Stand: 13.08.2015 21:57 Uhr

Vom Heim ins Zuhause: Ahmeds WG in Lüneburg

von Beke Schulmann

"Das Beste ist, dass ich jetzt wieder eine Familie habe. In unserer WG passen wir alle aufeinander auf, und wir halten alle zusammen", sagt Ahmed El Madfaa. Er ist Palästinenser, nach Hause könne er nicht zurück, sagt der 23-Jährige. Im Oktober vergangenen Jahres ist er nach Deutschland geflüchtet, hat in der Erstaufnahmestelle in Braunschweig gewohnt und kam dann nach Lüneburg in ein Flüchtlingsheim. "Die Bedingungen in den Sammelunterkünften sind sehr schlecht", erzählt Lena Greßmann, Ahmeds Mitbewohnerin. "Es ist einfach die beste Option, dass die Leute in WGs wohnen, Kontakte knüpfen und abseits von den Unterkünften ein normales Leben haben können." In der Unterkunft habe er sich mit drei anderen Männern ein Zimmer geteilt. An ruhigen Schlaf oder Privatsphäre sei dort nicht zu denken gewesen, sagt Ahmed. 

Der palästinesische Flüchtling Ahmed El Madfaa sitzt auf einem Sofa. © NDR Fotograf: Andreas Rabe

"In Lüneburg habe ich mich gleich wohlgefühlt"

Ahmed El Madfaa ist aus Palästina geflüchtet und ist zwischenzeitlich in Dortmund und Braunschweig untergekommen. Jetzt haben ihn zwei Frauen in ihrer Lüneburger WG aufgenommen.

3,72 bei 25 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Entscheidung war wohlüberlegt

Die Mitbewohnerinnen Lena Greßmann und Eva Kern lernten Ahmed durch die Willkommensinitiative Lüneburg kennen, eine Gruppe, die sich für bessere Lebensbedingungen von Flüchtlingen in und um Lüneburg engagiert. Mehrmals trafen sie sich im sogenannten Kulturgarten der Initiative, in dem Flüchtlinge gemeinsam mit Anwohnern gärtnern, kochen und zusammensitzen. Als dann das Zimmer frei wurde, hätten sie sich schon einige Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, mit einem Flüchtling zusammenzuwohnen, sagt Eva. "Die Sprachbarriere war ein Thema und ob die Vermieterin wohl einverstanden ist. Aber dann hat alles gepasst und wir fühlen uns wohl zusammen", sagt die 24-jährige Lena.

Bildergalerie
5 Bilder

"Andere haben Lars, wir haben Ahmed"

Zwei WG-Bewohnerinnen in Lüneburg haben einen Flüchtling in ihre WG aufgenommen. Sie wollen vermeiden, dass das als etwas Ungewöhnliches wahrgenommen wird. Bildergalerie

"Gute Nacht" auf Deutsch und Arabisch

Mittlerweile lachen sie über ihre ursprünglichen Bedenken. Die Miete bezahle das Jobcenter und die Vermieterin finde die Idee toll. "Und wenn wir alle zu Hause sind, verbringen wir die meiste Zeit zusammen in der Küche. Das ist wirklich schön", sagt Ahmed. Überall in der Küche hängen kleine rosafarbene Zettel, auf denen deutsche Wörter stehen. Denn Deutsch zu sprechen, falle ihm noch schwer, so Ahmed. "Aber Eva und Lena helfen mir sehr dabei." "Mittlerweile schreiben wir auch die arabischen Wörter dazu", berichtet Lena. "So lernen wir auch eine neue Sprache. 'Gute Nacht' sagt er uns auf Deutsch und wir ihm auf Arabisch."

