Stand: 30.05.2017 15:23 Uhr

Veganer Leder-Ersatz: Heute trägt man Ananas

von Angela Weiss

Leder ist zäh und doch geschmeidig, zugfest, widerstandsfähig. Es wird überall dort eingesetzt, wo das Material starker Beanspruchung ausgesetzt ist, zum Beispiel an Taschen oder Rucksäcken. Doch die Verwendung von echtem Leder, die Produktionsbedingungen für Menschen sowie die ökologischen Auswirkungen werden immer wieder kontrovers diskutiert. Auch die Lüneburger Designerin Rike Henties verzichtet auf Leder bei den von ihr designten Taschen und Rucksäcken. Bisher waren Produkte aus Kork das Markenzeichen der 29-Jährigen, seit Kurzem arbeitet Henties auch mit Piñatex, einem innovativen Material, das aus Ananasfasern hergestellt wird und vergleichbare Eigenschaften wie Leder aufweist. "Piñatex ist ein sehr dankbares Material. Es ist robust, elastisch und franst nicht aus", so die gebürtige Lüneburgerin, die 2016 vom Land Niedersachsen im Rahmen des Projektes Kreativpioniere Niedersachsen ausgezeichnet wurde.

Wie aus Ananas Kleidung wird

Nur zwei deutsche Designer nutzen das Material

Durch Zufall hat Henties Piñatex im Internet entdeckt und sich gleich bemüht, in den Kundenkreis des Herstellers Ananas Anam zu gelangen. Die Nachfrage für den pflanzenbasierten Leder-Ersatz ist groß - längst nicht jeder Designer erhält eine Lieferung des Materials. Weltweit arbeiten rund 50 Designer kommerziell mit Piñatex, in Deutschland sind es nur zwei - und Henties ist eine von ihnen.

Fasern aus Ananasblättern gelöst

Bei der Herstellung von Piñatex werden die Fasern aus den Ananasblättern herausgelöst und miteinander zu einem stabilen Netz verbunden. Die Blätter sind ein Abfallprodukt der Ananasernte und werden Ananasbauern auf den Philippinen abgekauft. Für die Herstellung des Leder-Ersatzes werden also keine neuen Anbaugebiete benötigt und auch auf zusätzliche Wassermengen, Düngemittel oder Chemikalien für die Bestellung der Ananasplantagen kann verzichtet werden. Die ersten Verarbeitungsprozesse finden direkt vor Ort auf den Philippinen statt, lediglich den letzten Schliff bekommt Piñatex in Spanien. Entwickelt wurde das Material von der Designerin Dr. Carmen Hijosa, die fünf Jahre lang am Royal College of Art in London und vor Ort auf den Philippinen daran gearbeitet hat.

Das Ziel: Ethisch korrekt, nachhaltig, natürlich

Das Piñatex-Startup Ananas Anam mit Hauptsitz in London hat sich selbst diverse Grundprinzipien auf die Fahne geschrieben: ethisch korrekt, nachhaltig, natürlich, sozial und innovativ sind Schlüsselbegriffe, über die sich das Unternehmen definiert. Die Herstellung von Piñatex erfüllt nach Unternehmensangaben diese Kriterien. Ausgeliefert wird ausschließlich an Produzenten, die nach gleichen Prinzipien arbeiten.

Was ist nachhaltiges Material?

Nach welchen Maßstäben ein Unternehmen oder Material als nachhaltig bezeichnet werden kann, ist auch Gegenstand aktueller Forschungen. Die Definitionen sind je nach Perspektive und Forschungsansatz verschieden. Beispielsweise erfolgt Nachhaltigkeit innerhalb klar definierter Grenzen, sogenannter planetarischer Grenzen. Diese werden durch soziale Mindestanforderungen, wie Gesundheit oder die Möglichkeit einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, ergänzt. Zwischen den Grenzen der Belastbarkeit der Erde und des Menschen entsteht ein Zwischenraum, in dem nachhaltiger Konsum stattfinden kann. Andere Ansätze stellen die Effizienz von Produkten in den Vordergrund.

Denken in Kreisläufen

Dagegen wird innerhalb der Mode-Branche mit dem Cradle-to-Cradle-Ansatz die Idee, in Kreisläufen zu denken, immer häufiger aufgegriffen. "Hier geht es darum, dass Wegwerfen nichts Schlechtes mehr ist. Es ist lediglich eine Rückführung in den Kreislauf und trägt teils sogar zu einer Verbesserung des Systems bei", erklärt Prof. Daniel Fischer von der Leuphana Universität Lüneburg. Der Juniorprofessor für Nachhaltigkeitswissenschaft konzentriert sich in seiner Forschung auf die Verbraucherseite im Bereich nachhaltigen Konsums.

"Versuch, ressourcenschonend zu wirtschaften"

Ganzheitliche Bewertungen von Anbietern wie dem Piñatex-Produzenten Ananas Anam seien äußerst schwierig abzugeben, dennoch erkenne er mit Blick auf Piñatex eine positive Entwicklung. "Es ist deutlich, dass hier ein Beitrag geleistet wird, über den Versuch ressourcenschonend zu wirtschaften und Menschen in Ländern des globalen Südens ein Einkommen zu bereiten", sagt Fischer. "Das sind Aspekte, für die die Modebranche oft kritisiert wird, da dort eher problematische Entwicklungen stattfinden." Bei einer Gesamtsicht auf nachhaltige Mode bleibt er jedoch kritisch. "Auch wenn man es schafft, bessere Stoffe einzusetzen und sozialverträglicher zu produzieren, ist das reine Volumen problematisch. Es ist immer auch zu fragen: Muss eine nachhaltige Modeindustrie nicht auch einen geringeren Umlauf haben?"

"Kooperation mit der Lebenshilfe ist Herzstück meiner Arbeit"

Henties Bewerbung auf Piñatex war erfolgreich, seit Anfang des Jahres verarbeitet sie den begehrten Stoff zu Taschen und Beuteln. Als Designerin lege sie Wert auf nachhaltige Mode und soziales Verantwortungsbewusstsein. Neben der eigenen Arbeit in ihrem Atelier in der Kulturbäckerei Lüneburg lässt die Designerin etwa 60 bis 70 Prozent ihrer Produkte in der Textilnäherei der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg fertigen. "Ich lege Wert auf ökologisch wertvolle Produkte und die Kooperation mit der Lebenshilfe ist so etwas wie das Herzstück meiner Arbeit."

Kunden sparen für den Rucksack

Henties ist skeptisch, ob Piñatex eines Tages das Potenzial haben wird, der globalen Lederindustrie ernsthaft Konkurrenz zu machen. "Eine Welt wie unsere wird von Geld regiert. Das fängt bei Firmen an, die hohe Profite erzielen wollen und endet bei Kunden, die eine Tasche für 70 Euro oder weniger kaufen", so Henties. Mit durchschnittlich 150 Euro pro Rucksack liegen die Produkte der jungen Designerin im oberen Preissegment, das sich viele nicht leisten können oder wollen. Immer wieder erlebt sie jedoch Überraschungen. "Viele schlucken bei dem Preis, kommen dann aber doch wieder, weil ihnen das Konzept gefällt und sie für den Rucksack gespart haben." Für Rike Henties spiegelt dieses Verhalten die wachsende Bereitschaft vieler Menschen wieder, für nachhaltige und ökologisch einwandfreie Produkte deutlich mehr Geld auszugeben.

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Dieses Thema im Programm:

Mein Nachmittag | 30.09.2015 | 16:10 Uhr

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