Stand: 19.09.2015 17:33 Uhr

Bus auf dem Gleis: Eltern erheben Vorwürfe

Nach der Beinahe-Katastrophe von Buxtehude-Hedendorf (Landkreis Stade) haben einige Schüler und Eltern zum Teil schwere Vorwürfe gegen die 23-jährige Fahrerin des Busses erhoben. Sie habe die Türen des auf dem Bahnübergang liegen gebliebenen Fahrzeugs viel zu spät geöffnet und die Kinder damit in Gefahr gebracht. Am Mittwoch hatte das Gelenk des zweiteiligen Busses in der scharfen Kurve am Bahnübergang blockiert. Das Fahrzeug war wegen einer Sicherheitssperre deshalb manövrierunfähig auf den Bahngleisen liegen geblieben und anschließend von einem Regionalzug der Privatbahn Metronom gerammt worden.

Glück im Unglück: Schüler fliehen vor Zug

KVG: "Keine pauschalen Regeln für Notfälle"

Die Busfahrerin hatte zunächst die Leitstelle des Stader Busunternehmens KVG telefonisch informiert, als der Bus auf den Gleisen zum Stehen gekommen war. Erst als die Schranken am Bahnübergang herunter gingen und der Zug sich näherte, hatte sie die 60 Kinder und Jugendlichen aufgefordert den Bus zu verlassen. Wie ein Fahrer in solchen Notsituationen zu handeln hat, dafür gebe es keine pauschalen Vorschriften, betonte KVG-Pressesprecher Michael Fastert gegenüber NDR.de. Zwei Mitarbeiter hätten daraufhin "sofort und parallel" die Betriebsleitstellen der S-Bahn und des Metronom informiert. Der S-Bahn-Verkehr konnte aufgehalten werden, so das Busunternehmen weiter. Für die Unterrichtung des Metronoms sei es zu spät gewesen. Wie knapp die Schüler und die Busfahrerin einem schweren Unglück entgangen sind, macht eine Pressemitteilung der KVG von Donnerstag deutlich. Demnach habe die 23-jährige Fahrerin berichtet, dass ein Schüler aus dem hinteren Bereich des Busses durch lautes Rufen darauf aufmerksam machte, dass sich ein Zug nähert.

Polizei sieht kein Fehlverhalt bei Busfahrerin

Einige Eltern wollen jetzt Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstatten, bestätigt Rainer Bohmbach, Sprecher der Polizei in Harburg. Bohmbach riet den Eltern ausdrücklich davon ab: "Wir nehmen alle Bedenken ernst, aber wir müssen die Ermittlungen abwarten und werden dann im Zuge dessen auch Schüler und Eltern als Zeugen befragen." Den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung sieht Bohmbach zudem gar nicht erfüllt: "Die Busfahrerin hat ja geholfen, die Diskussion dreht sich eher darum, ob sie schnell genug geholfen hat." Und auch hier vertritt der Polizeisprecher nach den ersten Ermittlungen die Überzeugung, dass der 23-jährigen Fahrerin nichts vorzuwerfen ist. "Ich verstehe die Aufregung nicht, vielmehr sollten doch alle dankbar dafür sein, dass bei dem Unglück nichts Schlimmes passiert ist." Im Busunternehmen genieße die Fahrerin des Busses, die derzeit krankgeschrieben ist, nach wie vor den vollen Rückhalt, so Fastert. "Ich bleibe dabei, dass sie nichts falsch gemacht hat, sondern vielmehr verhindert hat, dass Personen zu Schaden gekommen sind." 

KVG verwundert über Kritik

Das Busunternehmen KVG hatte nach dem Unglück sofort erste Konsequenzen gezogen. Auf der Umleitungsstrecke, auf der sich der Unfall ereignet hatte, werden vorerst zwei kleine Busse für den Schülertransport eingesetzt. Die Kritik von Polizei und Eltern, dass "Ziehharmonikabusse" für die Kurve am Bahnübergang ohnehin ungeeignet seien, hat die KVG eigenen Angaben zufolge verwundert. Dennoch wolle das Unternehmen lieber kleine Busse auf der Strecke einsetzen, bis die Unfallursache geklärt ist.

Blockade durch Knickschutz kann nur von Technikern gelöst werden

Alle Gelenkbusse sind mit einem sogenannten Knickschutz ausgestattet, sagte KVG-Betriebsleiter Friedrich Meyer am Donnerstag gegenüber NDR 1 Niedersachsen. Dieser soll verhindern, dass das Gelenk in einer scharfen Kurve bis zum Anschlag ausgereizt wird und möglicherweise reißt. Dann wäre im schlimmsten Fall der hintere Teil des Busses nicht mehr sicher mit dem vorderen verbunden. Deshalb wird die Weiterfahrt des Busses durch eine Blockade verhindert, die nur von einem Techniker gelöst werden kann, so Meyer weiter. Normalerweise werde die Blockade durch den Knickschutz von einem akustischen Warnsignal angekündigt. Dann müsse der Bus umgehend gerade gezogen werden. Ob das an der engen Stelle am Bahnübergang nicht möglich war oder ein Bedienfehler vorliegt, sollen nun die weiteren Untersuchungen zeigen.

Polizei lässt Bus untersuchen

"Die Ermittlungen werden sicherlich einige Wochen in Anspruch nehmen", so Polizeisprecher Bohmbach. Dann soll sich auch klären, ob ein Strafverfahren eingeleitet wird. Zunächst stehen laut Bohmbach Befragungen an: von Busfahrerin, Zugführer und anderen Zeugen.

Busunternehmen zeigt Verständnis für Eltern

Ob einige der Schüler seelisch Schaden von dem Unglück genommen haben, lässt sich derzeit nur schwer abschätzen. Nach Einschätzung der betroffenen Schulen gehe es den Schülern gut, psychologische Hilfe habe man bisher nicht in Anspruch nehmen müssen, heißt es dazu etwa von Bernd Lüneburg, Schulleiter der Realschule im Schulzentrum Buxtehude. Die KVG reagiert derweil verständnisvoll auf die Kritik der Eltern. "Jeder versucht jetzt, die Ereignisse irgendwie zu verarbeiten", sagt Pressesprecher Fastert. Die Vorwürfe der Eltern verstehe er als Teil dieser Aufarbeitung. Allerdings warnt der KVG-Sprecher auch davor, jetzt weiter über den Unfallhergang zu spekulieren. "Wir haben für die Polizei alles offen gelegt und warten jetzt die Ergebnisse der Ermittlungen ab."

Umleitungsstrecke wird seit Montag genutzt

Seit Montag muss das Busunternehmen auf der Linie 2103 zwischen Buxtehude und Hedendorf den Weg über den Bahnübergang nehmen, um eine Baustelle auf der Bundesstraße 73 zu umfahren. Zugewiesen werden Umleitungsstrecken von der Verkehrsbehörde. Für die Prüfung - ob die Busse auf diesem Weg sicher fahren können - ist nach Angaben der Polizei aber das Busunternehmen selbst zuständig. Das falle unter die Sorgfaltspflicht, so Polizeisprecher Bohmbach.

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Hallo Niedersachsen | 17.09.2015 | 19:30 Uhr