Zahlen werden zu Menschen mit Geschichten

Durch das Zusammenleben mit Ahmed seien sie auch auf viele neue Gedanken gekommen, sagen die Frauen. In den Nachrichten hörten sie oft von Flüchtlingszahlen und jetzt lernten sie auch die Menschen kennen, um die es in den Nachrichten geht. "Wir hören ihre Geschichten und das berührt einen ganz anders. Und dann kommen auch solche Gedanken über diese Ungerechtigkeit: Wieso darf ich überall hin reisen und andere nicht? Nur weil ich das Glück hatte, in der EU geboren worden zu sein - das ist doch unfair", findet die 27-jährige Eva.

Videos
01:31 min

"Es muss in der Gesellschaft anfangen"

Lena Greßmann hat einen palästinensischen Flüchtling in ihrer WG aufgenommen. Sie appelliert an die Gesellschaft für eine Verbesserung der Situation der Flüchtlinge. Video (01:31 min)

Manche Fragen ärgern die Frauen

Manchmal gebe es Situationen, die sie stutzig machten, sagen Eva und Lena. "Eine Freundin hat zum Beispiel gefragt, wie wir das mit dem Putzplan machen, wenn Ahmed hier wohnt. Aber warum sollte das denn anders sein als in einer anderen WG, frage ich mich da", meint Lena. Eva hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Ich hatte mal Besuch und wurde gefragt, wo denn Ahmed sei. Die meinten wohl, dass er zu Hause sitzen müsse, weil er sonst nichts zu tun haben darf. Nur weil er ein Flüchtling ist, hockt er ja nicht nur in der Bude. Im Gegenteil." Wenn die WG zusammen unterwegs ist, sei es immer Ahmed, der angerufen werde, weil jemand zum Beispiel um Hilfe mit Übersetzungen bitte. Er verbringe viel Zeit draußen, erzählt Ahmed, treffe sich mit Freunden oder helfe anderen Flüchtlingen. "Am wichtigsten ist es mir aber gerade, Deutsch zu lernen. Ich nehme jede Möglichkeit sofort an, etwas zu lernen oder einen Kurs zu machen." Denn gerne würde er ein Masterstudium machen.

Leben als "normale Person" 

Links

Willkommensinitiative Lüneburg

Auf seiner Homepage stellt der Verein sich und seine Arbeit vor. Von der Sprachbrücke bis zur Hausaufgabenhilfe gibt es viele Möglichkeiten, Flüchtlingen zu helfen. extern

Sein größtes Ziel sei es, hier zu arbeiten und sein Leben "einfach als normale Person weiterzuleben", sagt Ahmed.  Es wäre toll, wenn mehr Flüchtlinge als "normale Person" leben könnten und nicht in Flüchtlingsunterkünften wohnen müssten, finden Eva und Lena. Wenn mehr Wohngemeinschaften auf die Idee kämen, einen Flüchtling aufzunehmen, wäre das gut, sagt Eva. "Wir laufen aber nicht herum und sagen 'Hey, wir wohnen mit einem Flüchtling zusammen, macht Ihr das doch auch!'." Es ergebe sich einfach aus den Gesprächen. "Ich erzähle dann von Alltagssituationen und dass mir meine WG so gut gefällt." Damit sich etwas verändern kann, müsse es einen Anstoß in der Gesellschaft geben, ist sich Lena sicher: "Wir können nur etwas verändern, wenn wir auch bereit sind, etwas dafür zu tun."

Weitere Informationen

Kleines Flüchtlingsbaby namens Angela Merkel

Spielende Kinder statt Patienten - mehr als 730 Flüchtlinge leben im ehemaligen Oststadtkrankenhaus in Hannover. Die frühere Klinik ist damit die größte Notunterkunft im Land. (13.08.2015) mehr

Die große Umverteilung: Flüchtlinge ziehen um

Am Montag sind 320 Flüchtlinge aus Braunschweig anderen Gemeinden zugewiesen worden. Wer genau wohin gezogen ist, wird teilweise geheimgehalten - um die Menschen zu schützen. (12.08.2015) mehr