Stand: 22.02.2016 11:01 Uhr

Wie viele Menschen hat Niels H. getötet?

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Im Prozess gestand Niels H., 30 Menschen getötet zu haben. Die Ermittler haben Zweifel an dieser Zahl.

In dieser Woche jährt sich das Urteil zum ersten Mal: Der Ex-Krankenpfleger Niels H. wurde am 26. Februar 2015 wegen Mordes und Mordversuchs in insgesamt fünf Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er hatte Kranken eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt, damit sie einen Kreislaufkollaps erlitten - und er selbst sich bei der Wiederbelebung profilieren konnte. Doch abgeschlossen ist der Fall noch längst nicht: Denn das Ausmaß der Verbrechen des ehemaligen Intensivpflegers könnte um ein Vielfaches größer sein. Die bange Frage vieler Angehöriger von ehemaligen Patienten des Delmenhorster Klinikums: Wie viele Menschen hat Niels H. tatsächlich getötet?

Mindestens 90 Mal spielte Niels H. mit dem Leben von Patienten

Im Prozess hatte er gestanden, in 90 Fällen zwischen 2003 und 2005 das Herzmedikament Gilurytmal gespritzt zu haben. Bis zu 30 Patienten sollen seiner Aussage nach in der Folge gestorben sein. Die polizeilichen Ermittlungen lassen aber andere Zahlen vermuten: Mehr als 200 zweifelhafte Todesfälle an den früheren Arbeitsstätten des Pflegers in Delmenhorst, Oldenburg und Wilhelmshaven nimmt die Soko "Kardio" derzeit unter die Lupe, so deren Sprecherin Maike Meisterling. 63 mögliche Opfer des Krankenpflegers wurden in den vergangenen Monaten auf Friedhöfen in Delmenhorst ausgegraben. Bei 21 exhumierten Patienten des Klinikums Delmenhorst wurde der Wirkstoff gefunden, mit dem Niels H. getötet haben soll - das Herzmedikament Gilurytmal. Keinem der Patienten war laut Oldenburger Staatsanwaltschaft das Medikament verschrieben worden.

Exhumierungen dauern an

Derzeit laufen laut Meisterling erneut Exhumierungen, weitere seien geplant. Ein Ende der Ermittlungen sei noch nicht absehbar. Bei 55 untersuchten Fällen, die einen Bezug zu dem Fall Niels H. hätten, seien die polizeilichen Ermittlungen 2015 abgeschlossen worden, sagte Soko-Sprecherin Meisterling zu NDR.de. Darunter auch Fälle, bei denen zum Beispiel kein Nachweis des Medikaments Gilurytmal mehr möglich sei, etwa weil die Toten eingeäschert worden seien. Diese Zahl aus der Kriminalstatistik gebe aber keinen Aufschluss über die Zahl der möglichen Opfer des Niels H., betonte Meisterling.

Ermittlungen gegen ehemalige Kollegen

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg auch gegen acht frühere Kollegen des Niels H. in Delmenhorst und Oldenburg - wegen Totschlags durch Unterlassen. Dahinter steht die Frage, ob der Pfleger hätte gestoppt werden können, wenn seine Taten früher aufgefallen wären.

Weiterer Prozess gegen Niels H. wahrscheinlich

Es gilt als sicher, dass es erneut zum Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger kommt. Wann, ist noch unklar. Am Strafmaß würde das allerdings nichts ändern, da Niels H. bereits eine lebenslange Freiheitsstrafe erhalten hat. Eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren ist ausgeschlossen, weil das Oldenburger Landgericht die Schwere der Schuld festgestellt hatte.

Es wäre der dritte Prozess gegen Niels H.: Bereits 2008 war er wegen Mordversuchs an einem Patienten zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Schon damals gab es Hinweise, dass er deutlich mehr Patienten getötet haben könnte. Die Staatsanwaltschaft ging dem aber nicht nach. Erst auf Druck einiger Angehöriger von Verstorbenen gab es weitere Ermittlungen und auch eine erneute Anklage.

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