Stand: 20.02.2016 13:30 Uhr

Grüne Mode: Nachhaltig, lukrativ, massentauglich

von Stefanie Nickel

Als Henning Siedentopp und Claudia Assmuth vor zwei Jahren ihr faires Modelabel gründeten, war klar, dass sie kein Start-up sein wollten. Keine jener Kreativschmieden, die mit einer innovativen Idee an den Start gehen, rasant wachsen, um das Ganze dann gewinnbringend zu verkaufen. Siedentopp und Assmuth glauben an ihre Idee und an den langfristigen Erfolg. In einer Fabrik in Indien lassen sie T-Shirts, Kapuzenpullover und Rucksäcke nähen. Alles bio, alles fair und für jedermann tragbar, so sagen sie. Es geht ihnen ausdrücklich nicht um ausgefallene Designerstücke, die man nur auf dem Laufsteg tragen kann. mela wear heißt ihr Label, das bedeutet "gemeinsam handeln". Für die beiden 30-Jährigen ist der Markenname nicht nur ein loses Versprechen, sondern Kern ihrer Vision. "Wir wollen groß werden. Richtig groß", sagt Henning Siedentopp.

mela wear will ethisch korrekte Mode machen

Liebhaber und Kenner kaufen Bio-Baumwolle

Tatsächlich aber ist grüne Mode noch nicht aus der Nische herausgekommen. Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK machen Öko-Textilien - oder besser das, was die Befragten dafür halten - gerade einmal 3,5 Prozent am Gesamtmarkt aus. Das ECOLOG-Institut in Hannover schätzt den Anteil tatsächlich fair gehandelter Bio-Kleidung in Deutschland auf einen Prozent. Siedentopp und Assmuth sind mit mela wear angetreten, um das zu ändern. Das, was Bio-Bauern auf dem Lebensmittelsektor vorgemacht haben, soll endlich auch im Bekleidungsmarkt ankommen - so jedenfalls wünschen es sich die mela wear-Geschäftsführer.

Schwermetalle und Chemikalien landen auf der Haut

Noch müssen sie Klinken putzen. Siedentopp und Assmuth ziehen von Boutique zu Boutique und präsentieren ihre Kleidung. Unifarbene T-Shirts, Kapuzenpullover und Rucksäcke haben sie im Sortiment. Alles ist mit dem Global Organic Textile Standard (GOTS) zertifiziert, besteht also aus Bio-Naturfasern und wird umweltschonend produziert. Und auch das Fair-Trade-Siegel prangt darauf. Ein Selbstläufer ist Kleidung ohne Schwermetalle und ohne Chemie allerdings noch nicht. Die beiden müssen aufklären. "Über die Haut können die Chemikalien auch in unseren Organismus gelangen", erklärt Claudia Assmuth. "Darüber machen sich die meisten gar keine Gedanken."

Geschäftspartner sehen Markt für Öko-Textilien

Trotz aller inhaltlichen Überzeugung: Als Öko-Aktivisten würden Henning Siedentopp und Claudia Assmuth sich nicht bezeichnen. Beide haben in Lüneburg Betriebswirtschaftslehre studiert und danach einige Jahre in Unternehmen gearbeitet. Doch so richtig erfüllte es sie nicht, obwohl die Bezahlung gut war. Sie nahmen sich eine Auszeit. Mehrere Wochen reisten sie durch Indien, schauten sich Fabriken an und kleine, nachhaltig arbeitende Modelabels. Dabei lernten sie ein anderes Indien fern der Mega-Fabriken kennen. Als sie nach Deutschland zurückkehrten, kündigten sie ihre Anstellung. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil die Studienfreunde einen Markt für Öko-Textilien sahen. "Ich bin BWLer", sagt Henning Siedentopp. "Ich mache das nicht nur aus Idealismus, sondern weil ich überzeugt bin, dass man damit Geld verdienen kann." Mittlerweile haben die beiden rund 100.000 Euro investiert und sehen sich auf einem guten Weg. Schon zwei Jahre nach der Gründung machen Siedentopp und Assmuth Gewinne, stecken diese aber sofort wieder in das Unternehmen. Knapp 10.000 Artikel sind bereits produziert. mela wear gibt es jetzt in rund 50 Läden in sechs Ländern, acht Onlineshops bieten ihre Kleidung an. Und es sollen mehr werden.

Branchenriese C&A größter Abnehmer von Bio-Baumwolle

Die Konkurrenz auf dem Öko-Bekleidungsmarkt wächst unterdessen. Die Nachfrage für Bio-Baumwolle steigt weltweit - wenn auch insgesamt auf einem niedrigem Niveau. Vor allem die großen Konzerne mischen kräftig mit. Mit rund 46.500 Tonnen war Branchenriese C&A laut Textile Exchange Market Report der weltweit größte Abnehmer von Bio-Baumwolle im Jahr 2014. Insgesamt wurden laut dem internationalen Baumwoll-Beratungsausschuss mehr als 26 Millionen Tonnen Baumwolle produziert. Bei C&A macht Bio-Baumwolle nach Firmenangaben rund 40 Prozent des Baumwoll-Sortiments aus. Der Konzern will bis 2020 nur noch Baumwolle aus nachhaltigem Anbau verarbeiten. Hinter C&A landet auf Platz zwei der weltweit größten Abnehmer von Bio-Baumwolle H&M, Tchibo belegt Platz drei.

