Stand: 18.06.2017 12:00 Uhr

Überlastete Pfleger flüchten in die Leiharbeit

von Holger Bock und Marie-Caroline Chlebosch

Auch Gewerkschafter sehen Leiharbeit naturgemäß skeptisch. Die Belastung für die Rest-Belegschaft nehme mit jeder zusätzlich eingesetzten Leiharbeitskraft zu, so Brigitte Horn von ver.di. Doch die Entscheidung der Pflegekräfte, in die Leiharbeit zu wechseln, kann sie verstehen. Viele Betroffene fühlten sich als Festangestellte im Dauerstress und ohne planbares Familienleben. Vor allem das wiederholte Einspringen aus dem Frei, wenn eine Schicht krankheitsbedingt nicht besetzt werden kann, belaste viele Krankenpflegekräfte, weil sie ihre Kollegen nicht im Stich lassen wollten.

Immer wieder Verstöße gegen Arbeitszeitgesetz

Dass die Arbeitsbelastung in den Kliniken hoch ist, belegen auch offizielle Zahlen. Den Recherchen zufolge haben Niedersachsens Gewerbeaufsichtsämter im vergangenen und im laufenden Jahr bei Stichproben in 19 Krankenhäusern mehr als 150 Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz festgestellt. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher sein, vermuten Betriebsräte. Nicht berücksichtigt sind in diesen Zahlen beispielsweise auch die Überstunden von Teilzeitbeschäftigten. Wer nur für 20 Stunden in der Woche angestellt ist, aber regelmäßig 30 arbeitet, bei dem liegt kein Verstoß gegen die gesetzlich zulässige maximale Arbeitszeit vor, sagt ein Chef eines der zehn niedersächsischen Gewerbeaufsichtsämter.

Forderungen an Gesundheitsminister

Was also ist zu tun? Engelke spricht von einem Teufelskreis: kleinere Stammbelegschaft, mehr Belastung für den Rest, Flucht in die Leiharbeit, noch kleinere Stammbelegschaft. Daraus könnten die Kliniken aus eigener Kraft nicht mehr ausbrechen. In der Forderung nach einem Eingreifen der Politik sind sich die Arbeitgeber mit der Gewerkschaft einig. An den konkreten Schritten allerdings scheiden sich die Geister. Ver.di setzt sich für ein sogenanntes Personalbemessungsgesetz ein, also eine Quote pro Patient. Diese Forderung will die Gewerkschaft am kommenden Mittwoch auch den Gesundheitsministern von Bund und Ländern in Bremen überreichen. Garniert ist der Appell mit Tausenden Unterschriften von Patienten und Pflegekräften. Ein Gesetz ändere aber nichts am fehlenden Geld, sagen dagegen die Arbeitgeber. Die Krankenhausgesellschaft fordert in einem ersten Schritt einen Bundeszuschuss für die Kliniken aus Steuergeldern.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 18.06.2017 | 19:30 Uhr

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