Stand: 04.03.2016 06:53 Uhr

Gestrandeter Schweinswal: Rettung durch Reha

von Matthias Schuch

"Lene" geht es schlecht - das ist selbst für Laien offensichtlich. Fast bewegungslos lässt sich das kleine Schweinswalweibchen von einem ehrenamtlichen Helfer im Neopren-Anzug durch das Reha-Becken im niederländischen Harderwijk ziehen, immer dicht an der Wasseroberfläche. Die Augen des kleinen Wals sind geschlossen, nur hin und wieder kommt ein schwerer, schnaufender Atemzug aus dem Atemloch auf dem Rücken des schwarzgrauen Tieres. Am Beckenrand verfolgt Tierpflegerin Annemarie van den Berg die Szene: "'Lene' hat wahrscheinlich stark übersäuerte Muskeln, vielleicht sogar einen Muskelschaden", erklärt sie. "Das passiert, wenn Schweinswale länger an Land liegen. Deshalb kann sie sich im Moment fast gar nicht bewegen. Wenn wir sie nicht stützen, dann würde sie untergehen und ertrinken". Das Stützen im Reha-Becken ist extrem Aufwändig. Durchgängig 24 Stunden am Tag muss mindestens einer der ehrenamtlichen oder festangestellten Walretter von SOS Dolfijn im Becken sein und "Lene" stützen - solange, bis sie wieder aus eigener Kraft schwimmen kann. "Bei manchen Walen dauert das ein paar Tage, aber wir hatten auch schon Tiere, die wir drei Wochen am Stück stützen mussten", erzählt Annemarie van den Berg.

Das verletzte Schweinswalweibchen Lene befindet sich im Wasserbecken einer niederländischen Auffangstation. Da es sich nicht allein über Wasser halten kann, wird es von Pfleger Eligius Everaarts gestützt.

Kleiner Schweinswal wird in Reha aufgepäppelt

Hallo Niedersachsen -

Ein vor Hooksiel gefundener Schweinswal ist in die einzige Reha-Klinik für solche Tiere im niederländischen Harderwijk gebracht worden. Dort wird das verletzte Tier jetzt gepflegt.

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Spaziergänger entdeckt gestrandetes Schweinswalweibchen

Dass Lene es überhaupt bis in die Auffangstation in Harderwijk geschafft hat, ist fast schon ein kleines Wunder - die meisten Schweinswale überleben eine Strandung nicht. Mehrere Hundert Tiere werden pro Jahr an den Küsten der Nordsee angeschwemmt. Gerade mal acht bis zehn von ihnen sind in einem Zustand, der eine Rettung möglich macht. So auch Lene: Am vergangenen Sonntag hatte eine Spaziergängerin den kleinen Wal im Watt vor Hooksiel entdeckt - mehr tot als lebendig. Von dort aus kam sie erst in die Seehundstation in Norden, dann mit einem Spezialtransporter weiter zu Walrettungsstation SOS Dolfijn in Harderwijk. "So ein Transport ist immer ein extremes Risiko für einen Schweinswal", erklärt Meeresbiologe Eligius Everaarts, der als Direktor von SOS Dolfijn auch selbst bei der Rettungsaktion dabei war. "Die Tiere sind extrem scheu und geräuschempfindlich, normalerweise würden sie sich nicht einmal einem Menschen nähern. Da ist so eine Strandung und die Rettung mit vielen Menschen und Bewegung natürlich ein unglaublicher Stressfaktor, gerade wenn das Tier ohnehin in einem geschwächten Zustand ist."

"Lene" hat Glück im Unglück

Wie gut "Lene" diesen Stress und ihre Verletzungen weggesteckt hat, kann Everaarts auch mehrere Tage nach ihrer Rettung noch nicht sagen. "Sie ist stark abgemagert, hat mehrere Wunden an der Schwanzflosse und ist sehr unbeweglich, wahrscheinlich weil sie so lange auf dem Trockenen gelegen hat". Doch trotz ihrer Verletzungen hatte "Lene" viel Glück im Unglück - allein schon beim Ort ihrer Strandung. "Die deutschen Bundesländer handhaben gestrandete Schweinswale sehr unterschiedlich", erklärt Everaarts. "An der niedersächsischen Küste können wir Tiere retten, in Schleswig-Holstein ist die Regelung viel strenger: Dort dürfen wir keine Wale retten, weil der Nationalpark Strandungen als Teil des natürlichen Kreislaufs betrachtet."

