Stand: 15.11.2013 12:18 Uhr  | Archiv

Die Tempo-30-Zone wird 30

von Ann-Kristin Mennen
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In Buxtehude wurden vor 30 Jahren die ersten Tempo-30-Zonen eingerichtet.

"Lieber schleichen statt Leichen", riefen die einen. "Lieber tot als Tempolimit", brüllten die anderen. Ein waghalsiger Vorstoß der Verkehrsexperten entzweite vor exakt 30 Jahren die deutsche Nation - die Tempo-30-Zone. Als eine von sechs Modellstädten testete Buxtehude im Landkreis Stade diese "flächenhafte Verkehrsberuhigung". 32.000 Einwohner hatte die Stadt damals. Bürgermeister Uwe Hampe (CDU) und Stadtbaurat Otto Wicht mussten damals viel Spott über sich ergehen lassen. "Kübel-Otto" nannten die Bürger ihren Stadtbaurat, als Anspielung auf die knapp 200 Blumenkübel, die Wicht in den neuen Fußgängerschutzgebieten aufstellen ließ. Freiwillig ging anfangs nämlich kaum ein Autofahrer vom Gas. "Gegenwind bekam die Verwaltung aber nicht nur von erbosten Bürgern", erinnert sich Uwe Hampe. "Auch sogenannte Fachleute haben das Projekt angezweifelt und Nachteile unterstellt."

ADAC forderte "Freie Fahrt für freie Bürger"

"Der Verkehrsfluss wird stark behindert", argumentierten die Tempo-30-Gegner und fanden: "Die Betonhindernisse sind nicht nur lebensgefährlich, sie verhindern auch die Einsicht auf die Straße." Selbst der ADAC forderte vehement "freie Fahrt" und "freie Sicht" für "freie Bürger". Sogar die Umwelt musste für den Protest der Raser herhalten. "Anfahren, Motor hochjubeln, stoppen" - das durch die Kübel erzwungene Fahrverhalten trage zur Umweltverschmutzung bei, behauptete damals ein ADAC-Sprecher. Daran kann sich bei dem Automobilclub heute allerdings keiner mehr erinnern. Von Beginn an habe man den Modellversuch an vorderster Front begleitet, so ADAC-Fachmann Ronald Winkler. Schließlich ginge es um Leben und Tod.

Vor der Tempo-30-Zone gab es 15.000 Verkehrstote

Vor Einführung der Tempo-30-Zone verloren jährlich rund 15.000 Menschen ihr Leben auf deutschen Straßen. Damit war Deutschland einer der Spitzenreiter im internationalen Vergleich. Verantwortlich dafür waren unter anderem ein zunehmend verdichteter Wohnungsbau und die starke Zunahme des Verkehrsaufkommens. In den Tempo-30-Modellstädten reduzierten sich diese Zahlen rasant. Heute liegt die Zahl der Verkehrstoten - auch aufgrund weiterer Sicherheitsvorkehrungen wie beispielsweise der Anschnallpflicht und der Entwicklung von Airbags - in Deutschland bei rund 4.000 im Jahr.

"Tempo 30 war einfach unvorstellbar"

Für die Buxtehuder Bürger war die höhere Sicherheit damals anscheinend kein schlagendes Argument. "Tempo 30 - das war für die meisten einfach unvorstellbar", so der heutige Stadtbaurat Michael Nyveld. "Alles Neue stößt eben auf totale Abwehr." Abhalten ließ sich sein Vorgänger Otto Wicht deshalb nicht. "Wicht war ein Visionär und hat sich durchgesetzt", so Nyveld. Belohnt wurde er dafür einige Jahre später durch unzählige Preise und viel Anerkennung - auch von den Buxtehudern. Heute beschwert sich keiner mehr über einen Kübel. "Im Gegenteil: Wir kriegen oft Hinweise, wo weitere Kübel nötig sind", so Nyveld. Gefeiert wird das 30-jährige Jubiläum in seiner Stadt nicht. Vermutlich deshalb, weil es längst Alltag geworden sei, so der Stadtbaurat.