Stand: 08.09.2015 13:36 Uhr

Polizei vernimmt Heilpraktiker nach Drogenrausch

Missglücktes Drogenexperiment oder makabrer Scherz eines Einzelnen? Das Rätsel um den "Kollektivtrip von Handeloh", bei dem sich 29 Heilpraktiker bei einer Tagung am vergangenen Freitag mit Halluzinogenen vergifteten, könnte bald gelüftet sein. Nach dem heftigen Rausch sind nun offenbar alle Betroffenen wieder vernehmungsfähig. Seit Dienstagvormittag befragen Beamte die 29 Männer und Frauen, teilte Sprecher Lars Nickelsen mit. Die Polizei vermutet, dass die 24- bis 56-Jährigen gemeinsam die Szenedroge 2C-E, auch unter dem Namen Aquarust bekannt, genommen haben. Im Fokus der Befragung steht, ob sie dies auch alle freiwillig taten.

Ergebnisse der Blutuntersuchungen noch Ende der Woche

"Wir wollen jetzt den Hintergrund und vor allem den genauen Ablauf ermitteln", sagte Nickelsen NDR.de. Die Beamten prüften außerdem einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. "Natürlich müssen wir hierfür feststellen, welches Mittel die Heilpraktiker genau eingenommen haben", so Nickselsen. Mit dem Ergebnis der Blut- und Urinuntersuchungen rechnet die Polizei Ende der Woche. Sollten die eingenommenen Halluzinogene unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, geht der Fall laut Nickelsen an die Staatsanwaltschaft. "Und dann ist wichtig, wer den Wirkstoff mitgebracht und verteilt hat." Die bloße Einnahme sei nämlich nicht strafbar.

Betroffene erlitten Krämpfe und Halluzinationen

Die Einnahme hatte für die 29 Heilpraktiker aber beachtliche Konsequenzen: Am Freitagnachmittag torkelten die Männer und Frauen vor dem Tagungszentrum in Handeloh umher, rollten sich auf einer Wiesen, redeten wirr und litten unter heftigen Krämpfen. Es waren Szenen, die selbst erfahren Einsatzkräfte in Staunen versetzten. Sie rückten mit einem Großaufgebot an, Notärzte wurden im Hubschrauber eingeflogen, Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute kamen mit mehr als 25 Fahrzeugen in den Ort.

Mehrfache Überdosierung

Torsten Passie, Mitglied der Sachverständigenkommission der Bundesregierung für Betäubungsmittel, geht von einem Versehen aus: "Bei dem Ereignis muss es sich um eine mehrfache Überdosierung gehandelt haben. Das spricht dagegen, dass die Betroffenen das Halluzinogen bewusst eingenommen haben", sagte Passie NDR.de. "Man muss davon ausgehen: Die Menschen waren über die Substanz, ihre Wirkungen und mögliche Gefahren vor der Einnahme nicht aufgeklärt worden."

Aquarust seit 2014 in Deutschland verboten

Die Szenedroge Aquarust ist in Deutschland seit Ende 2014 verboten. "2C-E steigert das Gefühlserleben. Bei Überdosierung kann es Wahnvorstellungen und psychoseähnliche Zustände hervorrufen", erklärte Passie. Für legale therapeutische Zwecke wird 2C-E nicht verwendet.

Häme für Tagungsteilnehmer im Internet

Auch wenn ein Teilnehmer der Tagung zeitweise in Lebensgefahr schwebte, ist die Schadenfreude über den Massenrausch in Handeloh offenbar groß. Auch wenn noch gar nicht feststeht, ob die Betroffenen überhaupt wussten, was sie einnehmen, gibt es zahlreiche Reaktionen im Netz. In den Kommentarfeldern der Onlinemedien und sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verteilen viele User Spitzen gegen Heilpraktiker:

  • Magic Markus via Twitter

    "Das Seminar der #Heilpraktiker hieß 'Heilende Kräfte im Tanz', vielleicht dachten die, es wäre ein Rave gewesen."

  • Dennis Roder auf Facebook

    "Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker."

  • Lucia Schmidt via Twitter

    "Da wurde wohl vergessen d. Stoff 1000fach zu verdünnen: #Herumtorkelnde #Heilpraktiker. Als Strafe gibts in d. Klinik Medis von Pharmafirmen."

