftsunterkünften, und eine Fachaufsicht, an die Frauen sich wenden könnten, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen.

"Hannoversche Erklärung" soll Frauen stärken

Auch das niedersächsische Sozialministerium will die Frauen unter den Flüchtlingen stärken. Gestern hat es zusammen mit Migrations- und Frauenverbänden eine "Hannoversche Erklärung" verabschiedet. Frauen sollen demnach vor allem vor Gewalt und Übergriffen in Gemeinschaftsunterkünften, über die immer häufiger berichtet wird, besser geschützt werden. Unterzeichner sind der Niedersächsische Landesfrauenrat, der Flüchtlingsrat Niedersachsen, die Arbeitsgemeinschaft von Migrantinnen, Migranten und Flüchtlingen in Niedersachsen (AMFN), der Verein für interkulturelle Kommunikation, Flüchtlings- und Migrationsarbeit (kargah) sowie Niedersachsens Sozial- und Gleichstellungsministerin Cornelia Rundt (SPD). Rundt freut sich, "dass wir diese wichtige Erklärung gemeinsam auf den Weg gebracht haben und dass wir aufgrund der Spannbreite der beteiligten Verbände nun ein ganz starkes Signal in die Gesellschaft senden, dass die Errungenschaften der Gleichstellung auch in turbulenten Zeiten nicht zur Disposition stehen."

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