Stand: 24.08.2015 20:44 Uhr

Trecker-Demo: Milchbauern kämpfen um Existenz

Gut 30 Landmaschinen haben sich am Montagvormittag in Pewsum in der Gemeinde Krummhörn (Landkreis Aurich) in Bewegung gesetzt. Sie haben einen weiten Weg vor sich, denn die Trecker-Sternfahrt, zu der sie gehören, geht bis nach München. Am Freitag wollen sich Milchviehhalter aus Süddeutschland anschließen. Die vielen Kilometer in die bayerische Hauptstadt nehmen die Bauern auf sich, um für höhere Milchpreise zu demonstrieren. Etwa 100 Landwirte machten vor der Abfahrt in Pewsum lautstark ihrem Unmut Luft. In ganz Norddeutschland sind am Montag Milchbauern auf ihre Trecker gestiegen. Unterwegs sollen Berufskollegen aus den Regionen die Fahrt begleiten. Zwei weitere Fahrten beginnen in den nächsten Tagen in Baden-Württemberg und in Bayern.

BDM: Bundesagrarminister "muss handeln"

Gehört werden wollen die Bauern vor allem von Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU). "Wenn eine Flasche Mineralwasser mehr kostet als ein Liter Milch, ist irgendwas nicht richtig", sagte der Präsident des Bauernverbands in Sachsen-Anhalt, Frank Zedler. "Schmidt muss handeln, aber er beobachtet nur seit Monaten", so Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM). Die Milchproduktion müsse gedeckelt werden. Knapp 27 Cent bekommen die Milchviehhalter derzeit für einen Liter. "Wir brauchen aber mindestens 40 Cent, um unsere Unkosten zu decken", erklärte Steffen Hinrichs aus Hesel im Landkreis Leer. 95 Milchkühe hat er auf seinem Hof. "Größer werden soll der Betrieb nicht, dann wären mehr Flächen nötig. Doch dafür sind die Preise zu hoch."

Forderung: Prämien für geringere Produktionsmengen

Milchviehhalterin Karin Mansholt vom BDM wünscht sich von der Politik Anreize für Landwirte: Wer weniger Milch produziert, soll Prämien erhalten, so die Forderung. Mit der Protest-Sternfahrt nach München wollten die Bauern "ein Zeichen setzen und auf die katastrophale Situation der Milchviehhalter aufmerksam machen", so die Landwirtin aus Pewsum. Erst kürzlich hatten rund 700 Milchbauern in Ostfriesland auf einen Aufruf des BDM hin mit Mahnfeuern gegen die Niedrigpreise protestiert.

DMK verweist auf internationale Milchmarktkrise

Aus Pewsum sind die Bauern zuerst zu einer Kundgebung nach Neubörger im Emsland zur Molkerei des Deutschen Milchkontors (DMK), Deutschlands größtem Milchverarbeiter, gefahren. Dort macht man den Bauern jedoch wenig Hoffnung auf Besserung. Die Preise würden noch mindestens bis Anfang 2016 auf dem niedrigen Niveau bleiben, sagte DMK-Sprecher Hermann Cordes und räumte ein: "Das ist massiv, was den Landwirten an Einnahmen fehlt." Das weltweite Überangebot lasse aber nichts anderes zu. Die Produktion steige im Vergleich zur Nachfrage überproportional an. 2014 sind Cordes zufolge schätzungsweise sechs bis sieben Milliarden Liter Milch produziert worden, für die es keine Nachfrage gab. Ein Grund hierfür sei Russlands Einfuhrsperre für Milchprodukte aus Europa. Eine Milchquote gibt es nicht mehr, sie wurde im April abgeschafft.

"Faire Milch" nur in Hofläden und im Internet

Karin Mansholt und andere ostfriesische Bauern haben sich unterdessen zusammengetan und ein eigenes Produkt auf den Markt gebracht: "Die faire Milch". Ein Liter kostet mehr als einen Euro. Davon bekommen die Landwirte 40 Cent - das Geld, das sie brauchen, um kostendeckend arbeiten zu können. Der Rest des Literpreises setzt sich aus Kosten fürs Abfüllen und für den Transport zusammen. "Unsere Milch ist frei von Gentechnik und hat einen höheren Anteil an gesunden Omega-3-Fetten als die herkömmliche Milch", sagte Mansholt NDR 1 Niedersachsen. "Die faire Milch" gibt es allerdings nur in Hofläden und über das Internet zu kaufen. Viele Einzelhändler wollten das Produkt nicht verkaufen, bedauerte Mansholt. Sie hätten offenbar schon genug Premiumprodukte im Sortiment. Auch sei die Gewinnmarge wohl zu niedrig.

Meyer: Milchpreis ist existenzbedrohend

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) hat unterdessen ein 300-Millionen-Soforthilfeprogramm gefordert, um den Milchpreis zu stabilisieren. Meyer sagte der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" am Sonnabend, der aktuelle Tiefstand von teilweise unter 27 Cent pro Liter sei existenzbedrohend für die rund 11.200 Milchviehhalter in Niedersachsen. Meyer rechnet demnach mit jährlichen Umsatzeinbußen von 800 Millionen Euro. Grund für den Preisverfall, erklärte auch der Minister, sei das Überangebot auf dem Weltmarkt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 24.08.2015 | 12:00 Uhr