Stand: 04.03.2016 09:06 Uhr

Keine Chance auf jagdfreie Zonen im Land?

von Lars Gröning

Susanne Ihden atmet tief ein. Sie genießt die frische Luft draußen auf ihrem Grundstück inmitten der Natur. Die 60-Jährige wohnt in der Nähe von Bleckede im Landkreis Lüneburg. Etwas außerhalb der Stadt besitzt sie ein vier Hektar großes Areal. "Das Grundstück ist mein Leben. Ich tanke hier in der Natur auf", sagt die Vegetarierin und Tierschützerin. Als sie 2003 ihren Besitz erwarb, wollte sie ein Refugium schaffen. Für sich, aber auch für Wildtiere. Damals wusste sie noch nicht, dass auf dem Gelände auch gejagt werden darf. Als sie davon erfuhr, war sie geschockt, denn sie lehnt das Töten von Tieren grundsätzlich ab.

Ein Jagdgewehr.

Sind jagdfreie Zonen in Niedersachsen unerwünscht?

Hallo Niedersachsen -

Das Jagdgesetz ermöglicht Eigentümern von Grundstücken außerhalb von Ortschaften einen Antrag auf "Befriedung" zu stellen - doch in Niedersachsen werden nur acht Prozent genehmigt.

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Befriedung ist theoretisch möglich

Nach dem deutschen Jagdrecht ist das Schießen auf Privatgrundstücken außerhalb von Ortschaften zulässig. Doch wenn ein Grundbesitzer das nicht möchte, kann er seit zwei Jahren bei den zuständigen Behörden einen Antrag stellen auf eine sogenannte Befriedung. Wird dem stattgegeben, dürfen Jäger auf Grundstücken, wo die Befriedung gilt, Rehen, Wildschweinen und Co. nicht mehr zu Leibe rücken. Auch Susanne Ihden hat in Lüneburg einen solchen Antrag gestellt. Wie die meisten anderen Gesuche dieser Art in Niedersachsen ist auch dieses bei den Behörden gescheitert.

Anträge haben in Niedersachsen kaum Aussicht auf Erfolg

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Tierschützerin Susanne Ihden will auf ihrem Grundstück keine Zwangsjagd.

60 Grundbesitzer aus Niedersachsen haben sich in den vergangenen zwei Jahren bereits bei den zuständigen Jagdbehörden ihrer Landkreise gemeldet. Doch die Anträge wurden fast immer abgelehnt. Nur fünfmal wurde bisher einem Antrag stattgegeben und damit ein Privatgrundstück von der Jagd befriedet. Die häufigsten Ablehnungsgründe der niedersächsischen Behörden: Wildschäden und Jagdunfälle würden sich häufen, wenn nicht gejagt würde. Diese Argumente allerdings stützten sich auf reine Prognosen, sagen Jagdgegner. Im Fall von Susanne Ihden etwa gab es auf einer nahe gelegenen Kreisstraße in den vergangenen drei Jahren sechs Wildunfälle. Ob es ohne Bejagung mehr gewesen wären, sei fraglich, sagen auch Naturschützer. Schließlich sei Wild ständig in Bewegung.

Hohe Kosten schrecken Antragsteller

Neben der geringen Aussicht auf Erfolg würden Personen, die die Jagd auf ihrem Grundstück nicht wollen, auch durch sehr hohe Verfahrenskosten abgeschreckt, sagen Naturschützer. Bisher lagen die Gebühren zwischen 1.000 und  2.000 Euro. Laut Landwirtschaftsministerium wurden die Kosten für eine Antragsbearbeitung inzwischen auf 700 Euro gesenkt. Dass die Behörden mit den teuren Bearbeitungsgebühren Jagdgegner absichtlich abschrecken wollen, bestreitet das Ministerium. Auch der Landkreis Lüneburg unterstreicht, dass er die Hürden für die Genehmigung eines befriedeten Geländes nicht absichtlich hochhält. Die Situation von Susanne Ihden habe die Behörde eingehend geprüft. Bei der Absage des Antrags halte sich die Verwaltung lediglich an die Vorgaben des Gesetzes.

Befriedung erst seit zwei Jahren möglich

Gemeint ist das "Gesetz zur Änderung jagdrechtlicher Vorschriften". Im Dezember 2013 wurde es in Deutschland erlassen. Bis dahin unterlag jeder Quadratmeter zwischen Flensburg und Passau dem Jagdrecht, ausgenommen von Ortschaften. Eineinhalb Jahre vor Inkrafttreten des Gesetzes hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass die in Deutschland geltende Zwangsmitgliedschaft in einer Jagdgenossenschaft gegen die Menschenrechte verstößt, wenn ein Grundstückseigentümer aus ethischen Gründen die Jagd ablehnt. Nach dem "Gesetz zur Änderung jagdrechtlicher Vorschriften" können Privatpersonen mit Grundstücken von bis zu 75 Hektar veranlassen, dass auf ihrem Besitz nicht mehr gejagt wird.

Schlusslicht Niedersachsen

Seit das Gesetz in Kraft ist, gibt es in Deutschland immer mehr jagdfreie Gebiete. So wurde zum Beispiel in Baden-Württemberg mehr als jeder zweite Antrag bewilligt, in Bayern oder Nordrhein-Westfalen immerhin jeder vierte. In Niedersachsen ist es noch nicht einmal jeder zwölfte.

Flächendeckende Bejagung geht in Niedersachsen vor.

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Susanne Ihdens Grundstück bei Bleckede wird vorerst weiter bejagt.

Als Begründung für die nur wenigen Fälle, in denen es einem Grundeigentümer gelungen ist, sein Grundstück zu befrieden, heißt es vom Landwirtschaftsministerium: "Das Jagdrecht sieht grundsätzlich eine flächendeckende Bejagung vor. Befriedungen von Flächen sind Ausnahmen von gesetzlichen Grundsätzen, die eng ausgelegt werden." Niedersachsen setzt zudem auf Gespräche mit den Antrag stellenden Personen. Häufig gibt es im Hintergrund andere Ursachen als die ethische Grundhaltung. Insoweit ergibt sich vielfach die Möglichkeit, durch freiwillige Vereinbarungen zwischen dem Grundeigentümer und dem Jagdausübungsberechtigten die Probleme vor Ort zu lösen. Die Anträge werden dann zur Vermeidung weiterer Kosten zurückgenommen.

"Ich gebe nicht auf"

Susanne Ihden allerdings will sich nicht auf weitere Gespräche mit den Behörden einlassen. Sie will gegen den Bescheid der Jagdbehörde klagen und weiter dafür kämpfen, damit ihr Besitz jagdfrei wird. "Ich gebe nicht auf", sagt sie. "Ich tue einfach alles, dass dieses Grundstück irgendwann befriedet ist."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 03.03.2016 | 19:30 Uhr