Stand: 23.03.2016 21:34 Uhr

Familie Schulze: Nur der Zufall kann den Fall lösen

von Kerstin Geisel

Ein rot geklinkertes Einfamilienhaus steht verlassen und wie ein Fremdkörper im Neubaugebiet von Drage im Landkreis Harburg. Die Jalousien sind heruntergelassen, der Autostellplatz ist leer, auf einer der beiden Terrassen steht ein einsamer Gartentisch. An der Haustür kleben gelbe Polizei-Siegel, davor stehen ein paar elektrische Trauerlichter. Abends leuchten sie rot. Es ist das Haus der Familie Schulze, die vor acht Monaten - zu Beginn der Sommerferien am 24. Juli 2015 - verschwand. Der 41-jährige Marco Schulze wurde eine Woche später bei Lauenburg tot in der Elbe gefunden. Von seiner 43-jährigen Frau Sylvia und der gemeinsamen zwölfjährigen Tochter Miriam fehlt bis heute jede Spur.

Drage nach dem Verschwinden der Schulzes

Noch ein Vermisster in der 4.000-Einwohner Gemeinde

Es gibt inzwischen Tage, an denen Uwe Harden, der Bürgermeister der 4.000 Einwohner zählenden Gemeinde Drage, nicht an das Verschwinden der Schulzes denkt. Aber es überfällt ihn doch immer wieder: "Wenn ich das Haus sehe, fällt es mir natürlich sofort wieder ein", sagt er. Die Einwohner der direkt an der Elbe gelegenen Gemeinde sind verunsichert. Die Suchaktionen am Elbstrand, in den Wassergräben hinterm Neubaugebiet und die vielen Fernsehteams hätten das ruhige Dorf erschüttert, sagt Elisabeth Behr, die in einer Nachbarstraße wohnt. "Vor etlichen Jahren ist hier schon mal ein junger Mann verschwunden, der im Ort sehr beliebt war." Die Polizei sieht bei den beiden Vermisstenfällen in Drage keinen Zusammenhang und spricht von Zufall.

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"Ich gehe davon aus, dass die Schulzes tot sind"

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Polizei geht von erweitertem Suizid aus

Im Fall Schulze gehen die Ermittler von einem erweiterten Suizid aus. Dieser Theorie zufolge stürzte sich der Vater in der Nacht zum 24. Juli im 35 Kilometer entfernten Lauenburg in die Elbe und ertrank. Mit gelben Gurten war an seinem Körper ein schwerer Betonklotz befestigt, weshalb die Leiche erst Tage später auftrieb. Die Polizei glaubt, dass der Vater vor seinem Suizid seine Frau und seine Tochter tötete und ihre Leichen versteckte. Und zwar so gut, dass sie bis heute nicht entdeckt wurden. Doch warum der Vater das getan haben soll, ist den Menschen in Drage schleierhaft.

Keine Hinweise auf finanzielle Probleme

Kurz vor dem Verschwinden sei etwas vorgefallen, sagt Michael Düker von der Kriminalpolizei in Buchholz/Nordheide. Er ist von der einst 25-köpfigen "Sonderkommission Schulze" der einzige Ermittler, der sich noch um den Fall kümmert. Die Ermittler hätten auch ein mögliches Motiv gefunden, über das er allerdings nicht sprechen dürfe. Nur so viel: "Es liegt im persönlichen Bereich der Familie." Hinweise darauf, dass sich Sylvia Schulze von ihrem Mann trennen wollte, gebe es aber nicht. Auch von finanziellen Sorgen der Familie hat niemand im Ort gehört. Beide Schulzes hatten feste Jobs im nahen Geesthacht - sie bei einem Discounter, er als Lagerist in einer Kunststofffabrik. Ein Reit-Urlaub, den die Tochter zu Beginn der Sommerferien mit dem Nachbarsmädchen machen wollte, war bereits bezahlt.

Die Tochter sei der Augenstern ihres Vaters gewesen, sagen viele im Ort. Dass Marco Schulze sie getötet haben soll, will ihnen nicht in den Kopf. Düker hält dagegen: "Das schließt nicht aus, dass er seine Tochter aus bestimmten Gründen umgebracht hat." Immer wieder töteten Menschen Nahestehende, die sie sehr liebten.

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Ungereimtheiten, für die es keine Erklärung gibt

In Drage und auch in verschiedenen Internet-Foren wird ein Szenario diskutiert, in dem ein unbekannter Dritter vorkommt, der die Schulzes tötete. "Das wäre eine Theorie, die könnten wir verstehen", sagt eine Nachbarin der Familie. An der Suizid-Theorie der Polizei zweifeln in Drage jedenfalls einige. So finden es manche merkwürdig, dass der Vater in Lauenburg den Tod fand - 30 Kilometer entfernt. Näherliegend wäre die Elbbrücke in Geesthacht gewesen, heißt es im Ort. Merkwürdig sei auch, dass die Leiche Arbeitshandschuhe trug, die teils verkehrt übergestülpt gewesen seien. Diese Ungereimtheit weist auch Polizist Düker nicht von sich. Aber es gebe eben auch keinerlei Hinweise auf Fremdverschulden. "Für uns liegt dort definitiv ein Suizid vor."

"Leichen werden zufällig gefunden"

Manche hoffen, dass Mutter und Tochter noch am Leben sind. Aber alle Pässe lagen noch im Haus, die Flughäfen wurden kontrolliert. Und der Ermittler gibt zu bedenken: Mit einem Kind, das viel mit dem Smartphone kommuniziert habe, sei es kaum denkbar, dass es nicht wieder anfängt zu kommunizieren." Düker geht davon aus, dass Mutter und Tochter tot sind. Dass die Leichen im Seppenser Mühlenteich bei Buchholz in der Nordheide liegen, wo die Familie noch am Tag ihres Verschwindens gesehen wurde, glaubt er nicht. Dort sei gründlich genug gesucht worden. Er denkt eher an eine Stelle irgendwo im Wald oder an die Elbe. "Ich hoffe und glaube auch, dass wir sie irgendwann finden werden. Aber eher durch einen Zufall und nicht durch eine gezielte Suchmaßnahme."

Fall wird neu aufgerollt, werden Leichen gefunden

Dann hofft er, den Fall auch lösen zu können. Es würden Spuren gesichert und geprüft, ob vielleicht doch eine dritte Person die beiden umgebracht hat. "Auch wenn wir jetzt eine andere Arbeitshypothese haben, werden wir das ganz genau ermitteln", versichert Düker. Zurzeit ist er hauptsächlich mit anderen Fällen beschäftigt. Hinweise zu den Schulzes gehen acht Monate nach ihrem Verschwinden kaum noch ein. Aber das Schicksal der Familie aus Drage lässt ihn gedanklich nicht los. Es sei einer der rätselhaftesten Fälle seiner fast 40-jährigen Karriere.

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NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 24.03.2016 | 17:00 Uhr