Stand: 06.02.2015 07:48 Uhr

Prozess gegen "Diebe im Gesetz" eröffnet

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Der Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder einer russischen Mafia-Organisation findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt.

Polizisten mit Maschinenpistolen vor dem Gerichtsgebäude, Metalldetektoren am Eingang, 15 Wachmänner und eine schusssichere Glaswand im Verhandlungssaal. Der Prozessauftakt gegen sechs mutmaßliche Mitglieder einer russischen Verbrecher-Organisation am Landgericht Lüneburg am Donnerstag hatte zwar inhaltlich noch nicht viel zu bieten, verdeutlichte aber die Brisanz des Verfahrens. Die Angeklagten sind zwischen 34 und 61 Jahre alt und haben zwölf Anwälte an ihrer Seite. Vorgeworfen wird ihnen die Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie banden- und gewerbsmäßiger Betrug. Insgesamt sind 84 Verhandlungstage bis Dezember angesetzt, den Angeklagten drohen bei einer Verurteilung bis zu zehn Jahre Haft.

Verbrecher-Boss unter den Angeklagten vermutet

Die Staatsanwaltschaft Hannover geht davon aus, dass ein 58-jähriger Angeklagter aus Georgien Boss einer Untergruppe des russisch geprägten Netzwerks "Diebe im Gesetz" ist. Laut Staatsanwaltschaft hat er auch in der Untersuchungshaft bereits Kontakte bis nach Russland geknüpft. Zwei weitere Angeklagte sollen als Statthalter und Aufseher der Gruppierung fungiert und deren aus Straftaten finanzierte Gemeinschaftskasse, den "Obschak", verwaltet haben. Ein vierter soll einfaches Mitglied der Vereinigung sein.

Formalien bestimmen ersten Prozesstag

Am ersten Prozesstag wurden zunächst vor allem Formalien geklärt. Der Vorsitzende Richter besprach mit den Anwälten und Dolmetschern die Abläufe. Er sagte, dass zunächst die Betrugsvorwürfe verhandelt würden und er mit einem langen, aufwendigen Verfahren rechne. Zeitdruck gebe es nicht. Hoffnungen auf Einblicke in die sonst abgeschirmte Welt der "Diebe im Gesetz" - dem russischen Aquivalent zur italienischen Mafia - dämpfte der Richter. Die Anklage konzentriere sich vor allem auf den Betrug, weniger auf die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung.

Halbe Million Euro mit Briefkastenfirma ergaunert?

Vier der Männer sollen durch die Einrichtung einer Briefkastenfirma teure Geräte und Maschinen sowie Fahrzeuge ergaunert und weiter verkauft haben. Insgesamt hätten sie damit einen Schaden in Höhe von rund 450.000 Euro verursacht, so der Vorwurf der Anklage. Insgesamt 15 Straftaten, die zwischen 2009 und 2014 begangen wurden, werden den sechs Männern zur Last gelegt. Kurioses Detail der Anklage: Unter anderem sollen sie auch sage und schreibe 19.500 Kilogramm Orangen bestellt und nicht bezahlt haben.

"Diebe im Gesetz" potenzielle Heimat für KGB-Agenten

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Die sechs Männer sind wegen Betrugs und der Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt.

Dem Bundeskriminalamt (BKA) zufolge sind die "Diebe im Gesetz" in ganz Deutschland aktiv: Die Organisation habe die Bundesrepublik in 22 Regionen aufgeteilt, in denen sogenannte Brigaden operierten. Das BKA weiß von strengen Hierarchien, eigenen Gesetzen und unbedingtem Gehorsamszwang. Vor mehr als 80 Jahren sollen Gefangene in sowjetischen Straflagern das Netzwerk gebildet haben. Hochrangige Mitglieder stammen offenbar auch aus den Reihen des KGB und anderen früheren sowjetischen Geheimdiensten.

Maschsee-Schießerei weckt Interesse der Ermittler

Die Mitglieder der "Diebe im Gesetz" stammen überwiegend, aber nicht ausschließlich aus den Staaten der früheren Sowjetunion. Die sechs Angeklagten kommen laut Landgericht aus Russland, Deutschland, Kasachstan, Armenien, Tschechien und der Türkei. Die Polizei interessiert sich bereits seit 2008 für die Organisation: Durch eine Schießerei am Maschsee in Hannover, nach Ansicht der Ermittler eine bandeninterne Auseinandersetzung, waren die Beamten auf die "Diebe im Gesetz" aufmerksam geworden.

Wer sind die "Diebe im Gesetz"?

Die Organisation "Diebe im Gesetz" entstand laut Landeskriminalamt (LKA) in der Sowjetunion schon zu Beginn der Stalin-Ära Anfang der 1920er-Jahre. Zu der Zeit seien Kriminelle zusammen mit den damaligen Regimegegnern in Strafgefangenenlagern inhaftiert worden. Hier formierten sie sich demnach zu der Organisation "Diebe im Gesetz". Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre habe sich für die Organisierte Kriminalität in Russland und den anderen ehemaligen Mitgliedstaaten der Sowjetunion die Gelegenheit geboten, ihren Einfluss zu vergrößern. Die Mitglieder der "Diebe im Gesetz" begehen nach Angaben des LKA meist Straftaten wie Wohnungseinbrüche, Ladendiebstähle oder Rauschgifthandel. Ziel hierbei sei "ein erhebliches finanzielles Gewinnstreben". Die Vereinigung gehorche bestimmten eigenen Regeln und Gesetzen. Das System sei streng abgeschottet; Informationen dringen laut LKA kaum oder gar nicht nach außen. Die Mitglieder schreckten auch vor Gewalt nicht zurück, um Opfer einzuschüchtern. Im Jahr 2013 wurden nach Angaben des LKA von den niedersächsischen Polizeibehörden elf Ermittlungskomplexe im Bereich der russisch-eurasischen organisierten Kriminalität geführt, mit insgesamt 166 Tatverdächtigen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 05.02.2015 | 19:30 Uhr

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