Stand: 12.02.2016 21:09 Uhr

"Sunniten, Schiiten, alle sind willkommen"

von Lars Gröning

Strahlender Sonnenschein und klare Winterluft, so präsentiert sich Lüneburg an diesem Freitag. Das Thermometer zeigt drei Grad. Die Fingerspitzen werden kalt. Vor einem alten Wohnhaus im Lüner Weg ziehen sich dennoch Dutzende Menschen die Schuhe aus, setzen sich auf einen Teppich und warten. Sie warten auf die Rufe des Muezzins. Denn das Backsteinhaus ist Lüneburgs Zentralmoschee. Sie platzt zurzeit aus allen Nähten: Mehrere Hundert Muslime kommen jeden Freitag zum Gebet. Vor allem, seitdem auch in Lüneburg immer mehr Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und anderen Ländern ankommen, wächst die Zahl von Monat zu Monat. Der Moscheeraum im Inneren des Gebäudes ist zu klein, um allen Platz zu bieten. "Auch die Ersatzräume im Keller reichen schon lange nicht mehr aus", sagt Murat Gök vom Vorstand der islamischen Gemeinde in Lüneburg. Vielen Gläubigen bleibt deswegen beim Freitagsgebet nur der Teppich vor der Moschee.

Lüneburg: Großer Andrang in der Zentralmoschee

Eine Moschee für alle

"Die Flüchtlinge sind herzlich willkommen bei uns in der Moschee", sagt Gök. Mit viel ehrenamtlichem Engagement kümmern sich die rund 150 Mitglieder der islamischen Gemeinde um die Neuankömmlinge in Lüneburg. "Wir versuchen zu unterstützen, wo wir können. Wir suchen das Gespräch mit den Flüchtlingen, hören ihre Geschichte und das Leid, das sie erfahren haben." Und die Mitglieder der Gemeinde haben auch immer wieder viel zu erklären: über Deutschland, die Kultur hierzulande, den Umgang mit Ärzten und Behörden und vieles mehr. Auch Kleiderspenden wurden bereits organisiert, zudem sind Gemeindemitglieder als Übersetzer gefragt.

Unterschiedliche Richtungen des Islam sind vertreten

Gegründet wurde die Gemeinde im Jahr 1980 von Türken. "Heute beim Freitagsgebet sind aber gerade mal ein Fünftel der Männer Türken", sagt Murat Gök und schmunzelt: "Unsere Moschee ist eben beliebt." Das liege nicht zuletzt an dem offenen Umgang der Mitglieder untereinander. Auch die verschiedenen Richtungen des Islam kämen gut miteinander aus. "Sunniten und Schiiten etwa, für uns macht das keinen Unterschied, alle sind willkommen", betont Gök. "Man spricht hier so viele unterschiedliche Sprachen, doch die Moschee gehört uns allen."

Extremisten sollen nicht Fuß fassen können

Dennoch: Auch Murat Gök und seine Mitstreiter sind wachsam, damit islamische Extremisten auf keinen Fall in der Gemeinde Fuß fassen können. In ihren Vorträgen über die islamische Religion, die regelmäßig in der Moschee stattfinden, warnen die Gemeindemitglieder unter anderem vor Radikalismus und Gewalt.

Neue Moschee ist nicht drin

Dass der Andrang in der Moschee in absehbarer Zeit weniger wird, damit rechnen die Gemeindemitglieder nicht. Denn ob beziehungsweise wie viele Flüchtlinge Lüneburg in Zukunft wieder verlassen werden, kann niemand sagen. Darum soll für die stetig steigende Zahl der Betenden mehr Platz geschaffen werden. Über einen An- oder Ausbau der Moschee sei bereits nachgedacht worden, auch ein Neubau sei im Gespräch gewesen. Doch bei der Stadtverwaltung habe die Idee keinen Widerhall gefunden. Auch dürfte es schwierig werden, die Kosten dafür zu stemmen, denn die islamische Gemeinde finanziere sich ausschließlich über Spenden. Deshalb sollen nun erst einmal Räume im Obergeschoss des Gebäudes zu zusätzlichen Gebetsräumen umgebaut werden. Dort sollen dann Monitore stehen, damit die Gläubigen dem Imam bei seinem Gebet und seinen Verneigungen in Richtung Mekka folgen können. Damit hoffentlich niemand mehr bei kaltem und nassem Wetter draußen frieren muss.

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