Stand: 20.02.2016 12:17 Uhr

Ihnen reicht's: Schäfer und Herde fliehen vor Wolf

von Elske Beermann

Acht Wolfsangriffe in den letzten Jahren, drei innerhalb von zwei Wochen. Von 90 Tieren sind fünf tot und sechs verletzt, zwei haben dazu ihre Lämmer verloren, sagt Schäfer Kay Krogmann. Er hat die Tiere zwar von der Weide in den Stall geholt - aber noch immer seien sie verstört und unruhig. Normalerweise kann Krogmann in die Box zu seinen Schafen gehen und sie bleiben liegen. Er kann in Ruhe füttern, einstreuen. Doch seit der letzten Wolfsattacke am vergangen Sonnabend kann Krogmann die Box nicht mehr betreten - die Tiere laufen aufgeregt umher und reagieren mit Panik auf Dunkelheit.

Traumatisierte Herde

"Das kriege ich aus der Herde auch wohl nie mehr raus", glaubt er. Seine Tiere sind nach Meinung von Krogmann traumatisiert - und auch er selbst ist betroffen. Er schläft schlecht und hat Alpträume, in denen er seine Schafe schreien hört. "Ich habe für meine Tiere Verantwortung. Die vertrauen mir. Das ist nicht einfach ein Tier. Das ist Familie", sagt er. Der Schäfer sieht den letzten Ausweg in einem Umzug. Weg vom Wolf - dahin, wo er bis jetzt noch nicht war. Es geht von Freiburg an der Elbe nach Wehldorf/Cuxhaven. Dort bekommt der Schäfer für seine insgesamt rund 1.000 Mutterschafe vom Hadelner Deich- und Uferbauverband einen Stall gebaut. Wegen der Wolfsrisse im Hinterland wird der Stall nun aus Sicherheitsgründen auch extra größer gebaut.

Schäfer zieht nach Wolfsangriff mit Herde um

Die Schafe und der Deich

Torsten Heitsch, Geschäftsführer des Hadelner Deich- und Uferbauverbandes, erzählt, dass es gar nicht so einfach war, einen geeigneten Pächter für die 63 Hektar zu finden: "Es gab zwar mehrere Bewerbungen, aber nicht nur, dass die Schäfereien nicht groß genug waren, sondern es waren auch einige dabei, die uns schon gesagt haben: 'Nein, aufgrund der Wolfsproblematik möchten wir in Zukunft etwas anderes machen.'" Schafe aber sind am Deich notwendig. Sie trampeln den Boden fest und fressen das Gras kurz - damit sorgen sie für Deichsicherheit bei Sturmfluten. Krogmann hat mit dem Deichverband nun einen Pachtvertrag für zehn Jahre abgeschlossen. Aber er glaubt, dass es in Zukunft schwierig werden wird, noch Schäfer zu finden, die an den Deich gehen. "Unser Berufsstand wird immer kleiner. Wenn es dann noch heißt: 'Du hast da einen Wolf mit in der Region', dann wird es äußerst schwierig."

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Neuanfang an der Küste

Krogmann freut sich auf den Neuanfang. Aber er ist auch wütend und enttäuscht. Die vielen Wolfsrisse, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen und ihn psychisch schwer belasten; mehr Arbeit und fehlende Unterstützung sind die Gründe. Gerade erst hat er wieder Post vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz bekommen: Eine Entschädigung für den letzten Wolfsriss wird nicht bezahlt. Seine Herde war nicht entsprechend der sogenannten Richtlinie Wolf eingezäunt. Aber Krogmann kann seine Schafe gar nicht entsprechend einzäunen. Seine Wanderherde umfasst rund 1.000 Tiere, die in kleinen Herden alle paar Tage auf unterschiedlichen Weiden stehen. Es ist unmöglich, diese alle paar Tage neu einzuzäunen - und unbezahlbar, sagt er. Schon oft hat er in den vergangenen Monaten ans Aufhören gedacht. Aber er liebt seinen Beruf einfach über alles. Und: Er hofft, dass die Wolfsangriffe auf seine Tiere nach dem Umzug aufhören.

Chronologie: Der Wolf in Niedersachsen (ab 2015)