Stand: 23.03.2017 15:29 Uhr

40 Jahre Widerstand haben Geschichte geschrieben

von Dirk Drazewski
Atomkraftgegnerin Marianne von Alemann kann bei der Feier zum 40-jährigen Bestehen der Bürgerinitiative nicht dabei sein, die 88-jährige ist zu schwach.

Am 22. Februar 1977 gab Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht bekannt, dass in Gorleben ein "Nukleares Entsorgungszentrum" entstehen soll. Gorleben, eine Gemeinde am äußersten Ende Niedersachsens, direkt angrenzend an die DDR, in einer strukturschwachen Region mit wenigen Einwohnern. Mit nennenswerten Protesten, mit Diskussionen und Widerstand, hatte die Staatskanzlei in der landwirtschaftlich geprägten Region wohl nicht gerechnet. Es kam ganz anders ...

Regale voller Aktendeckel

Kurze Zeit später, Anfang März, gründete sich die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Zu den ersten Mitgliedern der noch jungen Bürgerinitiative gehörten auch die heutige Europaabgeordnete Rebecca Harms (Grüne), der Hamburger Rechtsanwalt Wolf Römmig und Marianne von Alemann. "Wir haben Geschichte geschrieben", sagt Wolfgang Ehmke, heute Sprecher der Atomkraftgegner im Wendland. Geschichte, die mittlerweile im eigens gegründeten Gorleben-Archiv aufbewahrt wird. Wie in einer Bibliothek stehen dort Regale voller Akten. Marianne Fritzen, eine der Gründerinnen der Bürgerinitiative, sammelte alle Dokumente. 2016, im Alter von 91 Jahren, ist sie gestorben.

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08:51

40 Jahre Widerstand gegen Gorleben

19.02.2017 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

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Gründung findet in der Zeitung keine Erwähnung

Im Gorleben-Archiv arbeitet Birgit Huneke, sie war 1996/97 Vorsitzende der Bürgerinitiative. Ein Amt, welches in der 40-jährigen Geschichte der Bürgerinitiative meist von Frauen besetzt wurde, erzählt sie. Hunecke blättert durch vergilbtes Papier. Teils sind es nur dünne Durchschläge aus Pergament, einige der Seiten, die mit Schreibmaschinen beschrieben wurden, sind sogar noch in altdeutscher Schrift verfasst. Die Zeitung habe über die Gründung der Bürgerinitiative am 2. März 1977 nicht berichtet, sagt Huneke, nur über das geplante sogenannte Entsorgungszentrum. Sie blättert weiter in den Zeitungsausschnitten: In einer Werbeanzeige ruft die neue Bürgerinitiative zur Demo in Gorleben auf.

20.000 Atomkraftgegner versammeln sich in Gorleben

Eine Woche später versammelten sich 20.000 Atomkraftgegner in Gorleben, um gegen das nukleare Entsorgungszentrum zu protestieren. Seitdem war die Bürgerinitiative regelmäßig in der Lokalzeitung präsent. Die BI wuchs rasant, davon zeugen die Mitgliederlisten im Archiv. Bereits in den ersten Wochen zählte sie mehrere Hundert Mitglieder.

Coladosen und Gasmasken im Freien Wendland

"Mit Hunden vom Hof gejagt"

Während die Mitglieder der ersten Stunde Harms und Römmig am Wochenende bei einer Feier in den Trebeler Bauernstuben an die Anfänge der BI erinnern, wird Atomkraftgegnerin Marianna von Alemann nicht dabei sein können. Die mittlerweile 88-jährige Dame ist zu schwach und kann auch mithilfe des Rollators nur wenige Schritte gehen. Doch die Erinnerung ist präsent. Mit leuchtenden, strahlenden Augen erzählt von Alemann über die Anfänge der Bewegung. Wie sie Flugblätter in den Dörfern verteilte, wie das Thema Gorleben die Menschen entzweite und sich teils sogar Familien überwarfen: Befürworter und Gegner des Atommüll-Endlagers unter einem Dach. 

