Stand: 29.08.2013 18:45 Uhr

Postbank: Zins-Schwindel kommt vor Gericht

von Benedikt Strunz
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Jahrelang hat ein Berater der Postbank in Leer Hunderte Kunden mit enormen Zinsen gelockt. (Themenbild)

Seit Jahren schon ist Peter Kopner Kunde des Postbank Finanzcenters in Leer. Und eigentlich war der Pensionär mit seiner Bank auch äußerst zufrieden. Doch mittlerweile ist Kopner (Name von der Redaktion geändert) nur noch sauer. "Wenn man - auf deutsch gesagt - so beschissen wird, dann habe ich das nicht so gern." Kopner ist einer von Dutzenden Kunden, die derzeit mit der Postbank im Rechtsstreit liegen. Ihnen wurden hohe Zinsen versprochen. Ob sie das Geld erhalten, ist unklar. Vor dem Landgericht Hamburg sammeln sich inzwischen die Klagen. Beobachter rechnen damit, dass es im September eine erste mündliche Verhandlung geben wird.

Mund-zu-Ohr-Propaganda für den Berater

Ein Bekannter hatte Kopner im März 2009 einen Tipp gegeben: Ein Anlageberater des Postbank-Finanzcenters in Leer biete besonders hohe Zinsen auf gewöhnliche Sparkonten an, erzählte der Bekannte. "Da bin ich dort hingegangen und habe mich vorgestellt. Er war sehr freundlich und hat mir erklärt, wie das laufen würde."

Was der freundliche Bankberater dem Rentner an diesem Tag erklärt, wird von der Staatsanwaltschaft Aurich inzwischen als ein höchst kriminelles System bezeichnet, das selbst altgediente Ermittler in Staunen versetzt: Auf eigene Faust soll der Banker Hunderten Kunden Phantasie-Zinsen für Sparkonten gewährt haben - Zinsen in Höhe von fünf, sechs, bis zu sieben Prozent. Bislang war völlig unklar, wie der Banker dieses System über Jahre hinweg finanzieren konnte.

Schattenbank über Reeder-Konten finanziert?

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Eine alltägliche Situation bei der Postbank - doch in Leer erwuchsen daraus nicht alltägliche Zinsen. (Themenbild)

Nun legen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Aurich den Verdacht nahe, dass sich der inzwischen freigestellte Banker schlichtweg an den Konten wohlhabender Reeder-Familien bedient haben könnte, um seine Schattenbank am Laufen zu halten. Auch wolle man nicht ausschließen, dass sich der Banker selbst bereichert hat. Bei einer Haussuchung habe man auch "Vermögenswerte gesichert". Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Untreue dauerten aber noch an. Der beschuldigte Berater hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht öffentlich geäußert.

"Fest steht, dass exorbitante Schäden angerichtet sind - sicherlich zu Lasten der Postbank, aber auch zu Lasten der Kunden", sagt der Rechtsanwalt Ulf Nannen. Inzwischen hat die Postbank die Reißleine gezogen. Nachdem der Schwindel im März 2013 aufgeflogen war, wurden alle fraglichen und bereits - teilweise über Jahre hinweg - gutgeschriebenen Zinsen überprüft. In vielen Fällen buchte die Postbank die Zahlungen schlichtweg von den betroffenen Konten wieder ab. Auch Peter Kopner wartet seither auf mehrere Tausend Euro Zinserträge.

Postbank wehrt sich gegen Vorwürfe

Der beschuldigte Mitarbeiter habe überhaupt nicht über die notwendigen Kompetenzen verfügt, um eigenmächtig Zinssätze festzulegen, begründet die Postbank diesen Schritt. Zumal er nicht im Postbank-Mutterkonzern gearbeitet habe, sondern beim Postbank-Finanzcenter - und das gehört zu einer Tochter des Geldinstituts, der Postbank-Filialvertrieb-AG.

In einer Klageerwiderung der Postbank, die NDR Info vorliegt, heißt es außerdem: "Keine auch nur annähernd im Leben stehende Person hätte annehmen können, dass ihm ernsthaft von einem seriösen mitteleuropäischen Bankinstitut derart ungewöhnliche Konditionen wirksam angeboten würden." Dutzende Kunden fühlen sich nun doppelt hintergangen: von einem Filialleiter, der sie hinters Licht geführt hat, und von einer Bank, die dafür nicht die Verantwortung übernehmen will.

Jahrelang nichts bemerkt

Unklar bleibt nach wie vor, weshalb die Postbank selbst über Jahre hinweg von dem Millionenschwindel nichts bemerkte. Denn schließlich sprachen sich die Wunder-Zinsen herum: Innerhalb weniger Jahre sollen Kunden Dutzende Millionen Euro im Postbank Finanzcenter Leer angelegt haben. Eigentlich hätte das für jede Revisionsabteilung ein deutliches Warnsignal sein müssen. Auf Nachfrage von NDR Info heißt es dazu von der Postbank: "Der beschuldigte Mitarbeiter hat mit erheblicher krimineller Energie und internen Kenntnissen über die Abläufe in der Postbank ein eigenes System geschaffen und genutzt. Dabei hat er systematisch die internen Kontrollen unterlaufen. Ein vergleichbarer Fall ist bislang in der gesamten Geschichte der Postbank nicht vorgekommen." Inzwischen habe man die Kontrollmechanismen weiter verbessert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 30.08.2013 | 07:49 Uhr