Stand: 03.09.2012 17:09 Uhr

Die Spur der Schweine

von Oda Lambrecht

Der schmale weiße Teststreifen färbt sich dunkelrot. Günter Ottens ist empört. Der Rentner steht in seinem Garten in der niedersächsischen Gemeinde Damme und testet sein Brunnenwasser auf Nitrat. Dunkelrot bedeutet mehr als hundert Milligramm, vielleicht sogar zweihundert.  Das sei reichlich, alles was über fünfzig liege, sei für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet, sagt Ottens. Er kann nun nicht einmal mehr sein Gemüse damit gießen.

Schweine im Stall.

Die Spur der Schweine

Panorama - die Reporter -

In Niedersachsen leben acht Millionen Menschen und acht Millionen Schweine. Das hat Folgen: zu viel Gülle, zu viele Keime, belastete Böden, und unwürdige Tierhaltung.

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Acht Millionen Schweine in Niedersachsen

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Ein Schwein produziert etwa 600 Liter Gülle pro Jahr. Sie landet als Dünger auf den Feldern.

Und deshalb ist Günter Ottens sauer auf die Schweinehalter in der Nachbarschaft. Die Region hier rund um Vechta und Cloppenburg ist das Zentrum der deutschen Fleischproduktion. Etwa acht Millionen Schweine werden in Niedersachsen gehalten. Jedes von ihnen produziert rund sechshundert Liter Gülle im Jahr. Umweltschutzorganisationen beklagen, dass zu viele Nährstoffe auf den Feldern landen. Durch die Überdüngung der Böden steigen die Nitratwerte im Grundwasser.

Der Wasserversorger der Region schlägt Alarm. Egon Harms vom Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) sagt, der Grundwasserschutz gerate ins Hintertreffen, weil die Intensivierung der Landwirtschaft fortschreite. Viele Anwohner sind besorgt. Sie beklagen nicht nur die Umweltfolgen der intensiven Tiermast. Sie ärgern sich auch über den Gestank, der zu ihnen aus den Ställen weht.

Deutschland gehört bei der Fleischproduktion zur Weltspitze

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Ein dunkelroter Teststreifen ist ein schlechtes Zeichen: Der Nitratwert im Wasser ist zu hoch.

Doch die Nutztierhaltung hat die Region auch wohlhabend gemacht. Die sogenannte "Veredelungswirtschaft" ist wichtiger Teil der deutschen Agrarindustrie. Mehr als 50 Millionen Schweine werden in Deutschland jährlich geschlachtet - mehr als 16 Millionen davon allein in Niedersachsen. Die deutsche Schweinefleisch-Produktion gehört hinter den USA und China zur Weltspitze.

Auch der Landwirt Dirk Frahne ist Teil der Agrarwirtschaft. Er hält etwa dreihundert Sauen in Goldenstedt - knapp fünfzig Kilometer nordöstlich von Damme. Seine Tiere sehen zwar satt und sauber aus, doch sie stehen dicht gedrängt auf Betonboden, eingezwängt in massive Metallgitter - kein Stroh, keine Bewegung, kaum Tageslicht. Die Luft ist stickig. Es stinkt. Kot und Urin werden durch schmale Spalten im Boden gedrückt - in den darunter liegenden Güllekeller. Beißendes Ammoniak liegt in der Luft.

"Das Maximum aus den Sauen rausholen"

Dirk Frahne sagt, er müsse das Maximum aus seinen Sauen herausholen. Er müsse günstig produzieren, das wolle der Verbraucher so. Jeder Deutsche isst im Durchschnitt knapp vierzig Kilogramm Schweinefleisch im Jahr. Die meisten Schweine in der konventionellen Haltung haben keine Ringelschwänze mehr, die werden in der Regel gekürzt. Da die Tiere wenig Platz und kaum Beschäftigungsmöglichkeiten haben, würden sie sich sonst gegenseitig die Schwänze blutig beißen. Und das kann zu schweren Infektionen führen.

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Kein Platz für Ringelschwänze: In der Massentierhaltung werden die Schwänze gekürzt.

Eigentlich ist das sogenannte Schwänzekupieren in Ländern der EU nur in Ausnahmen nicht "routinemäßig" erlaubt. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) will mit seinem Tierschutzplan erreichen, dass die Bauern darauf in Zukunft ganz verzichten. Danach sollen auch Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden dürfen, denn auch das ist bislang agrarindustrielle Routine.

Massentierhaltung auch eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen

Kritiker der intensiven Tiermast sorgen sich allerdings nicht nur um das Wohl der Tiere, sondern inzwischen auch um die Gesundheit der Menschen. Der Tierarzt Hermann Focke, früher Amtsveterinär in der Region, warnt schon lange vor einem verantwortungslosen Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Ein Riesenskandal sei es, kritisiert der Veterinär, dass man bis heute nicht einmal wüsste, wie viele Antibiotika insgesamt in der Nutztierhaltung eingesetzt würden. Tiere und Menschen werden dadurch resistent, und Antibiotika helfen dann bei Infektionen nicht mehr.

Mit der Zeit konnte sich so ein gefährlicher Keim verbreiten: MRSA - das steht für Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Dieser Keim ist gegen viele Antibiotika resistent und kommt auch häufig in Schweineställen vor. Dort kann er auch von Tier zu Mensch übertragen werden. Schweinehalter gehören deshalb zur Risikogruppe. Und wenn die ins Krankenhaus müssen, verbreiten sie den Keim dort möglicherweise weiter.

Tierindustrie boomt - auch in Mecklenburg-Vorpommern

Trotz Umweltschäden und drohender Gesundheitsprobleme boomt die intensive Schweinehaltung. Die Deutschen produzieren immer mehr Fleisch, die Discounter bieten es immer billiger zum Kauf an. Schon längst werden mehr Schweine geschlachtet, als in Deutschland gegessen werden. Immer mehr Fleisch wird deshalb exportiert.

Und einige Investoren hoffen auf noch größere Geschäfte. Im Oldenburger Münsterland ist zwar kaum noch Platz für neue Mastställe, doch in Mecklenburg-Vorpommern werden freie Flächen schon verplant. Im Nordosten des Landes, in der Gemeinde Alt Tellin zum Beispiel, will ein niederländischer Unternehmer eine Aufzuchtanlage für mehr als 250.000 Ferkel im Jahr bauen. Die Bagger stehen schon bereit.

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 04.09.2012 | 21:15 Uhr