  • Steff Magri auf Facebook

    "Woher sollen sich Heilpraktiker und Homöopathen auch mit WIRKSAMEN Substanzen auskennen ..."

  • Fabe van Blå via Twitter

    "Kommt selten vor, dass ich bei den Nachrichten mal lachen muss ... https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Strafverfahren-nach-Massenvergiftung-mit-Drogen,handeloh104.html … #Heilpraktiker"

  • Thore Rehbach auf Facebook

    "Ich glaube fast, da hat sich einer einen 'Spaß' erlaubt. Welche Gruppe halbwegs vernunftbegabter Menschen käme denn sonst auf die Idee, eine ihnen unbekannte Droge kollektiv ohne jede Absicherung einzuwerfen, ohne einer 'Groundcontrol', die sauber bleibt und Ahnung von dem Stoff und seiner Wirkung hat? Das muss doch schief gehen."

  • Laja via Twitter

    "#Heilpraktiker rocken den Wald. Solche eindeutigen Wirkungen kennen die halt nicht #rofl https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/lueneburg_heide_unterelbe/Strafverfahren-nach-Massenvergiftung-mit-Drogen,handeloh104.html …"

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Verband Deutscher Heilpraktiker geht auf Distanz

Entsetzt zeigen sich dagegen die offiziellen Vertreter des Berufsstands. "Ich distanziere mich ganz vehement von dem, was in Handeloh passiert ist", sagte der Präsident des Verbands Deutscher Heilpraktiker (VDH), Heinz Kropmanns, am Montag zu NDR.de. Die Veranstaltung sei nicht vom VDH organisiert gewesen. Er habe durch die Berichterstattung erstmals erfahren, dass es in dem Ort überhaupt regelmäßige Treffen von Heilpraktikern gebe. "Wenn mir bekannt wird, dass eines unserer Mitglieder daran teilgenommen hat, wird es aus dem Verband ausgeschlossen", kündigt Kropmanns an. Wie es zu dem Vorfall kommen konnte, kann sich Kropmanns nach eigenen Angaben nicht vorstellen. Ihm seien in seinen 40 Berufsjahren als Heilpraktiker nie Medikamente oder Mittel untergekommen, die Halluzinationen auslösen würden.

Glosse

Die Heilpraktiker im Drogenrausch

07.09.2015 18:25 Uhr
NDR Info

Mal was Verrücktes machen? Warum nicht, dachten sich wohl einige Heilpraktiker vor Beginn ihres Modedrogen-Experiments. Joachim Hagen bittet in seiner Glosse auf ein Wort. mehr

Vorfall könnte teure Konsequenzen haben

Sollte sich bei den Untersuchungen herausstellen, dass die Tagungsgruppe das Halluzinogen vorsätzlich eingenommen hat, droht den Teilnehmern laut Kropmanns der Ausschluss aus dem Berufsstand. Darüber hinaus müssten sie dann laut Polizei die Kosten für den Rettungseinsatz übernehmen. Die genaue Höhe ist noch unklar, könnte aber bei mehreren Zehntausend Euro liegen. Rund 160 Rettungskräfte waren am Freitag angerückt, um die Menschen zu versorgen.

Stichwort: Halluzinogene

Die Bezeichnung Halluzinogene fasst unterschiedliche psychoaktive Substanzen zusammen, die sich in der Wirkung ähneln. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gehören zu den "klassischen" Halluzinogenen unter anderem LSD, Meskalin und "Zauberpilze", sowie die Substanzen PCP oder Ketamin, die in bestimmten Dosen halluzinogene Effekte erzeugen. Halluzinogene können tiefgreifende psychische Veränderungen hervorrufen, das Denken, Fühlen und die Wahrnehmung massiv beeinflussen. Laut BZgA gerät die Verarbeitung der Wahrnehmung durch die Einnahme von Halluzinogenen in Unordnung, was sich durch Sinnestäuschungen bemerkbar macht. Die Erlebnisse der Konsumenten können von einer euphorischen Grundstimmung getragen werden, die Stimmung kann aber auch in Panik und Entsetzen umschlagen.

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29 Verletzte nach Halluzinogen-Einnahme

Nach einem mutmaßlichen Drogenexperiment in einem Tagungshaus in Handeloh mussten am Freitag 29 Menschen notärztlich versorgt werden. 160 Rettungskräfte waren im Einsatz. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 07.09.2015 | 14:30 Uhr