Stand: 21.03.2017 12:27 Uhr

Steinkimmen: Wehmütiger Abschied vom Fernsehturm

von Oliver Gressieker
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Das Leben von Hans-Georg Schulz ist untrennbar mit dem Sendemast in Steinkimmen verbunden.

"Der Fernsehturm hat mein Leben mehr als geprägt. Manchmal träume ich sogar von ihm." Wenn Hans-Georg Schulz vom NDR Sendemast in Steinkimmen (Landkreis Oldenburg) spricht, beginnen seine Augen sofort zu leuchten. Wohl niemand hat eine derart innige Verbindung zu dem 305 Meter hohen Bauwerk. Seit 1954 lebt der 85-Jährige mit seiner Familie nur einen Steinwurf entfernt. Beim Bau des Turmes arbeitete Schulz als Maler, seine Frau war später jahrzehntelang als Reinigungskraft in der Sendestation beschäftigt. "Der Turm hat uns Wohlstand gebracht. Wir hatten durch ihn eigentlich nur Vorteile", sagt der Rentner im Gespräch mit NDR.de.

Die letzten Tage des alten Antennenträgers

Neubau ersetzt alten Turm

Umso schwieriger dürften für Schulz die kommenden Monate werden, denn die Tage "seines" Turmes sind gezählt. Voraussichtlich ab Mai soll das Wahrzeichen von Steinkimmen nach 61-jähriger Betriebsdauer demontiert werden. Schon im vergangenen Jahr wurde in unmittelbarer Nähe ein neuer 285 Meter hoher Antennenträger errichtet. Der Neubau als Gitterkonstruktion war notwendig geworden, weil der alte Rohrmast die erhöhten Anforderungen an Statik und Windlast nicht mehr erfüllte. Für Schulz ist das nur ein schwacher Trost. "Ich will mich eigentlich überhaupt nicht damit beschäftigen, dass der Turm wegkommt", sagt er. "Das ist schon ziemlich hart für mich."

Höhenangst kostet den Job

Kurios ist, dass ausgerechnet die enorme Höhe des Turmes eine weitere berufliche Karriere von Schulz an der Sendestation verhindert hat. "Ich habe mich kurz nach dem Bau als Hausmeister beworben", erzählt der 85-Jährige. "Doch dann erfuhr ich, dass zu diesem Job auch das Wechseln der Glühbirnen auf dem Mast gehört. Das kam für mich aber wegen meiner Höhenangst auf gar keinen Fall in Frage." An seiner Verbundenheit zum Turm änderte sich dadurch allerdings nichts. "Wenn ich ihn von der Autobahn aus erblicke, sage ich immer, dass ich meinen Schornstein sehen kann", so Schulz.

360-Grad-Blick vom Sendemast in Steinkimmen

Emotionale Verbundenheit der Anwohner

Auch der langjährige Leiter der Sendetechnik in Steinkimmen, Horst-Dieter Meyer, sieht das Aus des rot-weißes Mastes mit einem weinenden Auge. "Da ist schon jede Menge Wehmut dabei", sagt er. "Viele Leute hier haben eine emotionale Verbindung zum Fernsehturm. Ich selbst war zum Beispiel als Kind häufig auf dem Spielplatz der Gaststätte, die direkt nebenan liegt." Nicht nur ihm werde deshalb nach dem Rückbau ganz sicher etwas fehlen.

Größe lockt viele Besucher an

Dass der Turm zum Identitätsmerkmal für eine ganze Region wurde, erklärt sich Meyer vor allem mit der Einmaligkeit. "Als er errichtet wurde, war er das höchste Bauwerk in ganz Deutschland", sagt der 63-Jährige. "Dadurch hat er Heerscharen von Besuchern angelockt." Sogar eigene Souvenirs und Postkarten habe es gegeben. Aus technischer Sicht sei der Neubau allerdings die einzig richtige Entscheidung, betont Meyer. Letztlich werde so auch der Standort Steinkimmen gesichert.

Rückbau im Sommer

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Ein Hubschrauber hat im vergangenen Sommer die Antenne des neuen Turms aufgesetzt. Ähnlich wird es auch beim Rückbau aussehen. (Archivbild)

Anfang April soll der neue Sendemast in Betrieb gehen. "Wenn nach dem Umschalten der Dienste alle Systeme sicher laufen, kann die Demontage des alten Turmes beginnen", sagt der Leiter der Sendestation, Klaus Schneider. Der Rückbau dürfte durchaus sehenswert werden: Ein Hubschrauber wird den oberen Teil der Antenne abnehmen, ehe der Rest des Turmes Stück für Stück abgetragen wird. Lediglich der zehn Meter hohe Sockel bleibt stehen. "Auf Wunsch des Ortsvereins wird er aus historischen Gründen erhalten", so Schneider.

"Habe ein mulmiges Gefühl"

Hans-Georg Schulz will das Spektakel gemeinsam mit Familie und Bekannten von seinem Garten aus verfolgen. Beim Gedanken daran hat er allerdings schon jetzt ein mulmiges Gefühl: "Mit dem Turm verschwindet schließlich ein ganz wichtiger Teil meines Lebens."

Weitere Informationen

Neue Antennenspitze auf dem NDR Sendemast

In Torfhaus hat ein Hubschrauber am Mittwoch den letzten Teil der neuen Antennenspitze für den NDR Sendemast aufgesetzt. Dichter Nebel hatte am Dienstag die Flüge zunächst verzögert. (01.10.2014) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 29.07.2016 | 16:00 Uhr

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