Stand: 06.01.2016 12:24 Uhr

Festgefahren im Watt: Zwölf Stunden auf der "Frisia II"

"Endlich wieder festen Boden unter den Füßen!" Das dürften sich so einige der rund 650 Passagiere der "Frisia II" nach Ankunft der Fähre am Dienstagabend in Norddeich gesagt haben. Rund zwölf Stunden saßen Besatzung und Reisende unfreiwillig im Watt fest. Starker Ostwind und Niedrigwasser hatten die Fähre in ihrer natürlichen Fahrrinne im Schlick auf Grund laufen lassen. Mit dem einsetzenden Hochwasser kam die Fähre gegen 18.30 Uhr wieder los. "Als das Schiff nach mehreren Versuchen endlich seine Fahrt fortsetzte, brandete spontan Applaus auf", sagte Urlauberin Katja Pietsch, die den Jahreswechsel auf Juist verbracht hatte. Vor dem Einlaufen in den Hafen von Norddeich habe es eine regelrechte Aufbruchstimmung gegeben. Doch es sei bemerkenswert gewesen, wie ruhig alle Passagiere den unfreiwilligen Stopp ausgehalten hätten, so Pietsch gegenüber NDR.de. Der Kapitän des Schiffs habe sich über Lautsprecher bei seinen Passagieren dafür bedankt. Abermals gab es spontanen Beifall, wie Pietsch berichtete.

Ende einer zwölfstündigen Odyssee

Reederei war auf Ernstfall vorbereitet

Auch bei der Reederei Norden-Frisia ist man nach dem glücklichen Ende des unfreiwilligen Watt-Aufenthalts glücklich, dass die Passagiere nicht noch länger an Bord bleiben mussten. "Glücklicherweise hat der Hochwasserpegel am Abend gereicht", sagte Reederei-Sprecher Fred Meyer. Zuvor hatte sich die Reederei auf den Ernstfall vorbereitet: Zwei Rettungsboote der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger standen bereit, um die Fähre zur Not abzuschleppen. Auch auf den Fall, dass die Fähre weiterhin im Watt stecken bleibt, war man vorbereitet. "Dieser Fall ist, Gott sei Dank, nicht eingetreten", so der Reederei-Sprecher erleichtert.

17 Bockwürste und ein Zauberkünstler

Seit Dienstagmorgen lag das Schiff schräg im Watt. Von Deck aus habe man Robben beobachten können, erzählten die Fahrgäste am Dienstagabend. An Bord saßen sie auf den Fußböden, manche schliefen, Hunde liefen umher. Genügend Sitzplätze gab es nicht für alle - schließlich konnten die Bänke im Außenbereich aufgrund der Wetterlage nicht genutzt werden. Und wegen der Schräglage funktionierten irgendwann auch die Wasserhähne in den sanitären Anlagen nicht mehr. "Das war schon eine sehr ungewöhnliche Situation", so Pietsch. Doch die Passagiere machen das Beste draus: Von gefühlt 17 Bockwürstchen spricht der eine, mit der er sich die Zeit vertrieben habe. Ein Zauberkünstler, der ebenfalls mit an Bord war, bespaßte unterdessen die Kinder im proppevollen Aufenthaltsraum unter Deck.

"Frisia II" sollte unfreiwillige Urlaubsverlängerung beenden

An ein solches Szenario war am Morgen zunächst nicht zu denken: Am Fähranleger auf Juist hatte sich bereits um 5.15 Uhr eine "riesige Schlange" gebildet, erzählte Urlauberin Pietsch. Seit dem Wochenende war der Fährverkehr wegen des Wintereinbruchs zum Erliegen gekommen. Die letzte reguläre Fähre von Juist zum Festland war am Sonnabend um 4 Uhr früh gefahren. Seitdem ging nichts mehr. Die Reederei Norden-Frisia hatte daher außerplanmäßig fünf Schiffe am frühen Morgen von Juist auslaufen lassen, um die Urlaubsgäste ans Festland zu bringen. "Das ist uns in 28 Jahren noch nicht passiert, dass so viele Passagiere transportiert werden mussten", so der Sprecher der Reederei.

Kurz nach der Abfahrt ruckelt und wackelt es

Als Pietsch die "Frisia II" betrat, hatten bereits vier Fähren abgelegt. Die kamen wenig später auch sicher in Norddeich an. Dass die Fahrt mit der fünften Fähre nicht ganz so reibungslos ablaufen würde, merkten die Fahrgäste bereits kurz nach der Abfahrt um kurz nach 7 Uhr. Es ruckelte und wackelte. Die "Frisia II" steckte fest. Ab da hieß es für Besatzung und Passagiere: Warten auf das nächste Hochwasser. Und ob das - wegen des starken Ostwindes - reichen würde, stand bis zum Abend noch gar nicht hundertprozentig fest. Zwei Seenotrettungskreuzer hatten die "Frisia II" daher am Nachmittag noch mit frischen Lebensmitteln und weiteren warmen Decken versorgt, falls es auch noch eine unfreiwillige Nacht im Watt für die 650 Reisenden gegeben hätte.

Ungenaue Vorhersagen für Flut

Auch wenn die meisten Passagiere das Krisen-Management der Reederei lobten, gab es auch einige kritische Stimmen. Auf die Frage, ob die Fähre in Anbetracht der vorhergesagten Pegelstände überhaupt hätte ablegen dürfen, sagte Reederei-Sprecher Meyer: "Die Vorhersagen für den Höchstpunkt der Flut sind ungenau." Erst auf hoher See entscheide sich, ob der Wasserstand ausreiche. "So ist die Natur, da steckt man nicht drin." Den Kapitän treffe keine Schuld, so Meyer. Er gibt aber zu, dass das Einchecken der 650 Passagiere auf der "Frisia II" etwas länger gedauert habe, weil die meisten Fahrkarten kontrolliert worden seien. Auf Drängen des Kapitäns habe man aber schließlich darauf verzichtet, so Meyer.

Inselflieger bleiben in Norddeich weiter am Boden

Rund 500 weitere auf der Insel verbliebene Urlauber sind am frühen Mittwoch von drei kleinen Inselfähren nach Norddeich gefahren worden - ohne Komplikationen. Am Flughafen Norddeich müssen unterdessen die Inselflieger wegen vereister Start- und Landebahnen weiterhin am Boden bleiben. Nach Angaben der FLN Frisia-Luftverkehr werde sich daran auch am Mittwoch nichts mehr ändern. Man hoffe auf mildere Temperaturen. Am Flughafen Harle haben die Inselflieger am Mittwochmorgen den Flugbetrieb wieder aufgenommen. Sie steuern die Inseln Wangerooge, Helgoland, Langeoog und Baltrum an. Auch der Fährverkehr nach Norderney läuft wieder planmäßig.

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Aktuell | 05.01.2016 | 21:45 Uhr