Stand: 12.10.2017 10:51 Uhr

Wie mit Social Media Wahlkampf gemacht wird

von Tina Zemmrich

Dienstagabend, 21 Uhr, Hannover-Messe. Die Spitzenkandidaten der beiden großen Parteien treffen sich zum TV-Duell im NDR. Ministerpräsident Stephan Weil von der SPD und Herausforderer Bernd Althusmann von der CDU. 75 Minuten - es wird später als "hartes Duell" beschrieben werden, als ein Aufeinandertreffen mit wirklichem Meinungsaustausch. Traditionell versuchen in solchen Fällen beide Lager die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. Wer wie gewirkt hat, wer das Duell für sich entscheiden konnte - da gehen die Expertenmeinungen gern auseinander. Es ist die Zeit der sogenannten Spin-Doktoren: Aktive einer Partei, die versuchen, die Deutungshoheit über die Performance ihres Kandidaten zu erlangen.

TV-Duell zwischen Weil und Althusmann.

Kein Kuschelkurs: Weil und Althusmann im Duell

Hallo Niedersachsen -

Im TV-Duell zwischen Stephan Weil und Bernd Althusmann gingen beide nicht auf Kuschelkurs. Der Schlagabtausch des Ministerpräsidenten und seines Herausforderers.

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Wahlkampf mit Pizza und Pasta

Zehn Kilometer vom Messegelände entfernt, in der niedersächsischen CDU-Zentrale, treffen sich an diesem TV-Duell-Abend sieben junge Leute. Es gibt Pizza und Pasta vom Italiener nebenan - und nur einen Auftrag: so viele Facebook-Posts wie möglich abzusetzen, natürlich mit Lob für den eigenen Kandidaten und Kritik für den Kontrahenten. Bei der SPD Niedersachsen ein ähnliches Bild. 15 Pizzen bringt der Lieferservice in die Odeonstraße in Hannover. 20 junge Parteimitglieder treffen sich im Kurt-Schumacher-Haus mit ihren Handys und Laptops in dem Raum ganz oben unterm Dach. Beide Seiten kommentieren, so viel sie können. Gern auch mit Seitenhieben auf den jeweiligen Kontrahenten. Insgesamt 1.800 Kommentare kommen zustande.

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Instagram und Youtube kommen kaum vor

Bei den sozialen Netzwerken setzen die Parteien vor allem auf Facebook. Twitter bekommt immerhin noch ein bisschen Aufmerksamkeit. Instagram und Youtube werden eher stiefmütterlich behandelt. Bei Youtube beispielsweise sind die letzten Uploads mehrere Tage alt - eine Ewigkeit im schnelllebigen Netz. Bernd Althusmann, Spitzenkandidat der CDU, twittert selbst. Auch, wenn er noch nicht einmal Tausend Follower hat. "Das, was über Twitter geht, kommt von mir. Wir sind auf allen Kanälen unterwegs. Der Internetwahlkampf hat eine hohe Priorität bei uns. Wir versuchen, gerade jungen Leuten ein entsprechendes Angebot zu machen", sagt der CDU-Politiker. Als Donald Trump von Niedersachsen möchte er sich aber nicht verstanden wissen. Er twittere nur, wenn er es wirklich für nötig halte. Der amtierende Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat zwar dreimal so viele Follower, sein letzter Tweet aber liegt Tage zurück.

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Vorteil Facebook

Auch bei Facebook liegt Amtsinhaber Stephan Weil in punkto Zugriffszahlen weit vorn. Mehr als 15.000 Menschen sind es, die aktiv folgen und Inhalte lesen. Bei Bernd Althusmann haben 6.000 Menschen auf "Gefällt mir" geklickt. Einen Imagefilm über Weil hatte die SPD sogar lange als Titelbild eingebettet. "Der Imagefilm ist alleine auf meiner Facebook-Seite inzwischen mehr als 300.000 Mal erreicht worden. Das ist schon eine stolze Nummer. Das erreicht man mit Anzeigen typischerweise nicht mehr", erklärt Stephan Weil.

Analyse zeigt: Parteianhänger unter sich

Wenn es wirklich um aktive Teilhabe geht, wenn User also aktiv bei einem Ereignis kommentieren und Fragen stellen, zeigt sich, dass Parteianhänger meist unter sich bleiben. Eine Studie der Universitäten Hildesheim, Göttingen und Heidelberg hat in dem Forschungsprojekt "Wahlkampf in (a)sozialen Netzwerken" die politische Kommunikation im Bundestagswahlkampf beleuchtet und nun im Auftrag des NDR auch auf den niedersächsischen Wahlkampf geblickt. Bei zwei Sonder-Sendungen von "Hallo Niedersachsen" im NDR Fernsehen konnten User während der Sendung live bei Facebook kommentieren und Fragen stellen. "Die Sendungen sind als mediale Großereignisse im Landtagswahlkampf zu bewerten. Angesichts dessen ist die Aktivität auf Facebook und Twitter immer noch sehr überschaubar", resümiert Wolf Schünemann, Studienleiter der Uni Hildesheim.

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Kommentare selten ausgewogen

Besonders auffällig: wenn kommentiert wird, dann entweder betont positiv oder kritisch, selten ausgewogen. Beim Auftritt von CDU-Spitzenkandidat Althusmann beispielsweise. "Sachlich und kompetent. So stelle ich mir den neuen Ministerpräsidenten vor", heißt es da zum Beispiel. Viele dieser Beiträge stammen, beim genaueren Betrachten, aber von Autoren, die selbst als CDU-Politiker oder -Anhänger zu erkennen sind. Unter den Top Ten der Nutzer mit den meisten Kommentaren in der Diskussion machen sie die Hälfte aus. Die andere Hälfte entfällt auf Anfeindungen und betont kritische Stimmen - Kommentare, die mutmaßlich aus dem anderen politischen Lager heraus gesendet werden.

Viel Geld für die Social-Media-Präsenz

"Noch nie ist so viel Budget in den Online-Wahlkampf geflossen", gibt die SPD zu. Wie viel genau, sagt sie genau wie AfD und CDU nicht. Nur Grüne und FDP legen die Zahlen offen. Die Grünen geben für den Online-Wahlkampf in Niedersachsen 100.000 Euro aus, die FDP 75.000. Die Linke spricht von einem hohen vierstelligen bis niedrigen fünfstelligen Betrag.

Wenig Effekte

Insgesamt könne man eindeutig sehen, dass vor allem über Facebook viel mehr kommuniziert werde als noch vor ein paar Jahren, fasst Kommunikationswissenschaftlerin Sarah Geber von der Uni Hannover zusammen. Aber sie gibt auch zu bedenken, dass längst nicht so viel auf Personalisierung gesetzt werde wie beispielsweise in Amerika. "Politiker stehen dort stärker im Fokus, geben Persönliches preis und versuchen so, eine Beziehung aufzubauen." Niedersächsischen Politikern gehe es wiederum vor allem um die Ankündigung von Wahlkampfveranstaltungen oder das Platzieren von Kernaussagen.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 12.10.2017 | 19:30 Uhr

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