Stand: 22.01.2016 15:42 Uhr

Die mit den Wölfen arbeiten

von Ulrike Kressel

Die Bezeichnung "Wolfsberater" sei eigentlich etwas irreführend, sagt Siegfried Kenner. "Wir beraten keine Wölfe, sondern Menschen", sagt Kenner, der eben selbst Wolfsberater und zudem Hotelbetreiber im Landkreis Lüchow-Dannenberg ist. Er ist einer von rund 120 Wolfsberatern in Niedersachsen. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen soll er die rund 70 Wölfe, die mittlerweile durch Niedersachsen streifen, im Blick behalten. Auffälligkeiten melden, Spuren suchen, die Bevölkerung informieren - in Wolfs-Laune halten. Wolfsberater wie Kenner engagieren sich ehrenamtlich, sind vom Niedersächsischen Umweltministerium zum Wolfsberater ernannt worden.

Chronologie: Der Wolf in Niedersachsen (ab 2015)

"Wolfsberater kann jeder werden ...

..., sagt Peter Burkhardt, von Beruf Journalist und ebenfalls Wolfsberater im Landkreis Lüchow-Dannenberg. "Das Ehrenamt basiert auf dem Interesse, sich für Wölfe einsetzen zu wollen", sagt Burkhardt. Bewerben können sich Interessierte beim NLWKN - dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz und bei der Landesjägerschaft, so Nicola Georgy, Biologin und Mitarbeiterin im Wolfsbüro in Hannover. Erwartet werde ein "starker Bezug zur Natur" und die Bereitschaft, sich Kenntnisse zum Thema "Wolf" anzueignen .

In drei Tagen zum Wolfsberater

Für den Start in das Ehrenamt ist eine dreitägige Basisschulung verpflichtend. Dabei wird viel Theoretisches vermittelt. Über die Lebensweise der Wölfe, wie ein Wolfsriss begutachtet wird, welche Dokumente auszufüllen sind, wie Proben genommen und Spuren gesichert werden. An Tierkadavern können die zukünftigen Wolfsberater ihr Wissen testen. Eine Exkursion in ein Wolfsgebiet rundet die Schulung ab.

 "Jeder macht das, was er kann und will ..."

Hotelier Siegfried Kenner bietet "Wolfsführungen" in der Göhrde an, informiert über die Verbreitung des Wolfes in der Region, und hält Vorträge. "Die Menschen müssen lernen, mit Wölfen zu leben - dazu müssen sie beraten und informiert werden", sagt Kenner. Wenn er draußen im Wald unterwegs ist, sucht er nach Spuren, die auf Wölfe hindeuten. Er sammelt Kotproben und schickt sie zur Auswertung an die Landesjägerschaft. Die ist für das Monitoring zuständig. Was fehle, sei ein umfassendes Konzept, sagt Kenner. Er habe den Eindruck, dass die verantwortlichen Behörden wenig Wert auf flächendeckende Daten legen - aktuell entscheide jeder Wolfsberater, was er einbringen kann und will. Dabei seien kontinuierlich gesammelte Daten das A und O im Wolfsmanagement, um beispielsweise Auffälligkeiten von Wölfen überhaupt beurteilen zu können, so der Wolfsberater. In Regionen mit Weidetierhaltung geben Wolfsberater Tipps zum Schutz vor Wölfen, helfen dabei, Anträge auf Präventionsleistungen oder sogenannte Billigkeitsleistungen - also Entschädigungen - auszufüllen.

Ein Verhaltenskodex regelt die Aufgabenbereiche 

Wolfsberater sind diejenigen, die als Erste gerufen werden, wenn der Wolf für Negativ-Schlagzeilen sorgt. Zum Beispiel, wenn Schafe verendet auf der Weide liegen oder sich Wölfe Menschen genähert haben. Grundsätzlich gelte, so Nicola Georgy vom Wolfsbüro: Die Wolfsberater sollen die Vorfälle melden, sich neutral und sachlich verhalten. Das Umweltministerium erwarte, dass sich Wolfsberater in Zurückhaltung üben, keine abschließenden Bewertungen abgeben. Ein sogenannter Verhaltenskodex regele, wie sich Wolfsberater zu verhalten haben, was von ihnen erwartet werde, wo deren Grenzen liegen, erklärt Umwelt-Staatssekretärin Almut Kottwitz. Um das für alle verbindlich zu regeln, bereite das Umweltministerium ein Papier vor, dass von beiden Seiten unterschrieben werden soll. Bei 120 Wolfsberatern könne es allerdings schon einmal passieren, dass der eine oder andere Wolfsberater seine Kompetenzen überschreite, über das Ziel hinausschieße - da werde dann das Gespräch gesucht, so Kottwitz.

Keine Rückendeckung vom Ministerium

Vom Umweltministerium hingegen erwartet Wolfsberater und Forstingenieur Theo Grüntjens, dass rascher auf  Ereignisse reagiert werde. Grüntjens bezieht sich damit auf den jüngsten Vorfall in Gartow im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Nachdem die Mitteilung des zuständigen Wolfsberaters über eine vermeintliche Wolf-Mensch Begegnung zwölf Tage unbearbeitet bei der Landesjägerschaft in der Schublade gelegen hatte, weitere sieben Tage vom Umweltministerium unkommentiert geblieben war, geriet Wolfsberater Peter Burkhardt in die Schusslinie der Öffentlichkeit. Ihm wurde gedroht, er wurde beschimpft, seine Glaubwürdigkeit als Wolfsberater angezweifelt. Rückendeckung für das "Ehrenamt Wolfsberater" scheint es von den verantwortlichen Behörden und dem Ministerium für die Mitarbeiter an vorderster Front nicht zu geben. So zumindest ist das Stimmungsbild unter einigen Wolfsberatern.

Sechs Wolfsberater im Steckbrief