Stand: 13.01.2016 16:37 Uhr

Flüchtlingshilfe vom anderen Ende der Welt

von Ina Kast

"Für einen Neuseeländer ist es ziemlich ungewöhnlich, das Land für längere Zeit zu verlassen, schließlich ist Neuseeland ein traumhaft schönes Land", sagt Angelina Yve Grace. Doch als die 23-Jährige in den neuseeländischen Medien von der Flüchtlingskrise in Deutschland hörte, hat sie kurzerhand ihr Auto verkauft und von dem Geld einen Flug nach Deutschland gebucht. Ihr Ziel: anderen Menschen helfen. "Ich finde, wir sollten raus aus unserer Komfortzone und unseren Teil dazu beitragen, um Menschen in Not zu helfen", sagt Angelina. "Wir Menschen sollten Dinge tun, die uns als Wesen weiterbringen, und wenn man anderen Menschen hilft, bereichert das das eigene Leben enorm." Sie genieße es, durch die Flüchtlingshilfe im Welcome and Learning Center Lüneburg den Blick auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu werfen. Das sei vor allem in ihrem Alter ein guter Zeitpunkt, denn danach werde man sich noch früh genug irgendwo dauerhaft niederlassen und sein Leben lang arbeiten.

Neuseeländerin hilft Flüchtlingen in Lüneburg

Angelina gibt Flüchtlingskindern Englischunterricht

Für die Asylbewerber sei Langeweile hier in Deutschland besonders kontraproduktiv. Deshalb ist im Learning Center Bildung statt Langeweile angesagt. "Jeder Einzelne hat irgendein Talent und es wäre doch schade, wenn man seine Talente nicht im Alltag zeigen kann", erklärt Angelina. Asylbewerber Bashar aus Syrien kommt regelmäßig, um im Center Englisch zu lernen. "Er hat aber auch total viel Ahnung von IT und hat unsere Computer auf Vordermann gebracht." Genau so müsse es sein, weil die Asylbewerber sich dann selbst auch einbringen können. Angelina selbst hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, wodurch sie in der Schule benachteiligt war. Diese Erfahrung habe sie geprägt, sie will deshalb allen Flüchtlingskindern den Zugang zu Bildung ermöglichen.

Die zweite Familie in Lüneburg

Im Oktober landete Angelina zunächst in Hamburg, um dort ehrenamtlich zu helfen. "Hamburg war mit den vielen Menschen ein bisschen zu viel für mich. Lüneburg gefällt mir viel besser, weil es eine kleinere Stadt ist, wo sich die Leute kennen", gibt die Neuseeländerin zu. Das Welcome and Learning Center sei nun ihr zweites Zuhause geworden. "Ich würde meine Familie wohl richtig vermissen, wenn ich hier in Deutschland nicht so schnell selbst eine Art Familie gefunden hätte." Zu ihren Eltern habe sie eine enge Bindung. Sie hätten ihr vorgelebt, was es heißt, Nächstenliebe und Dankbarkeit im Alltag zu zeigen. Davon will sie den Flüchtlingen nun etwas abgeben. Viele der Flüchtlinge wissen laut Angelina gar nicht, dass die 50 Helfer des Learning Centers hier ehrenamtlich arbeiten und nicht dafür bezahlt werden. "Sie schätzen uns aber sehr, denn wir geben ihnen das Gefühl, eine zweite Familie zu sein."

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"Wir sollten vorangehen und aktiv werden"

Angelina Yve Grace wollte nicht tatenlos zuschauen, sondern Flüchtlingen helfen. Spontan zog die junge Frau aus ihrer Heimat Neuseeland nach Lüneburg und bringt nun Flüchtlingen Englisch bei. Video (02:31 min)

Aufgewachsen auf einer Farm in Neuseeland

Ihre Kindheit bezeichnet Angelina als die glücklichste Zeit in ihrem Leben. Sie wuchs mit sechs Geschwistern auf einer kleinen Farm im neuseeländischen Hinterland auf - mit Pferden, Kühen und Ziegen. "Das Haus hatte keinen Strom, und wir sind nur einmal im Monat in die Stadt gegangen, um dort Nahrungsmittel einzukaufen", erinnert sie sich. Im Teenageralter hatte Angelina dann häufiger Kontakt zu Deutschen. "Bei uns haben immer mal wieder Austauschschüler gewohnt", erzählt Angelina. Die Deutschen liebten es, nach Neuseeland zu kommen. Doch umgekehrt wachse auf der anderen Seite der Erde auch die Zuneigung für Deutschland: "Die Neuseeländer bewundern Deutschland dafür, was es für die Flüchtlinge bisher getan hat", sagt die 23-Jährige. Nun wird Angelina selbst von ihrer Familie für ihren Mut bewundert. Kurz bevor sie sich auf den langen Flug nach Deutschland machte, sagte ihre Schwester zu ihr: "Ich bin froh, dass du die verrückten Dinge machst, weil ich sie dann nicht machen muss."

Genaue Rückkehr in die Heimat steht noch nicht fest

Ihr Visum ist wie bei allen Nicht-EU-Ausländern auf drei Monate begrenzt. Ende Januar wird es ablaufen. "Ich muss mir nun einen Job suchen, damit ich hierbleiben kann, aber das sollte kein Problem werden", gibt sich Angelina zuversichtlich. Abgesehen vom ablaufenden Visum braucht sie nun auch aus finanziellen Gründen einen Job. "Mein Geld wird immer weniger, ich habe mein Erspartes fast aufgebraucht", sagt die Neuseeländerin. Wann sie in ihr Heimatland zurückkehren wird, kann sie noch nicht sagen. Sie will auf jeden Fall noch einige Monate in Deutschland bleiben. Die 23-Jährige ist ungebunden. Ob sie sich am Ende hier in Deutschland in einen Mann verlieben und dann womöglich noch viel länger bleiben wird, will sie nicht ausschließen. "Wenn ich eine Sache in meinem bunten Leben gelernt habe, dann sicherlich, dass nichts in Stein gemeißelt ist. Dinge können sich so schnell verändern", sagt Angelina. Sie will nun einfach von Tag zu Tag denken. Für die nächsten Wochen hofft sie auf weitere Bürgerinnen und Bürger, die sich ehrenamtlich im Welcome and Learning Center engagieren wollen.

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