Stand: 01.02.2016 16:21 Uhr

Einsturzgefährdetes Fachwerkhaus muss bis Freitag durchhalten

von Ina Kast

Der Bagger steht schon bereit an der Egersdorffstraße in Lüneburg. Denn eigentlich sollten dort am Montag die Abbrucharbeiten an einem akut einsturzgefährdeten Haus beginnen. Bis auf die Kellerdecke hätte alles abgerissen werden sollen. Die Stadt Lüneburg hatte einem aufwendigen Abrisskonzept zugestimmt. Doch die beiden Baggerfahrer kamen vergeblich: Bevor es zum kontrollierten Abbruch des Hauses kommt, will die Stadt Mitte der Woche sogenannte Peilbrunnen in den Keller einsetzen. Damit sollen der Grundwasserstand und die Fließrichtung des Wassers festgestellt werden. "Wenn sich die Grundwasserstände verändern, verändern sich auch die Bedingungen für die Nachbargebäude", erklärt Statiker Herbert Böller. Es könne zu Regressansprüchen kommen, dagegen wolle sich die Stadt Lüneburg absichern.

Ein einsturzgefährdetes Haus in Lüneburg.

Lüneburg: Haus-Abriss wird verschoben

Hallo Niedersachsen -

In Lüneburg sollte ein einsturzgefährdetes Haus abgerissen werden. Doch die Aktion musste verschoben werden. Die Stadt besteht darauf, dass das Grundwasser kontrolliert werden muss.

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Keller wird trümmersicher gemacht

Der Bagger konnte also am Montag noch nicht loslegen, dennoch waren einige Handwerker im Keller des Gebäudes aktiv. "Sie haben die Kellerdecke mit Holzbalken trümmersicher gemacht", erklärt Böller. Ein Risiko, schließlich könne es jederzeit zum Einsturz kommen, so der Statiker. Das historische Gebäude aus dem Jahr 1835 steht wie viele andere Häuser in der Lüneburger Altstadt auf einem Salzstock. "Das Salz wird durch das Grundwasser ausgespült, wodurch Hohlräume und in der Folge Absackungen des Erdreichs entstehen", sagt Böller. Das betroffene Haus befinde sich auf einer losen breiigen Schicht, die durch das Gewicht des Gebäudes zusammengedrückt wird. "Die Grundwasserbewegungen unterspülen das Gebäude, Feinteile im Baugrund werden weggespült, dadurch sackt das Gebäude ab", so der 75-Jährige weiter.

Verkehr als Risiko

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"Juristisch dürfte hier kein Mensch reingehen"

Statiker Herbert Böller sieht keinen Ausweg: Das Haus von Onur Cetin in Lüneburgs Egersdorffstraße muss abgerissen werden. So einen Bauzustand hätte er noch nicht gesehen. Video (01:34 min)

Ursprünglich hatte Böller den Auftrag erhalten, das Gebäude zu sanieren. Doch das Haus ist nicht mehr zu retten, wie er selbst sagt. Einen solchen Fall habe er in seiner 50-jährigen Berufslaufbahn noch nie erlebt: "So einen desolaten Bauzustand habe ich bisher noch nicht gesehen." Dass das Gebäude bis jetzt noch nicht in sich zusammengefallen ist, liege vor allem an der ursprünglichen Fachwerk-Konstruktion. "Die Verzahnung ineinander erhöht die Stabilität erheblich." Trotzdem könne es jederzeit zu einem Einsturz kommen. Sorge bereiten Böller unter anderem die Erschütterungen, die durch vorbeifahrende Autos verursacht werden. "Leider scheint es nicht möglich zu sein, den Verkehr anderweitig umzuleiten", sagt der Statiker. Vor allem Lkw und Busse vergrößern das Risiko, dass das Haus durch die Erschütterung einstürzt.

Und jetzt? Einsturz oder behutsamer Abriss

Eigentümer Onur Cetin hat seit  Wochen keinen ruhigen Tag, steht mit dem Lüneburger Stadtbauamt in Dauerkontakt. "Hier ändert sich gefühlt jede Stunde etwas", sagt Cetin. Als er das Grundstück samt Gebäude im vergangenen September gemeinsam mit einem Partner erworben hatte, hätte er nicht für möglich gehalten, dass das große Fachwerkhaus nicht mehr zu retten ist. "Eigentlich war die Bedingung der Stadt, dass wir das denkmalgeschützte Gebäude kernsanieren." 500.000 Euro wollte Cetin dafür investieren. "Die Karten müssen nun neu gemischt werden", erklärt auch Statiker Böller. Diverse Gutachten, unter anderem eines zum Holzschutz, dazu die Entkernungsarbeiten - das habe alles viel Geld gekostet. Wieviel genau, kann Böller nicht sagen, schätzt die Kosten aber auf rund 80.000 Euro. Der Statiker hofft nun, dass die Peilbrunnen im Laufe der Woche eingesetzt sind. Dann könne der kontrollierte, behutsame Abbruch des Gebäudes am Freitag beginnen.

Abriss in der Egersdorffstraße steht bevor

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 01.02.2016 | 17:00 Uhr