Stand: 16.01.2017 11:02 Uhr

Windrad-Havarie: Wie gefährlich sind die Anlagen?

von Ann-Kristin Mennen

Die Trümmerteile sind überall verteilt, ein abgebrochener Flügel ragt in die Luft, Kabel schlängeln sich aus dem Innenleben der zerstörten Windkraftanlage ins Freie. Es ist ein verstörender Anblick - auch für Reinhard Fiedler. Der Sprecher der Hamburger Stadtreinigung besucht an diesem Tag zum ersten Mal den Ort, wo am 3. Januar in Neu Wulmstorf ein Windrad plötzlich in sich zusammenstürzte. "Bisher habe ich nur Fotos gesehen. Live hat das aber ganz andere Dimensionen", staunt Fiedler. Die insgesamt drei Windanlagen auf der ehemaligen Mülldeponie in Neu Wulmstorf im Landkreis Harburg sind die einzigen eigenen Windräder der Hamburger Stadtreinigung. "Der Schaden für uns ist enorm", sagt Fiedler. 16 Jahre alt war das Windrad - auf 20 Lebensjahre war es eigentlich ausgelegt. Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist noch immer völlig unklar. "Es gibt zwar viele Theorien zur Unfallursache. Die Experten müssen jetzt ermitteln, welche zutrifft."

Trend oder Zufall?

Das Unglück in Neu Wulmstorf ist kein Einzelfall. Umstürzende Windräder, brennende Rotoren oder abbrechende Rotorblätter - in den vergangenen Wochen kam es zu vier Havarien in Deutschland,  zwei davon ereigneten sich in Norddeutschland. Ein gefährlicher Trend oder nur eine unglückliche und zufällige Häufung? Definitiv Letzteres, meint Wilhelm Wilberts, stellvertretender Vorsitzender des niedersächsischen Landesverbandes Windenergie. "Das sind seltene Einzelfälle", sagt er. Die Anlagen in Niedersachsen seien in einem sehr guten technischen Zustand und würden zudem ausreichend oft kontrolliert, betont Wilberts.

Keine Meldepflicht für Unfälle

Eine Einschätzung, die durch Zahlen allerdings nicht zu belegen ist. Denn eine gesetzliche Meldepflicht für Windkraft-Unfälle gibt es in Niedersachsen nicht. "Die Zweckmäßigkeit einer Meldepflicht wird unterschiedlich beurteilt", heißt es dazu aus dem Umweltministerium. Derzeit werde für solch eine Erhebung keine Notwendigkeit gesehen. "Unverantwortlich", findet das Jens Schnügger. Der FDP-Politiker aus dem Landkreis Harburg setzt sich seit Jahren dafür ein, Schadensfälle statistisch zu erfassen und auszuwerten. "Nur so kann man doch Ursachen ermitteln und daraus Konsequenzen ziehen."

Kaum eine andere Anlage wird so stark beansprucht

Ursache etwa für umstürzende Windkraftanlagen seien meistens ungewöhnliche Wetterlagen, die mit starkem Sturm verbunden sind, sagt Wilberts vom Verband Windenergie. Eine Aussage, die auf die jüngsten beiden Fälle in Neu Wulmstorf und in Grischow im Landkreis Vorpommern-Rügen nicht zutrifft. Auch dort war ein Windrad im Dezember 2016 ohne erkennbaren Grund umgestürzt. Windkraft-Experte Peter Schaumann sieht die Ursache für derartige Unglücksfälle vor allem in der Technik begründet. Der Stahlbau-Experte von der Leibniz Universität in Hannover beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Statik von Windkraftanlagen und meint: "Die Windenergie ist eine noch junge Technologie, bei der noch vieles erprobt und verbessert werden muss." Denn kaum eine andere technische Anlage werde so stark beansprucht. Dementsprechend seien Ermüdungen beim Material die Folge. "Das führt dann auf Dauer zu einer Schädigung." Schaumann hält es daher für sinnvoll, gerade ältere Anlagen häufiger zu kontrollieren. 

Ein Drittel der Windräder ist älter als 15 Jahre

Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Wartung der Anlagen in einem Abstand von zwei bis vier Jahren. Von den 5.783 Windkraftanlagen, die es derzeit in Niedersachsen gibt, sind laut Umweltministerium immerhin ein Drittel mittlerweile 15 Jahre oder älter. Die erwartete Lebensdauer beträgt durchschnittlich 20 bis 25 Jahre. Häufigere Kontrollen hält das Umweltministerium dennoch nicht für notwendig. Die Begründung: "Belastbare Informationen, die ein erhöhtes Schadensaufkommen bei älteren Windenergieanlagen belegen, sind auch vor dem Hintergrund der Datenlage nicht gegeben." Mit anderen Worten: Da es keine Statistiken zu Unfällen und Ursachen gibt, gibt es auch keinen Beleg dafür, dass ältere Anlagen per se anfälliger sind.

Gefahr für Bevölkerung?

Eine Gefahr gehe von den Windrädern jedenfalls nicht aus. Denn aufgrund der einzuhaltenden Abstände zu Verkehrswegen und Wohnnutzungen sei es äußerst unwahrscheinlich, dass Menschen verletzt werden, schreibt eine Sprecherin auf eine Anfrage des NDR. Und weiter: Per se auszuschließen seien Personenschäden aber nicht. Die Stadtreinigung Hamburg hat sich jedenfalls entschlossen, auch die beiden anderen, gleich alten Anlagen im Windpark Neu Wulmstorf vom Netz zu nehmen. Solange Unklarheit bezüglich der Unglücksursache herrscht, sei das Risiko einfach zu groß, sagt Sprecher Fiedler. "Das sind zwar enorme finanzielle Verluste, doch hier muss die Sicherheit vorgehen."

Knick und ab: Das Ende eines Windrades

 

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 Uhr | 03.01.2017 | 18:00 Uhr

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