Stand: 17.07.2015 14:49 Uhr

Nebenkläger fordern Revision am BGH

Vier Jahre Haft - so lautet das Urteil des Landgerichts Lüneburg im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning. Den Nebenklägern ist das zu wenig: Sie haben Revision beantragt und wollen den Fall nun vor den Bundesgerichtshof bringen. Das bestätigte eine Sprecherin des Landgerichts am Freitag. Den Antrag auf Revision soll ein Anwalt aus Berlin eingereicht haben, der eine Gruppe von US-amerikanischen Auschwitz-Überlebenden vertritt. Während des Prozesses hatte der Anwalt beantragt, dass Gröning nicht wegen Beihilfe, sondern wegen Mittäterschaft am Massenmord angeklagt werden sollte. Das hatte das Landgericht jedoch abgelehnt und verurteilte den heute 94-Jährigen am Mittwoch wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Überlebende von Urteil enttäuscht

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Für ihre Entscheidung, Oskar Gröning (r.) zu vergeben, handelte sich Eva Kor (l.) viel Kritik ein. (Archivbild)

Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor, die Gröning im Prozess mit einer vielbeachteten Geste vergeben hatte, zeigte sich bereits nach der Urteilsverkündung am Mittwoch alles andere als zufrieden. "Es ist zu spät für diese Art von Urteil", sagte sie in Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana. "Warum haben die Juristen das nicht schon vor 20 Jahren getan?" Kor sagte, ihr wäre es lieber gewesen, wenn man Gröning zu Sozialdienst verurteilt hätte, um gegen Neo-Nazis zu sprechen. "Das Gericht soll mir, einer Überlebenden, beweisen, wie vier Jahre Gefängnis irgendjemandem nutzen." Die 81-Jährige hatte in dem Prozess vor dem Landgericht Lüneburg als Zeugin ausgesagt und öffentlich erklärt, dass sie Gröning vergeben habe. Dafür war sie von anderen Überlebenden scharf kritisiert worden.

Gröning muss vermutlich Hunderttausende zahlen

Nach dem Schuldspruch kommt voraussichtlich auch eine erhebliche finanzielle Belastungen auf Gröning zu. Er muss die gesamten Verfahrenskosten übernehmen. Wie Gerichtssprecherin Frauke Albers auf Anfrage von NDR.de mitteilte, dürften diese bei "mehreren Hunderttausend Euro" liegen. "Die genaue Summe lässt sich derzeit noch nicht ermitteln, da vieles noch nicht abgerechnet wurde", sagte Albers. Ihren Angaben zufolge betragen allein die Anwaltsgebühren rund 120.000 Euro - Spesen noch nicht eingerechnet. Weitere große Posten sind die Kosten für die Dolmetscher von rund 75.000 Euro plus Spesen und die Miete für die Ritterakademie, wo der Prozess stattfand, von knapp 65.000 Euro. Dazu kommen noch die Gebühren für Sachverständige von mehreren Tausend Euro und die Reisekosten für die 14 Zeugen. Letztgenannter Punkt dürfte laut Albers nicht unerheblich sein, da die Mehrzahl der Zeugen aus den USA und Kanada angereist war.

Beihilfe zum Mord in mehr als 300.000 Fällen

Der 94-jährige Angeklagte hatte am Mittwochmorgen das Urteil der Lüneburger Richter äußerlich gelassen hingenommen und kaum eine Miene verzogen. Der Vorsitzende Richter sagte in seiner Urteilsbegründung, dass Grönings Entscheidung für den Dienst in Auschwitz "sicherlich aus der Zeit heraus bedingt, aber nicht unfrei" gewesen sei. Dem damaligen SS-Mann sei es lieber gewesen, dort zu sein als an der Front. "Ich will Sie hier nicht als feige bezeichnen, Herr Gröning, aber Sie haben sich hier für den sicheren Schreibtischjob entschieden." Im Zuge der sogenannten Ungarn-Aktion soll der Angeklagte im Frühjahr 1944 Spuren der Massentötung an ungarischen Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verwischt haben. Mit einem Strafmaß von vier Jahren Haft ging die Kammer sogar noch über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus.

Erste Anklage bereits 1978

Die Anklage hatte auf dreieinhalb Jahre Haft plädiert, von denen bis zu 22 Monate als verbüßt angesehen werden sollten, weil eine Verurteilung schon vor Jahrzehnten möglich gewesen wäre. "Das Gericht ist uns hier nicht gefolgt", sagte Kathrin Söfker von der Staatsanwaltschaft NDR.de. "Niemand muss Jahrzehnte auf sein Verfahren warten." Gröning war bereits Ende der 1970er-Jahre angeklagt worden, das Verfahren wurde im Jahr 1985 eingestellt. Die Anwälte der Nebenklage wollten im Vorfeld eine höhere Strafe als die von der Staatsanwaltschaft geforderten dreieinhalb Jahre, hatten aber kein eigenes Strafmaß angegeben.

