Stand: 10.01.2016 16:25 Uhr

Winzige Schritte nach vorn in Kaltenmoor

von Lars Gröning

Lüneburg ist schön, eine Stadt der Romantik, eine Stadt zum Verlieben. Das ist ein Bild, das nur zu gerne transportiert wird. Denn die historische Lüneburger Altstadt mit ihren wundervoll renovierten Häusern bietet Foto- und Filmkameras schier unendlich viele Bilderbuchkulissen. Doch Lüneburg kann auch anders. Etwa im größten Stadtteil Kaltenmoor mit seinen 9.000 Einwohnern, ein großer Teil davon mit Migrationshintergrund. Neben Einfamilienhaus-Gebieten ist Kaltenmoor vor allem geprägt von den zahlreichen Hochhäusern, gebaut zu Beginn der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Geschichten, die von hier kommen, sind oft wenig romantisch. Sie handeln nicht selten von Kriminalität, von verschimmelten Hochhauswohnungen und anderen Problemen. Seit Jahren bemüht sich die Stadt darum, die Wohnqualität in Kaltenmoor peu à peu zu verbessern. Es ist eine ständige Herausforderung.

Kaltenmoor: Lüneburgs Daueraufgabe

Ganz allmählich tut sich was

Mieten kassieren, mit Immobilien spekulieren anstatt zu renovieren und das auf Kosten der Bewohner. Wie viele andere deutsche Städte hat auch Lüneburgs Stadtteil Kaltenmoor unter der Profitmacherei von großen Eigentumsgesellschaften zu leiden. Wer durch die Hochhausschluchten wandert, braucht darum nicht zweimal hinzusehen, um den Sanierungsstau an vielen Gebäuden zu entdecken. Bröckelnde Balkone, alte Holzfenster, von denen die Farbe abplatzt, Grünspan an den Hauswänden. Doch immerhin: Ganz langsam tut sich etwas. Denn einen Teil der Hochhäuser in Kaltenmoor hat vor zwei Jahren der österreichische Investor BUWOG übernommen. "Der Investor hat uns versprochen, bis Ende 2016 eine Million Euro zu investieren", sagt Quartiersmanager Uwe Nehring. Und tatsächlich sind an einigen Hochhäusern Gerüste zu sehen, sporadisch wurden zumindest einige Fenster ausgetauscht.

Keine Bewegung bei Wohnungen der Capricornus GmbH

Erste kleine Schritte, doch aus Sicht der Stadt müsste viel mehr passieren, ebenso aus Sicht der Bewohner. Besonders betroffen sind hier diejenigen, die in einer der 270 Wohnungen einer anderen Gesellschaft wohnen, der Capricornus GmbH. Der Sanierungsstau hier sei seit Jahren besonders groß, sagt Nehring. Doch es ändere sich nichts. Denn seit zwei Jahren ist Capricornus insolvent. Das Unternehmen besitzt allein in Niedersachsen 1.400 Wohnungen, unter anderem auch in Winsen/Luhe, Aurich, Wittmund und Bassum. Wann Capricornus verkauft werden kann und was aus den Lüneburger Wohnungen wird, sei immer noch unklar, so Nehring. An eine Gebäudesanierung sei darum erst einmal nicht zu denken.

Quartiersmanager von Kaltenmoor Uwe Nehring. © NDR Fotograf: Lars Gröning

"Wir kommen da nur bedingt voran"

Uwe Nehring ist Quartiersmanager in Kaltenmoor. Gemeinsam mit Mietern sanierungsbedürftiger Wohnungen kämpft er gegen die insolvente Wohnungsgesellschaft Capricornus GmbH.

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Oberbürgermeister fordert schärfere Gesetze

In der Stadtverwaltung ist der Zustand der Hochhauswohnungen in Kaltenmoor ein Dauerthema. Eines, das besonders Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) ärgert. Die Situation in dem Stadtteil kennt er genau, denn er wohnt selbst in Kaltenmoor. Um am Zustand der Gebäude der Capricornus GmbH etwas zu ändern, hofft er nach einem Verkauf der Hochhäuser auf die Gesprächsbereitschaft des neuen Besitzers. Sei diese nicht vorhanden, sollte man eine härtere Gangart wählen, sagt Mädge und fordert vom Bund schärfere Gesetze. "Für die Kommunen muss es Handwerkzeuge geben, um die Eigentümer zu zwingen, rechtzeitig zu sanieren und zu investieren", so der Rathaus-Chef, "bis hin zu Enteignungsmöglichkeiten, um die Eigentümer zu zwingen, mit den Kommunen zusammenzuarbeiten."

