Stand: 10.07.2015 21:04 Uhr

Raubkunst: Gesten der Versöhnung in Lüneburg

Die wunderschön verzierte Vorderwand einer 500 Jahre alten Truhe, Glasmalereien aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, wertvolle Münzen - seit 75 Jahren befinden sie sich im Fundus des Museums Lüneburg. 1940 hatte das Museum die Objekte bei einer Auktion im Haus der Besitzer gekauft. Auch andere Lüneburger deckten sich bei der Versteigerung mit Kulturschätzen ein. Heute gelten all diese Objekte als Raubkunst. Denn die jüdische Familie Heinemann, der die Objekte gehörten, war vor dem Nazi-Regime geflohen. Das Museum Lüneburg gibt die Kulturgüter, die sich in seinem Besitz befinden, an diesem Wochenende an die Familie zurück. 40 Nachkommen aus aller Welt werden bei dem Festakt dabei sein.

Menschen bei einem Vortrag.

Versöhnung: NS-Raubkunst zurückgegeben

Hallo Niedersachsen -

40 Nachfahren der jüdischen Familie Heinemann sind aus aller Welt nach Lüneburg gereist. Ein Museum gibt ihnen NS-Raubkunst zurück - und darf die Stücke trotzdem weiter ausstellen.

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Ein Familientreffen der besonderen Art

Aus den USA, aus Guatemala, Israel, Frankreich und anderen Ländern kommen die Nachfahren des Bankiers Marcus Heinemann nach Lüneburg. Das Museum bereitet der Familie einen großen Empfang. Ein umfangreiches Programm ist geplant, darunter Besichtigungstouren in und um die Stadt und Diskussionen über die jüdische Vergangenheit in Lüneburg. Unter anderem ist eine "Storytelling Night" geplant, bei der die Heinemanns von sich, ihren Erinnerungen und den Geschichten ihrer Vorfahren erzählen können. Weitere Familienangehörige sollen über das Internet zugeschaltet werden. Am Montag besuchen einige Familienmitglieder Lüneburger Schulen.

Videos
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"Diese Objekte sind mit Menschen verbunden"

1940 hatte das Museum Lüneburg einige Kulturgüter ersteigert. Anneke de Rudder fand heraus, dass sie einer jüdischen Familie gehört hatten. Die Nachfahren erhalten sie nun zurück. Video (01:23 min)

Gezielt nach Raubkunst gesucht

Auslöser für das große Familientreffen waren Recherchen der Historikerin Anneke de Rudder, die für das Museum arbeitet. Im Rahmen der vom Bund geförderten Provenienzforschung hatte sie gezielt nach NS-Raubkunst in der Museumssammlung gesucht. De Rudder stieß auf den Verkauf der Kulturschätze der Familie Heinemann. Daraufhin schrieb sie rund 60 Nachfahren an - Marcus Heinemann, der bereits 1908 starb, hatte 17 Kinder. In Lüneburg waren die Heinemanns vor ihrer Vertreibung sehr bekannt. Mitten in der Innenstadt bewohnten sie ein großes Haus. Der Kunstsammler Marcus Heinemann hatte unter anderem den Lüneburger Museumsverein mitbegründet. Auch deshalb sieht sich das Museum heute in einer besonderen Verantwortung.

Objekte bleiben im Museum

Dass an diesem Wochenende gleich 40 Nachfahren zur Rückgabe der Kunstobjekte nach Lüneburg kommen, ist etwas Besonderes. "Es kam ein wunderbarer Prozess in Gang, nachdem Anneke uns angesprochen hatte", erzählt die New Yorkerin Kristina Heinemann, eine Urenkelin des Lüneburger Bankiers. Durch die Anfrage des Museums seien die über die ganze Welt verteilten Familienmitglieder miteinander in Kontakt gekommen. Per E-Mail und Telefon berieten sie, was mit der Raubkunst geschehen soll. Dabei beschlossen sie auch, sich an diesem Wochenende in Lüneburg zu treffen, um nach den Wurzeln ihrer Familie zu suchen. Was mit der Raubkunst geschehen soll, haben die Nachfahren der Familie Heinemann im Vorfeld auch schon geklärt: Sie soll in Lüneburg bleiben, als Zeichen der Versöhnung. Nach der feierlichen Übergabe der Kunstwerke gibt die Familie die Stücke also direkt ans Museum zurück, als Dauerleihgabe.

Familie Heinemann und die geraubte Kunst

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 10.07.2015 | 17:00 Uhr

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