Hochschulen haben grüne Mode auf der Agenda

Tatsächlich sind Textilien aber nicht nachhaltig, nur weil sie aus Bio-Baumwolle bestehen. Das wissen auch die Studenten und Lehrenden an den Universitäten in Niedersachsen. Das Thema "Grüne Mode" ist längst auf ihrer Agenda gelandet. "Wir wollen Kleidung so produzieren, dass sie lange hält", erklärt Beatrix Landsbek von der Hochschule Hannover. Die Hochschule ist eine von mehreren niedersächsischen Universitäten, die sich gemeinsam überlegen, wie der Lebenszyklus von Textilien verlängert werden kann. "Slow Fashion" nennt sich ihr Projekt und bildet gewissermaßen das Gegengewicht zu einer Industrie, die mit immer neuen Trends neue Kaufanreize zu schaffen versucht. Dabei geht es nicht nur um nachhaltiges Design und Materialien, sondern auch um passende Geschäftsmodelle und die Psychologie der Konsumenten. "Wir wollen grüne Mode ganzheitlich denken", sagt Landsbek. "Uns geht es auch um Wissensaustausch."

Kaum Umdenken nach der Katastrophe von Bangladesch

Simone Austen macht vor, wie das funktioniert. Sie hat in Hannover Modedesign studiert. Für hess natur, den Pionier der Öko-Mode, entwickelt Austen gerade eine sogenannte Zero-Waste-Kollektion. Austen konzipiert ihre Kleidung so, dass bei der Herstellung möglichst wenig Abfall - sogenannter Pre-Consumer-Waste - anfällt. Ihre Schnittmuster nutzen die Stoffbahnen voll aus. Auch ihre ehemalige Studienkollegin Landsbek, die jetzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an dem Projekt "Slow Fashion" arbeitet, kennt die praktische Seite der nachhaltigen Mode. Für ihr Label "Super Fashion Rainbow Camp" haucht sie ausrangierter Kleidung neues Leben ein. Sie trennt die Nähte der Textilien auf und setzt sie neu zusammen. So kann aus einer Bluse ein Kleid und aus einer Hose ein Rock entstehen - Upcycling heißt das dann. Doch im Mainstream sind all diese Kreationen noch nicht angekommen, das weiß auch Landsbek. Häufig wird für Kenner, für Liebhaber, für Modeschauen produziert - aber längst nicht für jedermann. Warum nur? "Es fehlt bei vielen noch immer das Verständnis dafür, woher die Kleidung stammt", sagt Landsbek. Daran hat offenbar auch die verheerende Katastrophe in der Textilfabrik von Rana-Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 mit mehr als 1.000 Toten nichts geändert.

"Wir wollen keinen Neoliberalismus betreiben"

Trotz der Kritik an asiatischen Produktionsländern lassen Henning Siedentopp und Claudia Assmuth die Kleidung von mela wear in Indien herstellen. "Wir wollen keinen Neoliberalismus betreiben", so Claudia Assmuth. Sie lassen einen großen Teil der Wertschöpfung in Indien, wo auch die Baumwolle herkommt. Die Fabrik, in der ihre T-Shirts, Kapuzenpullover und Rucksäcke genäht werden, steht in Gujarat, am westlichsten Zipfel Indiens. Hier wird ausschließlich Bio-Ware verarbeitet. 400 Indische Rupien bekommen die Näherinnen pro Tag, umgerechnet sind das 5,20 Euro. Das klingt wenig, liegt aber etwa 30 Prozent über dem dortigen Mindestlohn. Die vergleichsweise geringen Produktionskosten spiegeln sich im Preis wider. Die Bio-T-Shirts, die Siedentopp und Assmuth verkaufen, kosten rund 20 Euro. "Wir wollen erschwinglich sein", sagt Siedentopp. Die Hoffnung ist, dass das Bio-T-Shirt bald genauso selbstverständlich in den Einkaufskörben landet wie die Bio-Banane. "Ich glaube, es ist einiges gewonnen, wenn viele Leute es ein Stückchen besser machen", sagt Henning Siedentopp.

Die wichtigsten Textil-Siegel im Überblick

  • Fairtrade-Siegel: Das Siegel gibt Aufschluss über die Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den Baumwollplantagen. Es reflektiert allerdings nicht die Weiterverarbeitungsstufen (Spinnerei, Weberei und Konfektion). Hier werden zwar Nachweise verlangt, aber nicht überprüft.
  • Fair Wear Foundation (FWF): Die Fair Wear Foundation überprüft die einzelnen Produktionsschritte des jeweiligen Unternehmens auf ihre sozialen Standards. Es wird nicht nur ein Produkt, sondern das gesamte Unternehmen auf nachhaltige Herstellungsbedingungen überprüft. Die FWF hat eigene Richtlinien zu menschenwürdigen Arbeitsbedingungen formuliert. Über 120 Marken von 80 Unternehmen, darunter hess natur, Jack Wolfsskin und Nudie Jeans, tragen das Siegel. Mitgliedsunternehmen haben einige Jahre Zeit, um den Kodex umzusetzen, der als der anspruchsvollste in der Branche gilt.
  • Global Organic Textil Standard (GOTS): Das Siegel wird vom Internationalen Verband der Naturtextilgesellschaft vergeben und beschreibt den Einsatz von bio-zertifizierten Naturfasern. Dabei werden zwei verschiedene Stufen unterschieden - bei der einen werden 95 Prozent, bei der anderen 70 Prozent der Kleidung aus biozertifizierten Naturfasern hergestellt. Der Kodex sieht auch Sozialstandards vor, die Zahlung von existenzsichernden Löhnen wird gefordert, ist aber nicht eindeutig verpflichtend.

 

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