Stand: 01.10.2017 15:43 Uhr

Verbrechen nach fast 30 Jahren aufgeklärt?

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Der frühere Hamburger LKA-Chef Wolfgang Sielaff drängte auf erneute Ermittlungen im Fall seiner vermissten Schwester.

Bald drei Jahrzehnte nach dem Verschwinden der Schwester des früheren Hamburger LKA-Chefs Wolfgang Sielaff ist offenbar ihr Skelett unter einer Garage in Adendorf (Landkreis Lüneburg) gefunden worden. Seit dem Sommer 1989 galt Birgit M. als vermisst. Zwar sollen einem Bericht des "Hamburger Abendblatts" zufolge die Überreste anhand des Zahnschemas der Vermissten zugeordnet worden sein, doch gegenüber NDR 1 Niedersachsen hält sich die Polizei noch zurück: "Die Ergebnisse der Obduktion müssen abgewartet werden", sagte ein Sprecher. Sielaff, der auch über Jahre die Opferschutzorganisation "Weißer Ring" führte, war an der Grabung am Freitag beteiligt und griff selbst zu Spaten und Hacke.

Sielaff blieb dran

Es scheint, als wäre es alleine der Hartnäckigkeit des Kriminalisten Sielaff zu verdanken, dass die sterblichen Überreste der Unternehmergattin Birgit M. nun gefunden sein könnten. Seit dem Verschwinden seiner Schwester fand Sielaff keine Ruhe und nahm sich des Falls immer wieder an. Zuletzt wurden 2015 auf Drängen des früheren LKA-Chefs Akten und Beweismaterialien erneut aufgearbeitet. Laut "Abendblatt" wurden vor dem Fund in Adendorf bereits mehrere Gräber geöffnet.

Was genau geschah, bleibt ein Rätsel

Das Grundstück, auf dem die Überreste ausgegraben wurden, soll dem mutmaßlichen Mörder von Birgit M. gehört haben. Sielaff hat im Laufe seiner Nachforschungen die neuen Besitzer um ihr Einverständnis gebeten, auf ihrem Gelände Grabungen durchführen zu dürfen. Was mit der Unternehmergattin nach dem Verschwinden aus ihrer Wohnung im beschaulichen Brietlingen-Moorburg zwischen Lüneburg und Elbe genau passierte, ist bislang nicht geklärt worden - und wird es wohl auch nicht mehr. Monate vor dem Verschwinden hatten sich Birgit M. und ihr Mann Harald M. getrennt. Nachdem die Ermittler zunächst den Gatten in Verdacht hatten, geriet schon bald ein Lüneburger Friedhofsgärtner ins Visier der Ermittler. Ihn soll Birgit M. im Sommer ihres Verschwindens auf einer Party kennengelernt haben, so erzählte es zumindest der Mann der Vermissten der Polizei. 2016 erinnert er sich noch einmal rückblickend in einem Gespräch mit der Wochenzeitung "Die Zeit".

"Man ging stoisch von einem Vermisstenfall aus"

Mit dieser Information wandte sich Harald M., der Ex-Partner der Vermissten, wenige Wochen später an die Kriminalpolizei. Sie fand den Namen des Gärtners heraus und stellte fest, dass dieser einschlägig vorbestraft war. Er hatte bereits eine fünfjährige Haft verbüßt, weil er eine Anhalterin entführt, sie vergewaltigt und fast zu Tode gewürgt hatte. Die Polizei lud ihn zur Vernehmung vor. Er beteuerte, ein Alibi zu haben. Er erwähnte aber nicht, dass er an den besagten Tagen, in denen Birgit M. verschwand, krankgeschrieben war, wie sich später herausstellte. "Man ging stoisch von einem Vermisstenfall aus", so Sielaff in dem Bericht der "Zeit". So sei es über Monate und Jahre gegangen - bis im Jahr 1993 eine neue Staatsanwältin in Lüneburg ihre Arbeit aufnahm. Sie leitete ein Strafverfahren wegen Mordverdachts gegen den verdächtigen Gärtner ein.

Verdächtiger erhängt sich

Als die Polizei den Mann dann in seinem Haus aufsuchen wollte, war er nicht da. Die Beamten fanden hinter einer schallisolierten Tür in seinem Haus Waffen, Schlafmittel und Kordeln. Zu diesem Zimmer hatten nur der Gärtner und sein Bruder Zutritt, erklärte die Ehefrau. Im Garten entdeckten die Ermittler bei der Suche ein vergrabenes Auto mit Blutspuren auf dem Rücksitz. Ein Leichenspürhund schlug an, eine Leiche aber fanden die Ermittler nicht. Wochen später endete die Flucht des Mannes, nachdem er einen Verkehrsunfall verursacht hatte. Weil die Beamten Waffenteile und Munition in seinem Wagen fanden, kam er in Untersuchungshaft. Dort erhängte sich der Verdächtige mit einem Gürtel. Möglicherweise aus Angst, das ihm der Mord an Birgit M. nachgewiesen werden könnte. Damals bedeutete das das vorzeitige Ende der Ermittlungen - bis Sielaff die Wiederaufnahme des Falls durchsetzen konnte.

Blut an Handschellen von Birgit M.

Während der neuerlichen Ermittlungen durch eine bis Anfang des Jahres eingesetzte Sonderkommission konnte 2016 eine winzige Blutspur auf einer Handschelle Birgit M. zugeordnet werden. Sie hatten die Ermittler im versperrten Raum im Haus des Gärtners gefunden. Laut Bericht der "Zeit" wurde die Handschelle damals zur Untersuchung in die Medizinische Hochschule Hannover gebracht. Für die Ermittler steht seitdem fest: Der verdächtige Gärtner fesselte Birgit M. mit der Handschelle und tötete die Frau anschließend. Die Beamten gehen davon aus, dass der Gärtner versucht haben könnte, sein Opfer zu entführen und Lösegeld zu erpressen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 01.10.2017 | 10:00 Uhr

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