Stand: 26.02.2016 18:30 Uhr

"Da ist ein Kind, das Hilfe braucht!"

von Carola Schede, NDR Niedersachsen

Eigentlich wollten Jenny und Stefan Bornholdt aus dem niedersächsischen Wittmund ein kleines Pflegekind bei sich aufnehmen - als Geschwisterkind für ihre eigene 14 Monate alte Tochter. Doch diesen Wunsch konnte das Jugendamt nicht erfüllen. Stattdessen bot der Pflegekinderdienst dem Paar an, den 17-jährigen Flüchtling Motasim aus Syrien aufzunehmen.

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Der 17-jährige Motasim aus Syrien ist froh, bei den Bornholdts in Wittmund sein zu dürfen.

Jenny Bornholdt sitzt an ihrem Wohnzimmertisch, auf dem überall Papiere liegen. Das Wohnzimmer dient der 30 Jahre alten Masterstudentin und Marketingleiterin im Moment als Büro: "Wir hatten nicht viel Zeit zum Nachdenken. Wir haben Motasim morgens um zehn Uhr kennengelernt. Dann standen wir vor der Entscheidung: mitnehmen oder nicht? Und wir haben ihn einfach mitgenommen und sind ins kalte Wasser gesprungen."

Pflegekinderdienst zeigt sich beeindruckt

Motasim war einer von 23 alleinreisenden Jugendlichen, die im vergangenen September in Wittmund ankamen. Dass eine so junge Familie sich als Gastfamilie anbot sei eine absolute Ausnahme, sagt Brigitte Adamas vom Pflegekinderdienst: "Das ist ja schon ein Schritt. So ein Kind nimmt man nicht nur für einen Tag auf, sondern wahrscheinlich für Jahre. Das ganze Familienleben muss ich umstellen. Die hatten noch nie einen Jugendlichen im Haus, die haben eine 14 Monate alte Tochter. Da habe ich gedacht: Wahnsinn!"

Ein Jute-Beutel voll Kleidung

Motasim war zwei Monate auf der Flucht. Mal allein, mal zusammen mit anderen Jungs. Jetzt lebt er mitten in Ostfriesland. "Für alle Beteiligten war ganz gut, dass wir nichts vorbereitet hatten. Das bedeutet: Wir waren die ersten vier, fünf Stunden beschäftigt, eine Basis zu schaffen. Was für Motasim ganz gut war, weil er gleich daran beteiligt war, sein Zimmer einzurichten", erzählt Jenny Bornholdt. Motasim sei nur mit einem Jute-Beutel voll Kleidung ankommen: "Nachmittags waren wir erst mal einkaufen, und so war der erste Tag schon gefüllt."

"Ich bin den Beiden so dankbar"

Diese erste Nacht im neuen eigenen Bett wird Motasim nie vergessen. Fast 20 Stunden hat er durchgeschlafen: "Die lange Reise, und Du kannst nie schlafen. Du denkst nur: Du darfst nicht schlafen, sonst wird Dir das Wenige, was Du hast, auch noch geklaut. Dann ist es ganz vorbei. Ich bin den Beiden so dankbar. Sie haben über nichts nachgedacht. Religion. Politik. Sie haben einfach gesehen: Da ist ein Kind, und das braucht unsere Hilfe", erzählt Motasim.

Für die Bornholts war klar: Nur wenn man die Jugendlichen in Familien unterbringt, kann die Integration gelingen. Überall in der Wohnung kleben nun kleine Zettel. Vokabeln lernen im Alltag. "Und wir haben den Vorteil: Motasims Papa ist Koch. Das heißt: Wir essen jeden zweiten Tag richtig gut syrisch", schwärmt Jenny Bornholdt.

Motasim hat große Pläne

Motasim geht auch schon zur Schule. In die elfte Klasse einer Gesamtschule. Sein Ziel sei das Abitur, sagt er: "Ja, ich habe einen großen Traum: Ich will das Abitur schaffen, dann zur Universität und dann meine eigene Firma gründen!"

Zu seinen eigenen Eltern hält er über Handy Kontakt. Und Jenny und Stefan Bornholdt wollen ihm bald einen Führerschein finanzieren, damit er sich besser bewegen kann. Auf dem Land sind alle Wege weit, das hat Motasim schnell gemerkt: "Hier ist doch gar nichts. Ich vermisse wirklich alles in Damaskus. Ich vermisse jedes einzelne Teil meiner Vergangenheit. Aber ich weiß, ich komme irgendwann zurück, wir sind doch die Zukunft von Syrien."

Mittlerweile setzen auch andere Landkreise auf das Modellprojekt aus Wittmund, und versuchen mehr und mehr, die jugendlichen Flüchtlinge in Familien unterzubringen. Denn, so die Wittmunder: Genau hier geht die Fremdheit am schnellsten verloren!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 27.02.2016 | 09:38 Uhr