Stand: 07.03.2016 19:14 Uhr

Glyphosat: "Mit Argumenten gegen Emotionen"

von Hjordis Paulsen
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Landvolk-Geschäftsführer Böse hält den Bericht des Umweltinstituts für "Panikmache".

Glyphosat im Bier: Diese Meldung hat vor Kurzem bundesweit für ordentlich Aufregung gesorgt. Das Herbizid Glyphosat sei "krebserregend und erbgutschädigend", heißt es in einem entsprechenden Bericht des Umweltinstituts München. Doch die Braugerste-Bauern im Landkreis Gifhorn wollen diese "Panikmache" nicht so einfach auf sich sitzen lassen: Die Ergebnisse des Umweltinstituts seien "alles andere als unabhängig oder gar objektiv", sagt der Geschäftsführer des Landvolks Gifhorn, Klaus-Dieter Böse. "Dieser eingetragene Verein hat den Namen 'Umweltinstitut München'. Wenn man sich jetzt auf der Homepage mal dessen Ziele anschaut, erkennt man, dass sich der Verein unter anderem für gentechnikfreies Essen und ökologischen Landbau einsetzt." Seiner Meinung nach will der Verein in der Bevölkerung Ängste schüren, um das im Bundestag diskutierte Glyphosat-Verbot durchzusetzen.

"Hausverbot auf Hopfenfeldern"

Im Bericht des Umweltinstitus heißt es, der Unkrautvernichter werde in großen Mengen auf landwirtschaftliche Flächen gesprüht und reichere sich im Boden an. Dies führe unweigerlich dazu, dass Glyphosat in unsere Lebensmittel gelange. Kritiker verlangen deshalb das sofortige Verbot des Herbizids. Dabei habe das Unkrautvernichtungsmittel gerade auf Braugerste- und Hopfenfeldern Hausverbot, so Böse: "Das passt überhaupt nicht zusammen. Glyphosat wirkt keimhemmend auf diese Pflanzen. Das Keimen ist aber absolut erforderlich, um eine gute Bierqualität zu erhalten", sagt der Landvolk-Geschäftsführer.

Bis kurz vor der Aussaat ist der Einsatz erlaubt

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Sophia Guttenberger, die beim Münchener Umweltinstitut als Referentin für Gentechnik in der Landwirtschaft arbeitet, bestätigt das. Sie sagt aber auch, dass Glyphosat dennoch ins Bier gelangen kann - denn: "Die Stoppelbehandlung und der Einsatz des Mittels nach der Ernte beziehungsweise bis kurz vor der Aussaat sind erlaubt." Desweiteren sei eine Verunreinigung des Bieres durch die sogenannte Abdrift zu erklären. Dabei gelangt Pflanzenschutzmittel von einer behandelten Fläche zum Beispiel durch Wind auf Flächen, die eigentlich nicht behandelt wurden. "Sowohl Roland Solecki vom Bundesinstitut für Risikobewertung als auch Walter König vom Bayerischen Brauerbund halten die gefundenen Glyphosat-Mengen im Bier für plausibel und nicht überraschend", so Guttenberger.

Brauer hält Methoden für fragwürdig

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Die bei der Studie angewandten Methoden seien fragwürdig, sagt Schulz-Hausbrandt von der Wittinger Privatbrauerei.

Die Region rund um Gifhorn gilt als Braugerste-Hochburg: Mehr als ein Fünftel der dortigen Getreidefläche wird zum Anbau von Braugerste genutzt. Auch die Wittinger Privatbrauerei bezieht ihre Braugerste unter anderem aus dem Landkreis Gifhorn. Deren geschäftsführender Gesellschafter zweifelt - ebenso wie das Landvolk - an den Ergebnissen des Umweltinstituts. Außerdem beurteilt Christian Schulz-Hausbrandt die Forschungsmethoden als fragwürdig: "Für die Studie wurden im Supermarkt einzelne Flaschen gekauft, statistisch ist so was gar nicht abgesichert. Dann sind verschiedene Methoden angewendet worden, von denen zumindest Teile nicht für Bier zugelassen sind, sondern nur für Wasseranalysen." Man müsse die Studie des Umweltinstituts also relativieren.

Umweltinstitut: BfR-Bwertung "unverantwortlich"

Nach Veröffentlichung des Umweltinstituts-Berichts hatte es aus dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geheißen, dass ein Erwachsender etwa 1.000 Liter Bier am Tag trinken müsste, um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen. Sophia Guttenberger weist diese Bewertung als "unverantwortlich" zurück: "Bei krebserregenden Stoffen gibt es keine Untergrenze, unter der sie ungefährlich sind. Denn jedes aufgenommene Molekül könnte die DNA schädigen und schlussendlich Krebs auslösen." Die Untersuchungen durch das Umweltinstitut hätten den Zweck gehabt, zu überprüfen, ob sich überhaupt Rückstände finden ließen. "Da wir in allen untersuchten Proben eine Belastung durch Glyphosat nachweisen konnten, gehen wir davon aus, dass auch andere Biersorten und Biermarken von einer Belastung betroffen sein könnten", so Guttenberger. "Die drei höchstbelasteten Biere ließen wir bei einem zweiten Labor quertesten. Dieses Labor verwendet eine Methode, die auch das BfR heranzieht." In einem offenen Biref hat das Umweltinstitut laut Guttenberger das BfR inzwischen aufgefordert, die Ergebnisse durch eigene Untersuchungen zu überprüfen.

Bauern: "Situation bleibt angespannt"

In der Wittinger Privatbrauerei werden die verwendeten Rohstoffe regelmäßig per Monitoring kontrolliert. Dabei seien die Werte immer weit unter den zulässigen Richtwerten geblieben, sagt Schulz-Hausbrandt. "Wir werden alles tun, um Rückstände aus dem Bier beziehungsweise aus den Rohstoffen fernzuhalten." Nach Ansicht des Brauerei-Geschäftsführer brauchen sich Biertrinker deshalb keine Sorgen zu machen. Für Klaus-Dieter Böse und die Braugerste-Bauern bleibt die Situation trotzdem angespannt: "Wir versuchen, mit Sachargumenten gegen Emotionen anzukämpfen. Das ist verdammt schwierig."

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