Stand: 10.03.2016 19:30 Uhr

Mysteriöses Brummen nervt (nicht nur) in Buchholz

von Andreas Rabe
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Iris Schmonsees und Kai-Uwe Bellut tauschen sich in einem Forum über das 'Brummton-Phänomen' aus.

"Es hört sich an, wie ein tiefer tuckender Motor." So beschreibt Kai-Uwe Bellut das Brummen, das er seit gut drei Jahren hört. Tag und Nacht spürt er einen Druck auf den Ohren. Besonders schlimm ist es bei ihm im Haus. Wenn er vor die Tür geht, ist es besser. Im Norwegen Urlaub beim Wandern in den Fjorden, hat er es mal einige Tage lang gar nicht gehört. Aber an vielen Orten in und um seine Heimatstadt Buchholz (Landkreis Harburg) spürt er das Brummen. Und er ist nicht der einzige: Auf einen Artikel über sein Leiden im örtlichen Anzeigenblatt haben sich fast 100 andere Betroffene aus der Umgebung bei ihm gemeldet.

Spektrumanalysiergerät misst tiefe Frequenzen.

Das Brummton-Phänomen

Hallo Niedersachsen -

Seit rund zwei Jahren leiden zahlreiche Menschen in Buchholz unter einem mysteriösen Brummen. Eine eindeutige Quelle konnte bislang nicht ausfindig gemacht werden.

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Behörden messen ohne Ergebnis

Das sogenannte 'Brummton-Phänomen' ist kein lokales Problem. Iris Schmonsees hat im Internet ein Forum gegründet, zum Austausch über das ständige Wummern im Ohr. Selbst aus den Niederlanden, Österreich und Großbritannien melden sich Betroffene. "Schlafmangel und die Tatsache, dass es quasi keinen Rückzugsraum gibt, sind enorme Belastungen", sagt Schmonsees. Es haben sich nach ihrer Kenntnis auch schon Leute deswegen umgebracht. Gemeinsam gehen die Betroffenen über das Internet auf Spurensuche. Von der Politik fühlen sie sich allein gelassen. "Überall wo jemand ein dauerhaftes Brummen verspürt, kommen die Behörden vorbei und messen. In der Regel ohne Ergebnis", sagt Bellut. Auch in Buchholz hat das Gewerbeaufsichtsamt bereits an verschiedenen Stellen geringfügig Infraschall - also Schall unterhalb der gewöhnlichen Hörschwelle - festgestellt. Eine konkrete Quelle konnte aber nicht gefunden werden. Für ausführliche Untersuchungen fehlen dem Amt nach eigener Aussage die technische Ausrüstung und das Fachwissen.

Funkwellen könnten Schuld sein

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Allgemeinmediziner Dr. Thomas-Carl Stiller engagiert sich im Netzwerk "Ärzte für Immissionsschutz".

Bellut glaubt auch nicht, dass er unter einem akustischen Problem leidet. "Nachdem das Brummen  in Norwegen mehrere Tage nicht da war, ist es mitten in den Fjorden plötzlich wieder aufgetaucht. Kurze Zeit später sind wir an einem Mobilfunkmast vorbeigekommen", erzählt er. Seit dem hat er die Vermutung, dass er sensibel auf elektromagnetische Strahlung reagiert. Eine gewagte These, finden die meisten Wissenschaftler. Kaum jemand hält es für möglich, dass sogenannte 'Hintergrundstrahlung' von zum Beispiel Handys und lokalen Funknetzen von Menschen wahrgenommen werden kann. Aus der Medizin bekommt Bellut jedoch Unterstützung. Allgemeinmediziner Dr. Thomas-Carl Stiller aus Uslar engagiert sich im Netzwerk "Ärzte für Immissionsschutz". Er sagt: "Elektromagnetische Strahlung kann ebenso wie Infraschall, Schwingungen im Körper verursachen und dadurch unter Umständen als Brummen wahrgenommen werden."

Netzwerk will Wissenschaft und Politik ansprechen

Bei Menschen, die sensibel auf elektromagnetische Strahlung reagieren, sind gewissermaßen Filter verstellt, erklärt Stiller. Im Grunde genommen sei es sogar eine besondere Fähigkeit, die Strahlung wahrnehmen zu können. Nur ist es eine Kompetenz, die in unserer technisierten Welt zur dauerhaften Belastung werden kann. Der Arzt will deshalb anregen, dass die Wissenschaft sich dieses Themas annimmt. Das ist auch das Ziel von Iris Schmonsees und Kai-Uwe Bellut. Das Phänomen betrifft mehr Menschen, als es zunächst den Anschein hat, meinen sie. Viele trauten sich nur nicht, offen über ihr Leiden zu sprechen, um nicht als verrückt abgestempelt zu werden. "Aber je mehr Betroffene sich 'outen', desto größer wird auch der Druck auf die Politik, uns ernst zu nehmen", sagt Bellut.

Weitere Informationen

The Hum: Das Leben mit dem Brummen

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Dieses Thema im Programm:

Regional Lüneburg | 11.03.2016 | 17:00 Uhr