Stand: 08.03.2016 11:37 Uhr

Munsteraner Wolf entzieht sich der Vergrämung

von Ulrike Kressel
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Wolfsexperte Jens Karlsson aus Schweden hat den auffälligen Munsteraner Wolf gefunden.

Drei Tage lang haben der schwedische Wolfsexperte Jens Karlsson vom "Swedish Wildlife Damage Centre" in Grismö und Mitarbeiter des niedersächsischen Umweltministeriums versucht, dem verhaltensauffälligen Wolf aus Munster im Heidekreis auf die Spur zu kommen. "Das Tier wurde aufgefunden und an zwei aufeinanderfolgenden Tagen hat es insgesamt acht Begegnungen mit dem Wolf gegeben", sagte Umweltminister Stephan Wenzel (Grüne) am Montagabend auf einer Pressekonferenz in Reinsehlen bei Schneverdingen. Gemeinsam mit dem Wolfsforscher aus Schweden informierte Wenzel über erste Ergebnisse der Aktion. Das Umweltministerium hatte Karlsson damit beauftragt, den zutraulichen Wolf mit dem wissenschaftlichen Namen "MT6" zu vergrämen - mit dem Ziel, dem Wolf wieder Scheu vor Menschen beizubringen.

Umweltminister Stefan Wenzel, Grüne © NDR

"Der Wolf hat ein anderes Verhalten gezeigt"

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) zieht Bilanz aus dem Versuch, den Wolf "MT 6" aus seinem Revier bei Munster zu vergrämen. Das Tier verhielt sich anders als erwartet.

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Wolf zeigt sich überraschend scheu

Ursprünglich, so Wenzel, sollte der Wolf durch negative Reize wie Licht, Lärm oder Gummimunition verschreckt werden. Doch der knapp zweijährige Wolfsrüde ließ den schwedischen Experten kaum an sich heran. "Das Tier hat sich schon auf einer sehr großen Distanz entfernt", so Wenzel. Teilweise sei es nicht möglich gewesen, näher als 200 Meter an den Wolf heranzukommen. Wolf "MT6" habe sich von einer ganz anderen Seite gezeigt, als in den Tagen zuvor, sagte der Minister. Und bezog sich damit auf Situationen, in denen sich der Wolf bis auf wenige Meter an Menschen herangewagt hatte. Um den Wolf zum Beispiel mit Gummimunition beschießen zu können, hätte sich der schwedische Experte dem Tier bis auf 30 Meter nähern müssen. Doch so nah sei keiner herangekommen. Der Wolf sei jedes Mal ausgewichen, habe die Nähe des Menschen überhaupt nicht gesucht und sich kilometerweit entfernt.

Chronologie: Der Wolf in Niedersachsen (ab 2015)

Schwede testete das Verhalten des Wolfes

Karlsson berichtete, dass er unter anderem versucht habe, das Verhalten des Wolfes zu testen. Er wollte herausfinden, wie der Wolf reagiert, wenn ein Mensch mit einem Hund im Wald spazieren geht. Eine Situation, wie sie sich schon einmal zugetragen hat. Der Wolf habe keinen Kontakt zu Menschen und Hunden gesucht, weder im Wald noch auf der freien Fläche, sagte Karlsson. Das Tier sei scheu gewesen und dem Menschen aus dem Weg gegangen. "Ganz so, wie es eben normal ist für einen Wolf in der freien Natur", so der Schwede.

Gründe für Zutraulichkeit unklar

Wölfe erfolgreich zu vergrämen, so Karlsson, funktioniere nur, wenn herausgefunden werde, was die Ursache für das unerwünschte Verhalten sei. Dazu gehöre beispielsweise zu ergründen, warum ein Wolf die Nähe zu Menschen oder deren Siedlungen sucht und was für den Wolf an der Nähe zu Menschen so attraktiv ist. Das könne Nahrung sein, genauso aber auch eine läufige Hündin, die als potenzieller Partner für den Wolf infrage käme. Würden Wölfe dann aus solchen Situationen heraus negativ konditioniert werden, könnten die Tiere erfolgreich auf Abstand gehalten werden, so Karlsson. Bei Wölfen hingegen, die sich Menschen immer wieder bis auf wenige Meter näherten, sei eine Vergrämung wenig erfolgreich. Erfahrungen in Schweden hätten gezeigt, dass in solchen Fällen die Erfolgsquote unter 30 Prozent liegt. Den Wolf aus Munster hält Karlsson hingegen nicht für gefährlich - zumindest nach den Beobachtungen aus den vergangenen drei Tagen.

Gefährlich oder nicht? "MT6" bleibt weiter unter Beobachtung

Warum sich der Wolf ausgerechnet jetzt ganz anders verhalten habe, dafür gebe es keine eindeutige Erklärung. Es mag damit zusammenhängen, so Wenzel, dass der Wolf mit einem Partner oder einer Partnerin unterwegs gewesen und deshalb die Fluchtdistanz ganz anders gewesen sei. "Bei Paarbildung kann das Verhalten des einen Tieres unter Umständen auf das andere abfärben", so Wenzel. Damit stellt sich die Frage: Verhält sich "MT6" nur dann auffällig, wenn er alleine - ohne Partner - unterwegs ist? Ist er nun gefährlich oder nicht - und wenn ja: unter welchen Bedingungen? Und wenn nein: unter welchen Bedingungen? Ein Grund mehr zu ergründen, warum "MT6" so ist, wie er ist. Das Umweltministerium kommt somit nicht umhin, sich der Frage zu stellen, wer oder was in der entscheidenden Prägephase im Welpenalter Einfluss auf das Verhalten des Wolfes hatte.

Entnahme oder Abschuss noch nicht endgültig vom Tisch

Wenzel hofft zunächst, dass die Aktion mit dem schwedischen Experten dennoch erfolgreich war. Der hat für die Beratung übrigens nicht mal ein Honorar genommen, nur die Reisekosten werden vom Ministerium erstattet. Der Wolf bleibt laut Wenzel trotzdem weiterhin unter intensiver Beobachtung, kündigte der Minister an. In einem weiteren Schritt müsse nun ausgewertet werden, was die drei Tage gebracht hätten. Wenzel will dazu auch die Beratungsstelle des Bundes nach weiteren Empfehlungen befragen. "Ich hoffe, dass die Maßnahme wirkt", sagte Wenzel. "Gegebenenfalls werden wir den schwedischen Experten Jens Karlsson bitten, ein zweites Mal zu kommen." Wenzel machte aber auch deutlich, dass ein Einfangen des Wolfes mit anschließender Unterbringung in einer Auffangstation ebenso wenig vom Tisch sei wie ein möglicher Abschuss.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 08.03.2016 | 08:00 Uhr