Stand: 21.01.2016 20:01 Uhr

"Aktenzeichen XY": 137 Hinweise auf RAF-Trio

Bild vergrößern
Einer der Räuber in Wolfsburg trug keine Maske. Mithilfe von Zeugen wurde eine Phantomskizze erstellt.

Nach der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" über die Suche nach drei Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) sind bei der Polizei 137 Hinweise eingegangen. Einen entscheidenden Schritt weiter sind die Fahnder allerdings noch nicht. "Die berühmte heiße Spur ist nicht dabei gewesen", sagte Lutz Gaebel von der Staatsanwaltschaft Verden. Die Hinweise würden nun weiter intensiv überprüft. Am Mittwochabend war der erste der beiden Überfälle Thema in der ZDF-Sendung - bereits zum dritten Mal.

DNA-Spuren weisen auf RAF-Terroristen hin

Die drei ehemaligen RAF-Terroristen Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg stehen im Verdacht, im vergangenen Jahr schwer bewaffnet mindestens zwei Geldtransporter in Wolfsburg und Stuhr bei Bremen überfallen zu haben. Spuren der früheren RAF-Mitglieder wurden an beiden Tatorten gefunden, wie der Verdener Staatsanwalt Markus Heusler am Mittwoch mitteilte. Damit bestätigte er Recherchen des NDR. Im Juni 2015 sollen Staub, Garweg und Klette versucht haben, im Stuhrer Ortsteil Groß Mackenstedt (Landkreis Diepholz) einen Geldtransporter auszurauben. Sie konnten aber kein Geld erbeuten. Am 28. Dezember 2015 folgte ein - ebenfalls erfolgloser - Angriff auf einen Geldtransporter in Wolfsburg.

Polizei verfolgt Spur der Fluchtfahrzeuge

Neues Phantombild im Fernsehen veröffentlicht

In der Live-Sendung am Mittwoch wurde unter anderem ein nach Zeugenaussagen erstelltes Phantombild gezeigt. Gaebel warnte am Donnerstag Bürger davor, eigenmächtig auf die Gruppe zuzugehen. "Aufgrund der Berichterstattung müssen wir davon ausgehen, dass sich die Täter höchstwahrscheinlich bewaffnet haben." Einer der Täter habe bei dem Überfall in Wolfsburg keine Maske getragen, sagte Polizeihauptkommissar Jürgen Hage von der Kriminalpolizei Diepholz in der Sendung. Das Phantombild zeigt einen etwa 50-jährigen Mann mit fransigen schwarzgrauen Haaren und Schnauzbart. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich entweder um Garweg oder um Staub handelt. Welchen von beiden das Bild zeigt, ist Hage zufolge aber unklar. Garweg ist 47, Staub 61 Jahre alt.

Bisher keine Hinweise auf Aufenthaltsort

Im Zusammenhang mit dem Überfall in Stuhr haben die Ermittler die drei Ex-Terroristen offenbar schon länger als mutmaßliche Täter im Visier: Bereits vor einigen Wochen hätten Analysen die Übereinstimmung der DNA-Spuren ergeben, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Staub, Garweg und Klette werden mit Haftbefehlen gesucht. Derzeit gibt es keine Hinweise auf ihre möglichen Aufenthaltsorte. Die Staatsanwaltschaft Verden wirft den drei Untergetauchten versuchten Mord und versuchten Raub vor. Alle drei sollen unter anderem auch 1993 an einem Sprengstoffanschlag auf die Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt beteiligt gewesen sein. Auch damals hinterließen sie DNA-Spuren.

Wolfsburger Polizei sucht Zeugen

In einer gemeinsamen Erklärung von Mittwochabend erläutern die Polizei Wolfsburg und die Staatsanwaltschaft Braunschweig noch einmal den vermutlichen Ablauf des versuchten Raubüberfalls in Wolfsburg - und bitten erneut mögliche Zeugen, sich zu melden. Einer der Täter hielt demnach den Beifahrer, zwei weitere Täter hielten den Fahrer des Geldtransporters mit Waffen in Schach. Der Beifahrer befand sich außerhalb des Transporters. Der Fahrer nutzte einen unbeobachteten Moment und flüchtete mit dem Geldtransporter. Das Trio fuhr daraufhin in einem dunkelblauen Ford Focus Kombi davon. Am Tatort stellte die Polizei außerdem einen grünen VW Golf Variant sicher. Den Ford entdeckte sie später in einem Waldgebiet zwischen Volkmarsdorf und Rümmer (Landkreis Helmstedt). "Die Ermittler gehen davon aus, dass die Räuber hier ein zuvor abgestelltes helles Fahrzeug zur weiteren Flucht benutzt haben", heißt es in der Mitteilung. Wer den grünen VW oder den dunkelblauen Ford in den Tagen vor dem Überfall gesehen hat, wird gebeten, sich unter der Telefonnummer (05361) 46 46 0 bei der Polizei Wolfsburg zu melden.

Altersversorgung für ehemalige Terroristen?

Schon einmal waren DNA-Spuren von Klette und Staub nach einem Raubüberfall gefunden worden: Am 30. Juli 1999 überfielen drei Maskierte einen Geldtransporter in Duisburg-Rheinhausen und erbeuteten etwa eine Million Mark. Experten wie der RAF-Kenner Butz Peters gingen damals davon aus, dass der Raubüberfall in Duisburg nicht dazu diente, weitere Terrortaten zu finanzieren, sondern "die Altersversorgung von RAF-Veteranen zu ermöglichen". Mittlerweile könnte das Geld knapp geworden sein. Der Kriminologe Christian Pfeiffer geht bei den Überfällen im Jahr 2015 ebenfalls nicht von politisch motivierten Taten aus. Die mutmaßlichen Täter stammten aus der dritten RAF-Generation, so Pfeiffer, einer Generation, die auf den Spuren ihrer Vorgänger Attentate verübte, aber keine politischen Zielsetzungen mehr habe. "Hinweise auf ein terroristisches Motiv für die Überfälle gibt es bislang nicht", teilten auch die Polizei Wolfsburg und die Staatsanwaltschaft Braunschweig in einer gemeinsamen Erklärung am Mittwochabend mit. "Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Taten allein der Finanzierung des Lebens im Untergrund dienen sollten."

Parallelen in Duisburg, Stuhr und Wolfsburg

Es bestehen erkennbare Übereinstimmungen bei der Ausführung der Taten - mit dem Unterschied, dass die Raubüberfälle in Groß Mackenstedt und in Wolfsburg am Ende scheiterten. Auch in Duisburg waren drei Räuber am Tatort, bewaffnet mit Gewehren und einer Panzerfaust. Sie benutzten zwei Tatfahrzeuge - eines versperrte dem Geldtransporter den Weg, mit dem anderen, einem Jeep, flüchteten sie. In dem Fahrzeug fanden sich später die Masken, auf denen die DNA-Spuren von Klette und Staub entdeckt wurden.

Weitere Informationen

Baum: "Die RAF ist und bleibt Geschichte"

Ex-Innenminister Baum sieht keine Anzeichen für eine Linksterrorismus-Welle in Deutschland. Die Rote Armee Fraktion bleibe Geschichte, sagte der FDP-Politiker auf NDR Info. mehr

Terror statt Politik: Die Rote Armee Fraktion

Sie wollten den Staat verändern, doch sie verrannten sich. Die Rote Armee Fraktion steht für den Terror der 70er-Jahre. Bis heute sind nicht alle RAF-Verbrechen aufgeklärt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Aktuell | 19.01.2016 | 10:00 Uhr