Stand: 08.08.2014 14:49 Uhr

Verfahrensfehler: "Mongols"-Prozess vertagt

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Am Freitag hat in Stade der Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder der "Mongols" begonnen.

Der Prozess gegen mehrere mutmaßliche Mitglieder des Rockerclubs "Mongols" ist unterbrochen worden. Nach Informationen des NDR hat das Landgericht Stade einen Verfahrensfehler bei der Neubesetzung einer Schöffenstelle erkannt. Eine Schöffin hatte ihr Ehrenamt nach Informationen von NDR 1 Niedersachsen aus "Angst um Leib und Leben" nicht angetreten. Die Verteidigung war über die Neubesetzung nicht fristgerecht informiert worden. Am kommenden Dienstag soll nun das Verfahren wegen versuchten Totschlags sowie gemeinschaftlicher Körperverletzung fortgesetzt werden. Angeklagt sind sechs Männer im Alter zwischen 26 und 30 Jahren. Bislang sind 34 Verhandlungstage angesetzt. Der Prozess startete unter hohen Sicherheitsvorkehrungen, vermummte Polizisten mit Maschinenpistolen patrouillierten am Gericht.

Überfall in Freiburg an der Elbe

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Anklage wegen versuchten Mordes angestrebt. Das Gericht konnte im Sachverhalt allerdings keinerlei Mordmerkmale erkennen und eröffnete das Verfahren wegen versuchten Totschlags sowie gemeinschaftlicher Körperverletzung. Es geht um einen Überfall in Freiburg an der Elbe am 29. September 2013: Etwa 500 Zweirad-Fans, die meisten aus der gewaltfreien Motorradszene, feiern eine laute, aber friedliche Biker-Fete. Unter ihnen sind auch einige Mitglieder des besonders in Nordwestniedersachsen aktiven Rockerclubs "MC Gremium". Wie aus dem Nichts kommen etwa 20 bis 30 Männer und stürmen die Party. Sie sind maskiert, haben nach NDR Informationen Messer und Baseballschläger dabei. Gezielt machen sie Jagd auf vier Mitglieder von "Gremium MC", die unter den Gästen im Festzelt mitfeiern. Es wird eine blutige Auseinandersetzung.

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Gegen die vier Rocker, die ein Biker-Treffen in Freiburg/Elbe brutal überfallen haben sollen, gibt es vorerst keinen Haftbefehl. Laut Polizei ist der Tathergang noch zu unklar. (11.02.2014) mehr

Gesetz des Schweigens erschwert Ermittlungen

Zwei der Opfer schweben kurzzeitig in Lebensgefahr. Auch ein Unbeteiligter wird schwer verletzt. Bei den Angreifern soll es sich nach Informationen aus Polizeikreisen um Personen handeln, die überwiegend dem Umfeld des konkurrierenden Rockerclubs "Mongols MC" zuzurechnen sind. Die Beweisführung ist in solchen Fällen nicht einfach. In der Rockerszene gilt das Gesetz des Schweigens: Mit Ermittlungsbehörden wird nicht kooperiert, das gilt auch für die Opfer. In diesen Kreisen gilt der ungeschriebene Grundsatz: "Das regelt die Szene intern."

Landeskriminalamt überwacht Rocker seit Jahren

Sowohl die "Mongols" als auch die Konkurrenz vom "Gremium MC" werden vom niedersächsischen Landeskriminalamt in der Kategorie der "Outlaw Motorcycle Gangs", der "Motorradgangs außerhalb des Gesetzes", geführt - wie die "Hells Angels" und die "Bandidos". Im Unterschied zu den immer wieder für Schlagzeilen sorgenden Mitgliedern der "Mongols", "Hells Angels" und "Bandidos", verhält sich der Rockerclub "Gremium MC" deutlich unauffälliger und wird in der Öffentlichkeit deshalb leicht unterschätzt. Zu Unrecht, wie die Ermittler meinen: 1972 gegründet ist es der größte deutsche Rockerclub, der sich, anders als die "Hells Angels" und die "Bandidos", keiner internationalen Organisation angeschlossen hat. Besonders stark vertreten ist die Gruppierung in Nordwestniedersachsen mit elf Clubs zwischen Cuxhaven und Vechta. Das Potenzial dieser Rockergang wird vom Landeskriminalamt auf 260 Personen eingeschätzt. Zum Vergleich: Die Zahl der "Hells Angels" und ihrer Unterstützer wird in Niedersachsen mit 360 angegeben.

Clubmitglieder verdienen ihr Geld vor allem im Rotlichtmilieu

Was die Aktivitäten der Rockerclubs angeht, machen die Behörden keine großen Unterschiede: Sie alle werden von den Spezialabteilungen für "Organisierte Kriminalität" beobachtet. Als wesentliche Tätigkeitsgebiete gelten das Türstehergeschäft und das Rotlichtmilieu. Immer wieder werden Mitglieder dieser Gruppierungen auch mit Drogen und Waffengeschäften in Verbindung gebracht, was deren Sprecher allerdings immer zurückweisen. Ähnliches gilt für die "Mongols", die zwar erst seit 2011 in Niedersachsen vertreten sind und über ein Potenzial von 60 Mitgliedern verfügen sollen. Die "Mongols" hatten sich zunächst in Bremen gegründet, waren dann aber dort verboten worden. Seitdem haben Ortsvereine, sogenannte Chapter, in Stade, Cuxhaven und Celle Fuß gefasst. Bereits vor Jahren hatte die Polizeidirektion Oldenburg - in ihrem Einzugsgebiet finden sich die meisten Clubs von "Gremium MC" - im NDR Gespräch vor wachsenden Auseinandersetzungen in der Szene auch in Niedersachsens Westen gewarnt. Es gehe auch um den Einfluss auf die Rotlichtmilieus der Hafenstädte.

Mit einem Urteil im Prozess am Landgericht ist wohl erst zu Beginn des kommenden Jahres zu rechnen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 08.08.2014 | 10:00 Uhr