"Ein Haus verträgt nur drei oder vier sozial schwache Mieter"

Dabei gehe es nicht nur um die Sanierung und Pflege der Bausubstanz, sondern auch um die Entwicklung eines Stadtteils wie Kaltenmoor. "Eine sozial gerechtere Verteilung der Mieterstruktur ist dabei sehr wichtig", glaubt Mädge. "Denn ein Haus verträgt nicht 20 sozial schwache Mieter, sondern nur drei oder vier." Auch dies müsse man mit den Eigentümern der Hochhäuser regeln können, sagt Mädge. Dem OB geht es dabei um die Durchmischung der gesellschaftlichen Schichten, um ein stabiles Miteinander von wirtschaftlich besser und schlechter gestellten Menschen zu erreichen. Eine Idee, in die die Stadt ebenfalls laufend investiere.

Videos
01:10 min

"Keine Viertel wie in Frankreich bekommen"

Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mägde (SPD) lebt seit 1980 in Kaltenmoor. Er sieht in der sozialen Arbeit im Stadtteil eine "gesellschaftliche Verpflichtung". Video (01:10 min)

Stadt hofft auf weitere Fördermillionen

Kaltenmoor werde immer eine besondere Aufgabe für die Stadt bleiben, meint Mädge. "Wir werden daraus nie ein Vorzeigeviertel machen können mit hochverdienenden Menschen. Darum wird es auch immer ein Projekt 'Soziale Stadt' bleiben." Um die Lebensqualität in Kaltenmoor zu verbessern, hat Lüneburg mit der Hilfe von Bund und Land in den vergangenen 16 Jahren rund elf Millionen Euro investiert. In Kitas, Spielplätze, Straßenberuhigungen, eine Bücherei, eine Gesamtschule und mehr. Für 2016 hofft die Stadt auf neues Fördergeld aus dem Bundesprogramm "Soziale Stadt", sodass weitere 2,7 Millionen Euro für Kaltenmoor ausgegeben werden können. Eine Kita soll dann saniert und das Einkaufszentrum im Stadtteil umstrukturiert werden. Auch der Ankauf einer nicht benötigten Parkpalette ist im Gespräch, um sie abzureißen und Platz für neue Gebäude zu schaffen. Einzelheiten will die Stadt bei einer Bürgerversammlung im März bekannt geben.

Visionen für Kaltenmoor in zehn Jahren

Eines kann die Stadt derzeit nicht ändern: Kaltenmoor hat einen schlechten Ruf. Mit dem Begriff Problemstadtviertel sind viele Lüneburger schnell bei der Hand, wenn sie über den Stadtteil sprechen. Ein Grund dafür ist auch der hohe Ausländeranteil. "Natürlich gibt es diese Vorurteile", sagt Quartiersmanager Nehring. "Man hört immer wieder Geschichten von Gewalt, von Diebstählen und davon, dass die Umgangsweise unter den Menschen hier nicht so gut ist. Das kann ich aber eigentlich nicht bestätigen." Natürlich gebe es in Kaltenmoor immer wieder Dinge, die nicht gut laufen, sagt Nehring, "aber dass wir ein richtiger Problemstadtteil sind, dem würde ich widersprechen". Und es ändere sich vieles. In zehn Jahren, sagt der Quartiersmanager, werde das Lüneburger Hochhausviertel viel attraktiver sein als heute. Trotz Gammelwohnungen und anderer Probleme blickt auch OB Mädge hoffnungsvoll in die Zukunft. "Ich glaube, dass Kaltenmoor in zehn Jahren ein Stadtteil ist, wo man gerne hinzieht, wo man wohnen möchte und wo man sich gerne aufhält."