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Walschützer wollen "Lene" wieder fit machen

Am Wochenende war bei Hooksiel ein gestrandetes Schweinswalweibchen gefunden worden. Inzwischen ist "Lene" in den Niederlanden und wird dort von Pflegern rund um die Uhr gepflegt. Bildergalerie

Beobachtung rund um die Uhr

Die Rettung selbst ist allerdings nur der erste Teil eines langen, schwierigen Weges. Ob und wann ein geretteter Schweinswal wieder gesund genug ist, um ausgewildert zu werden, lässt sich vor allem in den ersten Tagen kaum sagen. "Natürlich haben wir immer ein Bauchgefühl", meint Tierpflegerin Annemarie van den Berg. "Aber solange wir nicht genau wissen, was das Tier hat, lässt sich kaum eine Prognose treffen." Auch deshalb beobachten sie und ihre Kollegen "Lene" rund um die Uhr und protokollieren alles: "Wie bewegt sie sich, wie ist ihr Stuhlgang, hat sie Krämpfe? Wenn sie viel hustet, könnte das zum Beispiel bedeuten, dass sie Lungenwürmer hat. Solche Hinweise sind ganz wichtig für uns, damit wir ihr helfen können." Im Moment steht allerdings noch die unmittelbare Pflege der kleinen Waldame im Vordergrund - zum Beispiel die Ernährung. "Schweinswale müssen pro Tag fünf bis zehn Prozent ihres Körpergewichts an Fisch fressen", erklärt van den Berg, während sie in der Futterküche von SOS Dolfijn einen Eimer mit Heringen fertigmacht.

Tier muss aufgepäppelt werden

"Lene" kann aber noch nicht wieder alleine fressen. Annemarie van den Berg muss ihr die Fische einzeln ins Maul schieben, erst dann schluckt der kleine Wal die Heringe langsam und fast bedächtig. Weil er noch nicht so viel fressen kann, wie er eigentlich müsste, macht sich van den Berg auch Sorgen um den Flüssigkeitshaushalt des Tieres. "Schweinswale nehmen ihr Süßwasser normalerweise mit der Nahrung auf. Aber weil sie so unterernährt ist, ist sie auch dehydriert, deshalb bekommt sie mehrmals pro Tag Wasser mit einem Trichter und einem Schlauch direkt in den Magen."

Forschung am lebenden Objekt

Die Auffangstation rettet seit über 25 Jahre Schweinswale an der gesamten Nordseeküste, von Frankreich bis Dänemark. Finanziert wird die Organisation dabei allein durch Spendengelder. Die Auffangstation in Harderwijk, mit ihren zwei Becken und den zwei rund um die Uhr einsatzbereiten Spezialfahrzeugen zur Walrettung ist die einzige ihrer Art in ganz Europa. Für Direktor Eligius Everaarts und seine vier festen und über 70 ehrenamtlichen Mitarbeiter ist es dabei wichtig, dass sie die Arbeit nicht nur machen, um den einzelnen Tieren zu helfen. Genauso wichtig ist für uns die Bildungsarbeit, zum Beispiel an Schulen, und die Forschung." Tatsächlich bietet das Zentrum in Harderwijk Forschungsmöglichkeiten, die es sonst nirgendwo gibt. "In freier Wildbahn sind Schweinswale so scheu, dass man als Meeresbiologe praktisch nicht an sie herankommt. Hier haben wir die einmalige Möglichkeit, ganz nah an die Tiere heranzukommen und zum Beispiel zu sehen, welche Krankheitserreger oder Umweltgifte ihnen zu schaffen machen." 

Schwierige Heilungsprognose

Ob auch "Lene" einen längerfristigen Beitrag zur wissenschaftlichen Erforschung des Schweinswals leisten kann, wird wohl davon abhängen, ob sie wieder gesund wird. Annemarie van den Berg ist auch nach mehreren Tagen noch nicht sicher: "Vielleicht schafft sie es, vielleicht nicht. Wenn alles gut läuft, dann schwimmt sie in ein paar Wochen wieder aus eigener Kraft, und in ein paar Monaten können wir sie zurück ins Meer bringen. Wenn du einmal erlebt hast, wie ein Wal wieder zurück in die Freiheit kann, dann weißt du, dass das hier allen Aufwand wert ist."