Auschwitz-Prozess endet mit Schuldspruch

Moralisches Schuldeingeständnis zu Prozessbeginn

In seinem Schlusswort am Dienstag sagte der Angeklagte: "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte, hat Professor Nestler (Vertreter der Nebenklage, d. Red.) hier gesagt. Ich bereue aufrichtig, dass ich diese Erkenntnis nicht viel früher und konsequenter umgesetzt habe." Bereits zu Prozessbeginn hatte Gröning eine moralische Mitschuld eingeräumt. Außerdem gab er vor Gericht zu, in Auschwitz Geld aus dem Gepäck von Juden genommen und an das Wirtschaftsverwaltungshauptamt der Schutzstaffel (SS) in Berlin weitergeleitet zu haben. Später ließ er in einer Mitteilung erklären, dass durch seine Tätigkeit das "System Auschwitz" habe funktionieren können. Eine direkte Beteiligung an den Morden stritt er allerdings ab.

Wichtige Zitate aus dem Prozess

  • Der Angeklagte Oskar Gröning

    "Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe."

  • Gröning über seine damalige Denkweise

    "Wenn die Juden unsere Feinde sind, ist es Teil des Krieges, dass sie erschossen werden."

  • Gröning über seine Erlebnisse

    "Ein SS-Rottenführer nahm das Baby, schlug das Baby gegen einen Lkw und das Schreien hörte auf."

  • Gröning zum Verbleib der Ermordeten

    "Man rühmte sich, dass man in 24 Stunden 5.000 Tote versorgen könnte."

  • Gröning zur Frage, ob die Vernichtung der Juden richtig gewesen sei

    "Das ist heute natürlich anders zu beantworten als damals. Da bin ich jetzt ganz anderer Meinung als damals."

  • Der Auschwitz-Überlebende Max Eisen

    "Es war ein furchtbarer Geruch in der Luft, wie verbranntes Fleisch."

  • Gröning zur Aussage des Zeugen Eisen

    "Nein, nicht übertrieben."

  • Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor, die Gröning später die Hand reicht

    "Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei."

  • Die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi

    "Es geht mir nicht um die Strafe, es geht mir um das Urteil, die Stellungnahme der Gesellschaft."

  • Die Auschwitz-Überlebende Hedy Bohm

    "Vielleicht kann Gott vergeben, ich kann es nicht."

  • Die Auschwitz-Überlebende Kathleen Zahavi

    "Herr Gröning, Sie haben gesagt, dass Sie moralisch verantwortlich sind. Das ist nicht genug."

  • Die Auschwitz-Überlebende Irene Weiss

    "Wenn wir nachts draußen arbeiteten, sahen wir das Feuer der Schornsteine und die Schreie und Gebete waren so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt."

  • Staatsanwalt Jens Lehmann in seinem Plädoyer

    "Wir sind hier mit einem Geschehen konfrontiert, das an die Grenzen menschlichen Verstehens geht."

  • Nebenkläger-Vertreter Cornelius Nestler in seinem Plädoyer

    "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Herr Gröning hat mitgemacht, und deswegen wird er wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt werden. Viel zu spät, aber nicht zu spät."

  • Nebenkläger-Anwalt Christoph Rückel

    "Die Opfer haben wieder Gesichter bekommen."

  • Nebenkläger-Anwalt Markus Goldbach zu Gröning

    "Sie haben nicht wie Tausende andere geschwiegen."

  • Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther nach der Urteilsbegründung

    "Es ist wirklich eine Erfüllung von juristischen Träumen."

  • Der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum

    "Vergeben kann ich ihm nicht. Vielleicht war er es, der meiner Mutter den Ring vom Finger gezogen hat, als sie aus dem Waggon getrieben wurde."

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Positive Reaktion vom Zentralrat und aus Israel

Die Nebenkläger und der Zentralrat der Juden in Deutschland sowie die jüdische Gemeinde in Niedersachsen haben den Schuldspruch begrüßt. "Das war sehr wichtig, weil damit ein NS-Täter zur Rechenschaft gezogen wurde", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster in Berlin. Auch das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem teilte mit, dass "dieser Fall sehr, sehr wichtig für uns" ist. Der Schuldspruch für Gröning sei "wohlverdient". "Wir hoffen, dass dies die deutschen Behörden ermutigen wird, weitere Fälle zu verfolgen", sagte Leiter Efraim Zuroff. Er habe bei seiner Arbeit viele Enttäuschungen erlebt.

Kommentar

Urteil wird Justizgeschichte schreiben

15.07.2015 18:40 Uhr
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