In ihrem Nachbardorf sei sie mit Hunden vom Hof gejagt worden, erzählt sie. Viel Überzeugungsarbeit sei nötig gewesen, vor allem bei den Landwirten. "Wir haben viel gelesen, uns schlau gemacht und unser Wissen mit anderen geteilt", sagt die Seniorin. Sie ist zufrieden und lächelt, erinnert sich, wie sich die ersten Landwirte der Bürgerinitiative anschlossen. Viele seien mit ihren Treckern zur Demo gefahren. Im selben Jahr gründete sich auch die Bäuerliche Notgemeinschaft. Bei Versammlungen in ihrem alten Bauernhaus im Lemgow sei oft das ganze Dorf zugeparkt worden, aber die Nachbarn hätten sich nie beschwert, so von Alemann.

"Damit konnten uns die Politiker nicht beeindrucken"

Immer wieder wurde über Atompolitik diskutiert. Hunderte, ja tausende Einwendungen hätten die Mitglieder der Bürgerinitiative geschrieben, doch diese "wurden von den Politikern gar nicht ernstgenommen", empört sich Marianne von Alemann. Die Einwendungen seien aus Sicht der Politiker nicht relevant gewesen. "Doch damit konnten uns die Politiker nicht beeindrucken", sagt die Atomkraftgegnerin. Zusammen mit der späteren Bundestagsabgeordneten Lilo Wollny reiste sie durch die Republik, organisierte Informationsveranstaltungen und hielt Vorträge, war Gast in Fernsehstudios und Diskussionsrunden.

Jubiläumsfeier am Sonnabend

Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow Dannenberg feiert am Sonnabend ab 18 Uhr in den Trebeler Bauernstuben ihr Jubiläum. Rebecca Harms und Wolf Römmig blicken gemeinsam auf die ersten Jahre der BI zurück. Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel ist zu Gast. Nach der Feierstunde spielt die Freie Bühne Wendland das Stück "Gutes Wendland – schlechtes Wendland". Eingeladen sind alle aktiven und ehemaligen Mitglieder der Bürgerinitiative.

"Gerade nach unseren Erlebnissen in der Nazizeit waren wir schockiert, wie hier Demokratie und bürgerliche Rechte mit Füßen getreten wurden", sagt von Alemann. Unterstützung fand sie immer bei ihrem Mann Wilhelm, der sich ebenfalls in der Bürgerinitiative engagierte, unter anderem als Kassenwart. Im Jahr 1980 zog ihr damals 59 Jahre alter Mann nur mit einem Schlafsack in das Hüttendorf 1004 - ein von Atomkraftgegnern besetztes Bohrloch. Von Alemann lächelt und erzählt, dass ihr Mann nach einer Kriegsverletzung nur am Stock habe laufen können. Bei einer Räumung durch behelmte Polizisten habe er sich stolz auf einen Stuhl gesetzt. Dieses Bild ging durch die Presse.

Ende der Geschichte nicht in Sicht

Von Alemanns helle Augen leuchten. Langsam steht die alte Frau aus ihrem Bett auf und geht mit Hilfe des Rollators in ein kleines Büro, um ihre alten Schwarz-Weiß-Bilder aus einem Schrank zu holen. Bereut habe sie nie etwas, sagt sie. Und sie sei froh, dass junge Menschen den Protest weiter trügen. Von Alemann wünscht sich, dass viele junge Menschen sich mit "Geduld, Phantasie aber auch Spaß" weiter gegen Atomenergie einsetzen. Darauf basiere der Erfolg, sagt sie. Die Bürgerinitiative ist nach eigenen Angaben eine der ältesten und größten in ganz Deutschland. Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow Dannenberg hat Geschichte geschrieben, doch ein Ende der Geschichte ist noch nicht in Sicht. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hallo Niedersachsen | 19.02.2017 | 19:30 Uhr

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